Demut wird zu Opferkraft

Von Florian Roder, Februar 2017

Demut ist eine aus der Mode geratene Tugend. An allem, was das moderne Leben uns beschwörend zuflüstert, hat sie keinen Anteil. Gefragt sind kritisches Urteil, Pochen auf die eigene Meinung, freie Behauptung der Persönlichkeit gegenüber allem Überlieferten, Althergebrachten.

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Demut erscheint aber auch als moderne Tugend. Viele Menschen spüren, dass in dem eingeschliffenen Seelenverhältnis zur Natur wesentlich die Wurzeln der Umweltzerstörung zu suchen sind. Und sie ahnen, dass in dem, was man Ehrfurcht und Demut vor dem Leben nennen kann, ein Heilmittel für den gegenwärtigen Krankheitszustand liegt.

Wie aber kann eine Eigenschaft, die einst in reicher Fülle zu Gebote stand, unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts eine Erneuerung erfahren, ohne das moderne Selbstbewusstsein zu unterhöhlen?

Drei Schritte der Wiedererringung zeichnen sich ab, Schritte, die zugleich den Zusammenhang mit der Tugend der Opferkraft erschließen können. Der erste Schritt wird ein mühevoller sein. Ich entdecke, vielleicht in schmerzlichen Selbsterkenntnisprozessen, dass meine alltägliche Verfasstheit alles andere als »demütig« ist. Man nehme »Hochmut« nur nicht allzu eng. Ehrlicher Selbstbesinnung wird rasch aufgehen, wie die mit ihm verknüpfte Stimmung in alle Verästelungen meines Seelenlebens hineinreicht. Tritt dazu eine leise Scham, beginnt jenes großartige Selbstbild zu zerbröckeln, das ich mir als Denkmal meines Egos errichtet habe.

Wie zum Dunklen der Gegenpol des Hellen gehört, müssen zu den negativen, das alte Bild verbrennenden Vorgängen positive Anstrengungen hinzukommen. Günstig wird es sein, wenn ich bei diesen Anstrengungen auf Erfahrungen zurückgreifen kann, in denen mir das Erlebnis der Ehrfurcht und Demut auf natürliche Weise zugeflossen ist. Oft sind solche Erlebnisse in der Kindheit vergraben und nicht immer leicht zu heben. Wichtig ist, dass ich an ihnen ein Modell haben kann, das mir sagt, ob die richtige Stimmung eingetreten sei. Mit der Zeit wird es mir gelingen, Demut herbeizurufen.

Wir sind zum zweiten Schritt vorgedrungen. Das Ringen um Momente demutsvoller Stimmung ist in Ruhe übergegangen. Demut ist mir zur Fähigkeit geworden, die ich jederzeit hervorbringen kann. Auf dieser Stufe wendet sie sich aber auch dem Weltzusammenhang zu. Wie eine Blüte, die sich öffnet, wenn die Sonne sie bescheint, tut die Himmelsstimmung der Verehrung ihren Kelch auf, sobald ein Gedanke, eine Wahrnehmung herankommen, welche die entsprechende Stimmung fordern.

Bleibt noch Raum, um eine höhere Entwicklungsstufe zu erringen? Zunächst allem Anschein nach nicht. Wie aber, wenn das im Innern Quellende so mächtig würde, dass das Ich von seinem Überfluss abzugeben hätte? Geschähe das, wäre der Vorgang nicht mehr »Demut« zu nennen. Aus dem andächtigen Eingefügtsein in den kosmischen Reichtum der Welt wäre eine neue Gestalt hervorgegangen: die Opferkraft. Durch freies Verschenken, durch ausfließende Hingabe wird aus der Demut das Opfer. Diese dritte Stufe bringt eine umstürzend neue Qualität. Ihre Geste lebt in der Weltausgießung, in der Wirkung über die enggezogenen Grenzen der Persönlichkeit hinaus.

Demut ist die unzeitigste und modernste Tugend zugleich. Sie ist das Gegengewicht, das wir nötig haben, um nicht in den Abgrund der Freiheit zu stürzen.

Anmerkung: Text gekürzt aus Die 12 Monatstugenden, hrsg. von J.-C. Lin, Stuttgart 1999

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