Plädoyer für eine Initiationspädagogik

Von Griet Hellinckx, April 2017

Vor hundert Jahren sprach Rudolf Steiner davon, dass auch ohne gezielte Schulung sich in den kommenden Generationen durch die Lockerung der Wesensglieder neue spirituelle Fähigkeiten entwickeln würden.

Im Januar 2015 fand mit Unterstützung des Bundes der Freien Waldorfschulen und der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Stuttgart ein Bildungskongress zu spirituellen Erfahrungen und neuen Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen statt. Sechshundert Menschen nahmen teil. Die Frage, wie die Pädagogik einem sensibler werdenden Bewusstsein begegnen kann, zog sich als dringliche Forschungs- und Gestaltungsfrage durch die verschiedenen Beiträge und Arbeitsgruppen. Jetzt liegt liegen die Vorträge in Buchform vor.

Nach Manfred Schulze stehen die Öffnung zum Geistigen und zur eigenen Individualität in direktem Zusammenhang mit Schwellenerlebnissen und Initiationsprozessen, wie sie im Rahmen von spirituellen Schulungen seit Jahrtausenden beschrieben werden. Diese werden von Kindern und Jugendlichen bewusst oder unbewusst gesucht. Somit braucht es eine Initiationspädagogik, die dieser Sehnsucht auf eine gesunde Art und Weise begegnet.

Michaela Glöckler schildert die sensiblen Phasen der Persönlichkeitsreifung. Sie richtet dabei den Blick auf das Erwachen des Selbstbewusstseins und weist darauf hin, dass Kinder sich immer früher der eigenen Individualität bewusst werden.

Der Heilpädagoge Karsten Massei beschreibt differenziert, wie viele junge Menschen von sich aus »geistig« lauschend im Leben stehen und ein Vertrauen in übersinnliche Wahrnehmungen entwickeln. Die Klarheit, die daraus entstehen kann, wird allerdings oft durch die Notwendigkeit zugedeckt, sich der Gesellschaft anzupassen.

Michael Birnthaler weist auf die sogenannte Indigokinder-Forschung hin und beschreibt den Zusammenhang zwischen Spiritualität und dem Bedürfnis nach Abenteuer. Er gibt Empfehlungen für den Umgang mit den »neuen« Kindern und Jugendlichen: Bewährung statt Belehrung, sie sollen Gemeinschaft erfahren können und bewusst mit ihren Idealen, Visionen und Lebensaufgaben umgehen lernen. Die stärkere Empathiefähigkeit sowie die Sehnsucht nach einer spirituellen Gemeinschaft werden von Johannes Greiner beschrieben. Er stellt dar, wie manche der von Steiner angekündigten neuen Fähigkeiten erkannt werden können und was für Auswirkungen diese womöglich im Alltag und in der Biographie junger Menschen haben. Krankhafte Entwicklungen wie Ritzen, Magersucht und das Borderline-Syndrom können so in einem anderen Licht betrachtet werden. Manfred Schulze hält zum Schluss mit großer Dringlichkeit ein Plädoyer für die willensmäßige Durchdringung der neuen hellseherischen Fähigkeiten und für eine künstlerisch-praktische Schule, die den unbewusst stattfindenden Initiationsprozessen gerecht wird. Eine Aufgabe, die in den vergangenen Jahrzehnten offensichtlich sehr an Aktualität gewonnen hat.

Andreas Neider (Hrsg.) Spirituelle Erfahrungen und neue Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Wie begegnet die Pädagogik einem sensibler werdenden Bewusstsein?, brosch., 128 S., EUR 16,–, edition waldorf, Stuttgart 2016

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