Sind ehemalige Waldorfschüler gesünder?

Von Christoph Hueck, Januar 2014

Die Waldorfpädagogik legt einen besonderen Schwerpunkt auf die gesunde Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Rudolf Steiner wies wiederholt darauf hin, dass in der Schule Anlagen für Gesundheit oder Krankheit geschaffen werden – auch für das spätere Leben. Diese Frage wurde nun in einer umfassenden empirischen Studie untersucht, die zeigt, dass ehemalige Waldorfschüler lebenslang deutlich seltener an verschiedenen Beschwerden und Krankheiten leiden als Menschen, die keine Waldorfschule besucht haben.

Eine psychosomatische Medizin gab es bei der Begründung der Waldorfschule noch nicht, und doch wies Rudolf Steiner schon damals dezidiert auf körperliche Auswirkungen von Erziehung und Unterricht hin: »Was im kindlichen Alter in die Seele aufgenommen wird, das erscheint im Erwachsenen als gesunde oder kranke Körperverfassung. […] Denn im Kinde überträgt sich jeder seelische Impuls in gesunde oder kranke Atmung, in gesunde oder kranke Zirkulation, in gesunde oder kranke Verdauungstätigkeit. Was da Krankes entsteht, fällt oft am Kinde noch nicht auf. Es ist erst keimhaft vorhanden. Aber der Keim wächst mit dem Menschen heran. Und manche chronische Krankheit der vierziger Jahre des Menschen ist das Ergebnis der Seelenverbildung im ersten oder zweiten Lebensjahrzehnt« (11. April 1923). Als Beispiel führte er das Lesenlernen an: »Lernt das Kind zu früh lesen, dann führt man es zu früh in die Abstraktheit hinein. Und Sie würden unzählige spätere Sklerotiker beglücken für ihr Leben, wenn Sie ihnen nicht zu früh das Lesen beibrächten als Kinder. Denn diese Verhärtung des ganzen Organismus – ich nenne es populär so –, die in der mannigfaltigsten Form der Sklerose später auftritt, die kann man zurückverfolgen zu einer falschen Art, das Lesen beizubringen« (18. April 1923).

Manche körperlich-physiologischen Wirkungen lassen sich während des Unterrichts direkt beobachten: Werden die Kinder blass und unruhig, oder sind sie mit roten Wangen konzentriert bei der Sache? Andere Wirkungen lassen sich erahnen: »Atmen« die Kinder mit dem Unterricht zwischen Konzentration und Entspannung, herrscht zu viel Anspannung (verstärktes Einatmen) oder zu viel laissez faire oder gar Langeweile (zu viel Ausatmen)? Und wie wirkt wohl ein chaotisch-unorganisierter Unterricht auf das Verdauungssystem?

Indirekte Beobachtung der lebenslangen Gesundheit

Um eventuelle lebenslange gesundheitliche Auswirkungen von Unterricht und Schule auf die Gesundheit zu beobachten, führte der Autor in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité in Berlin eine Querschnittstudie durch. In einer schriftlichen Befragung beantworteten 1.136 ehemalige Waldorfschüler im Alter zwischen 20 und 80 Jahren insgesamt 52 Fragen zu ihrer Gesundheit, Lebensführung, Bildung, sozialem Status und Elternhaus.

Die »Ehemaligen« stammten aus den vier Waldorfschulen Berlin Dahlem, Hannover Maschsee, Stuttgart Uhlandshöhe sowie Nürnberg Erlenstegen. Sie waren im Schnitt 10,5 Jahre auf einer Waldorfschule gewesen, und 43 Prozent von ihnen hatten auch einen Waldorfkindergarten besucht. Zum Vergleich wurden die Antworten von 1.746 gleichaltrigen Personen, die keine Waldorfschule besucht hatten, aber in denselben Regionen wohnen, ausgewertet. In der Untersuchung zeigte sich, dass ehemalige Waldorfschüler insgesamt weniger häufig unter bestimmten Beschwerden und Erkrankungen litten als ehemalige Nicht-Waldorfschüler.

