Plädoyer für mehr Matsch!

Von Griet Hellinckx, November 2011

Dass Bewegung und Wahrnehmung mit allen Sinnen eine notwendige Grundlage sind für eine gesunde Entwicklung, dürfte in Waldorfkreisen nicht mehr als Neuigkeit gelten. Auf vielen Pausenhöfen gibt es wunderbare Klettergerüste, Höhlen oder Weidenhäuschen. Längst hat man auf dem Elternabend erklärt bekommen, dass das Stricken nicht nur die Feinmotorik, sondern auch nachgewiesenermaßen das Denken schult. Im Gartenbau wird der praktische Umgang mit der Erde geübt. Es ließen sich noch viele Besonderheiten der Waldorfpädagogik aufzählen.

Bei so vielen tollen Angeboten könnten Waldorfeltern, -erzieher oder -lehrer denken, dass ein Buch mit dem Titel »Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur« nichts für sie ist, weil sie schon wissen, was drin steht. Das mag zwar teilweise stimmen, aber dennoch ist es äußerst lesenswert. Der Philosoph und Biologe Andreas Weber, Schriftsteller und Vater zweier Kinder, hat ein leidenschaftliches, liebevolles und zugleich aufrüttelndes Plädoyer für mehr Wildheit und Lebendigkeit geschrieben.

In seinen Schilderungen schöpft er aus den Erfahrungen seiner eigenen Kindheit und Jugend sowie aus den Beobachtungen an seinen Kindern: die erste Begegnung seines Sohnes mit dem Nachbarhund; der Tod eines verletzten Buchfinks, der zum Entsetzen seiner Tochter in einer Tierarztpraxis eine Spritze bekommt; Kinder, die, mit dem Schlamm der Baustelle nebenan bedeckt, anklopfen und um einen weiteren Eimer betteln; das Telefonat mit dem Ordnungsamt, bei dem drei Tage lang diskutiert wurde, ob eingeschritten werden sollte, weil seine Kinder mit den Nachbarskindern eine Baumhütte bauten.

Die oft poetischen und leicht zu lesenden Ausführungen werden von berührenden wie aufrüttelnden Statements begleitet, die mit Hinweisen auf Studien und Forschungen untermauert sind.

Dabei rückt der Autor ausführlich die Änderungen in den Fokus, die sich durch die Technologisierung des Alltags ergeben, und stellt die berechtigte Frage, inwieweit viele psychosomatische Krankheitsbilder letztlich ein Ausdruck der mangelnden Naturnähe sind: Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom könnte sich als ein Natur-Defizit-Syndrom erweisen. Der Leser, der sich auf diese Geschichten und die oft tiefgründigen Gedanken einlässt, kann sich der Überzeugungskraft dieses Plädoyers nicht entziehen. Er wird auch ohne die Anregungen für Eltern, Erzieher und Lehrer am Ende des Buches Ideen entwickeln, wie das Gefühl der Lebendigkeit, Liebe und Lebensfreude in der Beziehung zur Natur und ihren Lebewesen (noch) mehr zu seinem Recht kommen kann.

Andreas Weber. Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur. 253 S., geb. EUR 18.–, Ullstein Verlag, Berlin 2011

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