Wider den Akademisierungswahn

Von Griet Hellinckx, Januar 2015

Julian Nida-Rümelin gibt Denkanstöße – leidenschaftlich, fundiert und klar in der Argumentation.

Er kritisiert die aktuellen Normierungstendenzen sowie die Verflachung und Standardisierung im Zuge einer Globalisierung unter neoliberalem Vorzeichen. Er plädiert, wie bereits in seinem Buch »Philosophie einer humanen Bildungspolitik« (2013) für eine inhaltlich begründete Bildungsreform, die sich den technokratischen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte entgegengestellt. Statt von Selektion und Gleichmacherei sollte diese von Vielfalt, Differenzierung, Persönlichkeitsentwicklung und Respekt für die individuellen Interessen und Fähigkeiten geprägt sein.

Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich der Autor mit der Krise beruflicher Bildung. Wenn zum Beispiel die Feststellung, dass Erzieherin ein anspruchsvoller Beruf sei, zu der Schlussfolgerung führt, dass er oder sie deswegen ein wissenschaftliches Studium absolvieren sollte, dann ist dies für Nida-Rümelin ein »intellektualistischer Fehlschluss«. Denn es ist keineswegs gesagt, dass die nötigen Fähigkeiten in einem Studium erworben werden. Andererseits weist er daraufhin, dass es durchaus an der Zeit ist, die theoretischen Angebote, die eine berufliche Ausbildung begleiten, zu diversifizieren und zu intensivieren.

Die Meinung, dass alle die Hochschulreife erwerben sollten, um anschließend zu studieren, sowie der Glaube, dass messbarer Kompetenzerwerb als Steuerungsmittel brauchbar ist, zeugen von mangelnder Wertschätzung für individuelle Unterschiede und nationale Bildungstraditionen. Eine weitere Verlagerung der Ausbildungsberufe an die Universitäten und Fachhochschulen würde dort zu einer Überforderung sowie zu einem Qualitätsverlust führen.

Das wäre um so mehr zu bedauern, als Deutschland ein ausgeprägtes duales Berufsausbildungssystem hat, das Garant ist für hochqualifizierte Fachkräfte in vielen Bereichen. Es ist wohl zum Teil der praxisorientierten, nicht-akademischen Berufsbildung zu verdanken, dass bis jetzt die hohe Jugendarbeitslosigkeit, wie sie in vielen Ländern ein massives Problem ist, in Deutschland ausbleibt.

Im dritten Teil des Buches plädiert der Autor für einen Kurswechsel in Bezug auf die akademische Bildung. Er betrachtet den Bologna-Prozess als gescheitert. Bei Einführung der Bachelor-Studiengänge war es ein Anliegen, dass 80 Prozent der Studierenden nach drei Jahren auf den Arbeitsmarkt wechseln würden. Mit dem Bachelorabschluss wird jedoch oft keine Qualifikation erworben, die für den Arbeitsmarkt relevant ist.

Nicht nur die sieben Thesen am Schluss, sondern das ganze Buch sind eine anregende Gesprächsgrundlage. Sie schärfen den Blick für Tendenzen in der Bildungspolitik. Man findet viele Gedankengänge, die den Wert des waldorfpädagogischen Ansatzes bestätigen, aber auch welche, die dazu anregen, genauer hinzuschauen, an welchen Stellen der gesellschaftlich dominante Blick in der Waldorfschulbewegung zu Entwicklungen führt, die der Persönlichkeitsentwicklung und dem Respekt für die Individualität und die Vielfalt nicht dienlich sind.

Julian Nida-Rümelin: Der Akademisierungswahn. Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung, Klappenbroschur, 256 S., EUR 16,–, edition Körber-Stiftung, Hamburg 2014