Die Häufigkeiten der berichteten Beschwerden und Erkrankungen sind in Abb. 1 und 2 zusammengefasst. (Download des Artikels mit allen Abbildungen und Tabellen) Statistisch signifikante Unterschiede zwischen beiden Gruppen gibt es für Magen-Darm-Beschwerden (woran die ehemaligen Waldorfschüler um ca. 20% seltener litten), Schlafstörungen (ca. 30% seltener), Gleichgewichtsstörungen (ca. 45% seltener), Gelenk- (ca. 40% seltener), Rücken- (ca. 20% seltener) und Kopfschmerzen (ca. 20% seltener) sowie für Diabetes (ca. 50% seltener), Arthrose (ca. 30% seltener), Hypertonie (Bluthochdruck, ca. 20% seltener), Angina pectoris (ca. 45% seltener) und chronische Bronchitis (ca. 40% seltener).

Für andere Erkrankungen, z.B. für Arteriosklerose, Krebs, Depressionen, Allergien und Erkältungen, zeigten sich zwar teilweise auch deut­liche Unterschiede (siehe Abb. 1 –  Download des Artikels mit allen Abbildungen und Tabellen), die aber aufgrund der beschränkten Studiengröße statistisch nicht als signifikant bewertet werden konnten.

Auch der Bildungsstand entscheidet über die Gesundheit

Im nächsten Schritt war nun zu fragen, welche Gründe die beobachteten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen erklären könnten. Dazu wurden die Ergebnisse unter Berücksichtigung möglicher Einflussfaktoren wie Ernährung, sportliche Aktivität, Rauchen, Alkoholkonsum, eigene

Bildung und berufliche Stellung sowie Bildungsstand des Elternhauses und weiterer Kindheitsfaktoren statistisch neu berechnet. Man vergleicht dabei das errechnete Risiko für ehemalige Waldorf- und Nicht-Waldorfschüler, an einer

bestimmten Krankheit oder Beschwerde zu leiden unter Berücksichtigung z.B. des eigenen Bildungsstands oder des Bildungsstands des Elternhauses, denn es ist bekannt, dass Akademiker aus verschiedenen Gründen z.B. seltener unter Arthrose leiden, als Menschen aus sogenannten unteren Bildungsschichten.

Obwohl die Kontrollgruppe in Bezug auf Alter und regionale Herkunft ähnlich wie die Waldorfgruppe ausgewählt wurde, unterschieden sich beide Gruppen in einer Reihe von Merkmalen. So war der eigene sowie der Bildungsstand des Elternhauses zwischen beiden Gruppen signifikant verschieden (siehe Tabelle Download des Artikels mit allen Abbildungen und Tabellen). Auch im Ernährungsverhalten unterschieden sich beide Gruppen deutlich, während sich keine auffälligen Unterschiede für den Konsum von Alkohol, für Rauchen sowie für die Häufigkeiten und Intensität sportlicher Aktivitäten ergaben.

Tabelle: Unterschiede zwischen Waldorf- und Kontrollgruppe in verschiedenen

(Download des Artikels mit allen Abbildungen und Tabellen)

Durch Berücksichtigung dieser Merkmale in der Auswertung (»Adjustierung«) konnte für einige Erkrankungen der Unterschied in der Erkrankungshäufigkeit zwischen beiden Gruppen erklärt werden (Abb. 3 – Download des Artikels mit allen Abbildungen und Tabellen). So gab es für Bluthochdruck, Angina pectoris, Diabetes und chronische Bronchitis keinen signifikanten Unterschied mehr zwischen ehemaligen Waldorf- und Nicht-Waldorfschülern, wenn ein Effekt des Bildungsstandes der Eltern auf die Erkrankung berücksichtigt wurde. Das Risiko, an einer dieser Krankheiten zu leiden, hängt also anscheinend nicht in erster Linie mit dem Besuch der Waldorfschule, sondern mit dem Bildungshintergrund des Elternhauses zusammen. Adjustierung für das unterschiedliche Ernährungsverhalten zeigte dagegen keinen Einfluss auf die Erkrankungs- und Beschwerdehäufigkeiten.

Zusammenhang zwischen früher Intellektualisierung und späterer Sklerotisierung?

