Zur Geschichte der Weleda

Von Wolfgang G. Vögele, November 2014

Im Berliner Wissenschaftsverlag ist eine Studie zur Firmengeschichte der Weleda AG erschienen, die aufgrund von Archivunterlagen erstmals einen gründlichen Einblick in das Schicksal des Unternehmens in den 30er und 40er Jahren bietet. Autor ist der Historiker Uwe Werner.

Werner ist ehemaliger Archivar am Goetheanum und Autor des Standardwerks zu »Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus« (1999). Seine beachtenswerte Arbeit zur Geschichte der Weleda AG stellt eine Fortschreibung der 1997 erschienenen Dokumentation »Rudolf Steiner und die Gründung der Weleda“« (Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft 118/119) dar, die mit dem Tod Steiners (1925) endet.

Durch das Verbot der Anthroposophie während der NS-Zeit geriet auch die deutsche Weleda (Schwäbisch Gmünd) in existenzielle Gefahr. Werner legt die Gründe dar, weshalb die Firma dennoch das NS-Regime und die Kriegsjahre relativ unbeschadet überstand. Erstens war sie die Niederlassung einer Schweizer AG und zweitens bildete ihre spezifisch anthroposophische Grundlage, die sich bis in die Sozialgestaltung der Firma erstreckte, ein geistiges Gegengewicht zum europäischen Faschismus.

Dies habe den Mitarbeitern die Kraft zum passiven Widerstand ermöglicht, der die Maßnahmen des Regimes gezielt unterlief oder umging, so die These Werners. Der Autor setzt sich auch mit der Gefahr auseinander, die der Weleda AG durch Vereinnahmungstendenzen von Seiten des NS-Regimes drohte.

Das Buch gliedert sich in drei Teile: »Die Entstehung der Weleda« (1919 bis 1924), »Ein anthroposophische orientiertes Unternehmen. Die Pionierzeit« (1925 bis 1932) und »Überleben in einem menschenverachtenden Umfeld« (1933-1945).

Die frühen Jahre

Der promovierte Chemiker Oskar Schmiedel hatte schon 1912 mit der Malerin Imme von Eckardstein in München ein Labor gegründet, in dem Pflanzenfarben nach Angaben Rudolf Steiners produziert wurden. Bald wurden auch kosmetische Produkte hergestellt und Analysen für Ärzte. 1914 zog Schmiedel nach Dornach, wo er Farben und Schutzlacke für den Goetheanumbau, aber auch Medikamente für anthroposophisch orientierte Ärzte herstellte. Nach dem Weltkrieg wurde dann auch in Stuttgart (im Rahmen der Assoziation »Komtag«) ein Forschungslaboratorium begründet.

Die grundlegenden sozialpolitischen Ideen Steiners, wie sie 1919 in der Dreigliederungsbewegung zutage traten, wurden auch für die zukünftige Weleda relevant, indem assoziative Elemente, wie sie Steiner auf makrosozialem und wirtschaftlichem Gebiet vorschlug, sich auch auf die Zusammenarbeit mit Ärzten und Patienten auswirkten. 1921 wurde das »Futurum-Laboratorium« (später Weleda AG) in Arlesheim begründet.

1924 wurden die Einrichtungen in Deutschland als Zweigniederlassung der Schweizer Muttergesellschaft konstituiert, was auch vor dem Hintergrund gesehen werden muss, dass Rudolf Steiner nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch 1923 die politischen Verhältnisse in Deutschland als unsicher einschätzte. Das Überleben der Betriebe in Deutschland war auch dieser Struktur zu verdanken.

Anthroposophisch motivierte Betriebskultur

Ausführlich werden die Leistungen führender Verantwortungsträger (u.a. Oskar Schmiedel, Emil Leinhas, Edgar Dürler, Fritz Götte, Wilhelm Pelikan, Wilhelm Spiess, Joseph van Leer) gewürdigt. Werner erhellt die Namensgebung des Unternehmens, beschreibt den ersten Heilmittelfundus, bringt seltene Abbildungen von handschriftlichen Notizen Steiners für Rezepte und dessen Skizzen zur Produktwerbung.

Geschildert wird auch die Einführung der Sportgymnastik und der hygienischen Eurythmie auf freiwilliger Basis (1927) und der »Werkstunden« als Teil einer anthroposophisch motivierten Betriebskultur. Den Mitarbeitenden wurde so ein Verständnis aller Betriebsvorgänge von der Herstellung bis zur Vermarktung ermöglicht. Weitere Themen sind die Entstehung der „Weleda-Nachrichten“ und das Verhältnis zu den Krankenkassen. Auch die Umsatzentwicklung wird dargelegt.

Dem Jahr 1935 wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet: Im Zuge des Verbots der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland wurden auch Mitarbeiter der Weleda denunziert und polizeilich verhört. Ein Polizeibericht wird zitiert. 1938/40 stand die Existenz des Unternehmens auf der Kippe, 1941 erfolgte ein Stillegungsbescheid und ein „Kriegsnotprogramm“ trat in Kraft. Nicht nur gegenüber den Nazis, auch gegenüber den alliierten Besatzungsmächten war es letztlich von Vorteil, dass sich das Stammhaus der Firma im neutralen schweizerischen Arlesheim befand.

Spannender Beitrag

Fritz Götte, der 1941 Direktor der Weleda wurde, warnte 1976 vor einer wachsenden bürokratisch-politischen Machtkonzentration in der EU. Dieser müssten direktdemokratische Gegenkräfte entgegenwirken, etwa eine »Volksbewegung für ein freies Heilwesen«. Heute leben solche Gegenbewegungen in Patientenorganisationen und anderen Bürgerbewegungen und NGO-Interessenverbänden.

Ein dokumentarischer Anhang bringt bisher unveröffentlichte Dokumente, u.a. ein Verzeichnis der ärztlichen Attestgeber (Februar 1942) zum Bericht über die pharmazeutischen Präparate der Weleda an das Reichsgesundheitsamt Berlin, mit den Namen von über 130 Ärzten, städtischen und privaten Kliniken, Sanatorien usw. Beeindruckend sind auch die vielen, teilweise farbigen Abbildungen. Ein Namensverzeichnis und ein Sachregister erleichtern die Orientierung. Insgesamt kann Werners Buch als ein spannend zu lesender Beitrag zur Geschichte der anthroposophischen Bewegung bezeichnet werden.

Uwe Werner: Das Unternehmen Weleda 1921-1945. Entstehung und Pionierzeit eines menschengemäßen und nachhaltig ökologischen Unternehmens. Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2014. 260 S., 24.80 €