Der Ichsinn ertastet den anderen Menschen

Von Peter Loebell, Dezember 2012

Zweiter Weltkrieg: Paris ist von den Deutschen besetzt. Jacques Lusseyran, noch Schüler und schon Student, engagiert sich im Widerstand. Er ist blind. Ihm werden die Menschen vorgeführt, die sich der Widerstandsbewegung anschließen wollen, seine Freunde wissen, dass er hinter die Oberfläche schaut.

Foto: Charlotte Fischer

Eines Tages wird ihm ein junger Mann vorgestellt. Als dieser »eintrat und ein überfreundliches ›Bonjour‹ ertönen ließ, war mir sofort ohne eine Spur von Zweifel klar: ›Diesen Menschen fallenlassen! So schnell wie möglich sich von ihm trennen!‹« Die eigene Wahrnehmung schildert Lusseyran sehr differenziert: »Seine warme Stimme, seine wohl geformten Worte passten zu dem Gesicht, das ich ihm zunächst gegeben hatte. Sofort aber kam unter diesem Gesicht ein anderes zum Vorschein. Das wich alsbald und verkroch sich, und kam alsbald unversehens wieder hervor. Es blähte sich gleichsam auf. Dieser Kerl hatte Blasen in der Stimme«. Die Präzision, mit der der Blinde seine Wahrnehmungen beschreibt, ist bemerkenswert. Es scheint, als sei er durch das Fehlen seines Augenlichts weniger abgelenkt als andere Menschen, so dass er eine neue Art des Sehens entwickeln konnte, die dem Tastsinn ähnlich ist. Mit dieser Wahrnehmungsfähigkeit gelang es ihm offenbar, das Wesen anderer Menschen exakter zu erkennen, als es seinen Mitstreitern möglich war.

Können wir den innersten Wesenskern eines Menschen, sein Ich, sinnlich wahrnehmen, wie Rudolf Steiner es beschreibt? Er schildert die Tätigkeit des Ichsinnes als ein Wechselspiel zwischen mir und dem anderen Menschen: Auf einen Moment der Hingabe an den Anderen folgt ein innerliches Widersetzen, und in dem Vibrieren der Seele zwischen diesen beiden Gesten, zwischen Sympathie und Antipathie, entsteht der Eindruck des fremden Ich in mir. Es ist wie ein behutsames Ertasten des anderen Wesens durch das wiederholte Berühren und Loslassen. Und wie uns der Tastsinn die Oberfläche unseres ganzen Leibes im Verhältnis zur Umgebung erfahren lässt, ist, wie es Rudolf Steiner in der »Allgemeinen Menschenkunde« formuliert, »das Organ der Wahrnehmung der Iche … über den ganzen Menschen ausgebreitet und besteht in einer sehr feinen Substanzialität, und daher reden die Menschen nicht vom Ich-Wahrnehmungsorgan«.

Der Vergleich der Ich-Wahrnehmung mit dem Tasten ist deshalb interessant, weil Steiner in seinen frühen Darstellungen beide nicht zu den Sinnen zählt. Er meinte damals, dass eine ganze Reihe unterschiedlicher Wahrnehmungen auf der Tätigkeit des Tastens beruhten. Später vertritt er die Ansicht, dass gerade der Tastsinn dem Menschen das »Durchdrungensein mit der allgemeinen Weltsubstantialität« oder »mit dem Sein als solchem« vermittelt. Tatsächlich kann man leicht erfahren, dass Tasten in einem umfassenden Verständnis viel mehr bewirkt, als die Empfindung beim Berühren einer gegenständlichen Oberfläche. Es ist der Kontrast von Leib und Umwelt, den wir durch den Tastsinn erschließen. Dabei spricht man von einer synästhetischen Wahrnehmung. So sehen wir mit dem Auge nicht nur farbige Flächen, sondern »wir ertasten sie mit dem Blick zugleich in räumlicher Tiefe« (Scheurle). Beim Ausgießen einer farblosen Flüssigkeit kann ich zum Beispiel Wasser von Öl durch ihre Konsistenz mit dem Blick unterscheiden, und das Schweben und Zerplatzen von Seifenblasen spüre ich beim bloßen Zuschauen wie eine Berührung. So wie ich sichtbare Gegenstände mit der Augenbewegung erkunde, so kann ich auch Gerüche, Geschmacksqualitäten oder akustische Eindrücke gleichsam ertasten. Beim Schnüffeln oder Schmecken wechsele ich jedes Mal zwischen gezielter Hinwendung und Rückzug – als müsste ich mich durch die Wiederholung beider Gesten mehrmals vergewissern, ob mein erster Eindruck richtig war. Dass ich auch das Lauschen als Tastvorgang erleben kann, spiegelt sich im Bau des menschlichen Hörorgans wider, »welches zugleich als Tastorgan für Richtung und Intensität von Tönen und Geräuschen aufzufassen ist und ein flüssiges Medium enthält« (Scheurle).

Wie der Tastsinn eine Grundlage vielfältiger Sinneserfahrungen bildet, so stellt der Ichsinn offenbar eine Zusammenfassung und Steigerung aller anderen Modalitäten dar. Wenn etwa eine Klassenlehrerin morgens einen ihrer Schüler begrüßt, entsteht dabei eine Fülle verschiedener Sinneswahrnehmungen: Sie sieht seine Gestalt, Bewegung und Haltung, hört die Stimme, berührt beim Händedruck seine Haut, spürt deren Wärme, nimmt einen Geruch wahr. Aber eine Wahrnehmung des anderen Ich entsteht doch vor allem, wenn sich die Blicke der beiden begegnen. Alle anderen Sinnesempfindungen werden transparent und lassen den Gesamteindruck des Gegenübers durchscheinen. Es ist der Wesenskern des Anderen, dem wir begegnen wollen – nicht ein Gebilde, das sich aus einer Summe von Einzelmerkmalen verschiedener Modalitäten zusammensetzt. Und diese Begegnung kommt unter Beteiligung des ganzen Leibes und aller Sinne zustande. Zweifellos werden die Sinneseindrücke in meinem Gehirn repräsentiert. Aber die messbaren physiologischen Vorgänge im zentralen Nervensystem bleiben ohne Bedeutung. Zwar können in Sekundenbruchteilen Verknüpfungen hergestellt werden, die ein Wiedererkennen des anderen Menschen ermöglichen. Aber ein Gehirn kann niemanden erkennen.

Durch das System der Spiegelneuronen kann die Tätigkeit und der emotionale Ausdruck eines Gegenübers im Gehirn simuliert werden. So erfahre ich in der Begegnung die aufrechte Haltung des Anderen durch meine eigene Haltung, den Händedruck durch meinen Zugriff, den Blick durch mein eigenes Blicken. Mein ganzer Leib und alle meine Sinnesorgane sind an der Wahrnehmung des anderen Menschen durch meinen Ichsinn beteiligt. So erfahre ich mein Gegenüber nicht als Summe einzelner Merkmale, sondern als ein Ganzes: »Denn der Andere ist mir gerade nicht nur als mentales Objekt gegeben, sondern als ein Selbstsein jenseits all seines Erscheinens-für-mich. Ihn als ihn selbst wahrzunehmen, muss alle vermeintliche Virtualität der Wahrnehmung aufheben« (Fuchs).

Literatur:

Thomas Fuchs: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan, Stuttgart 2010; Jacques Lusseyran: Et la lumière fut, Chatou 1987; Hans Jürgen Scheurle: Die Gesamtsinnesorganisation, Stuttgart, New York 1984; Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, Dornach 1992; Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung, Dornach 1985

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