Interessanterweise blieben aber für die meisten Beschwerden sowie für Arthrose auch unter Berücksichtigung aller genannten Faktoren signifikante Unterschiede zwischen ehemaligen Waldorf- und Nicht-Waldorfschülern erhalten (Abb. 3) (Download des Artikels mit allen Abbildungen und Tabellen). Auch für Heuschnupfen zeigte sich nach der Adjustierung ein signifikanter Vorteil für ehemalige Waldorfschüler. Für Arthrose und Heuschnupfen, für Magen-Darm- Beschwerden und in besonders ausgeprägtem Maß für Schlafstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Gelenkschmerzen und Rückenschmerzen gilt also, dass die bessere Gesundheit der ehemaligen Waldorfschüler nicht aus den berücksichtigten Einflussfaktoren erklärbar ist. Die geringere Häufigkeit dieser Krankheiten und Beschwerden könnte also mit dem Besuch einer Waldorfschule zusammenzuhängen. Dem Wissen der Autoren nach ist dies die erste Studie, die überhaupt einen Zusammenhang zwischen der Art der Schule und der lebenslangen Gesundheit aufzeigt.

Unter dem Gesichtspunkt der anthroposophischen Menschenkunde ist es interessant, dass die beobachteten Unterschiede vor allem den Bewegungsapparat und den Stoffwechsel betreffen, im weiteren Sinne den »schlafenden Menschen« (vgl. Steiner, »Allgemeine Menschenkunde«).

Es ist selbstverständlich unmöglich, aus den vorliegenden Daten auf einen bestimmten Aspekt des Waldorfunterrichts zu schließen, der insbesondere auf das »Stoffwechsel-Gliedmaßen-System« gesundheitsfördernd wirken könnte. Dennoch fallen die Hinweise Rudolf Steiners ins Auge, dass eine zu frühe Intellektualisierung, ein zu frühes »Aufwachen« den Organismus verhärtet, sklerotisiert: »Wenn wir das Kind zu viel denken lassen, dann versetzen wir in den Organismus die Anlage zu einer frühen Sklerose, zu einer frühen Arterienverkalkung« (11.8.1923). Bedenkt man, welche Bedeutung Schlafstörungen, Magen-Darm-Beschwerden und schmerzende Glieder im Leben haben, dann erscheint auch die folgende Äußerung Rudolf Steiners in einem besonderen Licht: »Unser Zeitalter zeigt uns ja überall an den erwachsenen Menschen, wie sie zu stark innerlich verfestigt sind, wie sie gewissermaßen wie eine hölzerne Maschine ihren Körper mit sich herumschleppen im Leben […], während eine richtige Erziehung, die aus dem Künstlerischen heraus arbeitet, den Menschen so erzieht, dass ihm jeder Schritt Freude macht, dass ihm jede Handbewegung, die er später im Leben im Dienste der Menschheit auszuführen hat, zu einem innerlichen Wohlgefallen wird« (ebd.). Im Sinne der heute bekannten Tatsachen über die psychosomatischen Zusammenhänge zwischen Bewusstsein und Gesundheit erscheinen solche Aussagen plausibel.

Das Querschnittdesign der Studie und der teilweise große Abstand zwischen dem Besuch einer Waldorfschule und den untersuchten Erkrankungen lassen naturgemäß nur eine begrenzte Interpretation der Ergebnisse zu. Deshalb sind weitere Forschungen geplant, um potentiell salutogenetische Effekte der Waldorfpädagogik genauer zu untersuchen: Können z.B. physiologische Auswirkungen der Waldorfpädagogik, die auf lange Sicht zu einem besseren Gesundheitszustand führen könnten, direkt bei den Schülerinnen und Schülern nachgewiesen werden? Wie wirkt die Schule auf die Regulation so genannter Stress-Hormone, auf die Entwicklung der Atmung und der Schwingungsfähigkeit des Herzens (Herzratenvariabilität) oder auf die Qualität des Schlafes?

Hinweis: Die detaillierten Ergebnisse der Studie wurden nach einem ausführlichen peer-review Verfahren in einer internationalen Fachzeitschrift publiziert und sind unter folgender Adresse online frei verfügbar. Fischer et al.: The Effect of attending Steiner Schools during childhood on health in adulthood: A multicentre cross-sectional study. PLOS one, 2013, Vol. 8, Issue 9, e73135. www.plosone.org.

Zum Autor: Prof. Dr. Christoph Hueck ist Naturwissenschaftler und Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart.

Literatur: Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293, Dornach 1992; ders.: Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens, 11.4.1923, GA 308, Dornach 1979; ders.: Die pädagogische Praxis vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis, 18.4.1923, GA 306, Dornach 1982; ders.: Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung, 11.8.1923, GA 307, Dornach 1986

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