Politisch-gesellschaftliche Bildung an Freien Waldorfschulen

Oktober 2016

Erklärung der Pädagogischen Sektion am Goetheanum, die auf der Tagung des Oberstufenkolloquiums in Dornach am 28. November 2015 beschlossen wurde und der sich im Januar 2016 der Bund der Freien Waldorfschulen angeschlossen hat.

Das Oberstufenkolloquium spricht sich dafür aus, die politisch-gesellschaftliche Bildung an Freien Waldorfschulen zu stärken und durch ein eigenständiges Oberstufenfach gesichert zu etablieren. [...] Die Jugendlichen brauchen im Sinne der Dreigliedrigkeit der menschlichen Konstitution neben den vielen gedanklichen, künstlerischen oder sozialen Themen und Aspekten des Oberstufencurriculums eine bewusste Beschäftigung und Auseinandersetzung z.B. mit den Kräften wirtschaftlichen Handelns, den Ordnungen des Rechts und dem lebendigen Geschehen der politischen Willensbildung. Ein solcher Fachunterricht entspricht in besonderem Maße dem aus der Dreigliederung des sozialen Organismus entwickelten und gegenwartsoffenen Gründungsimpuls der Waldorfpädagogik. Er ist ein Jahrhundert später in den immer schneller sich wandelnden Zeithorizonten der Gegenwart notwendig für die Entwicklung des Bewusstseins der jungen Menschen, damit sie die Gesellschaft verantwortlich und kraftvoll gestalten können. Nicht zuletzt wird ein solcher Fachunterricht auch von diesen selbst eingefordert.

Die gesamtschulische Aufgabe, »lebendiges Interesse« zu entwickeln »für alles, was heute in der Welt vorgeht«, die Rudolf Steiner der Schulbewegung bei ihrer Begründung am 20. August 1919 mit auf den Weg gab, kann durch die Einrichtung eines eigenständigen Faches gestärkt werden. So können Fachlehrerinnen und Fachlehrer diese Fragestellungen verstärkt aufgreifen und in diesem Sinne auch anregend in die Kollegien hineinwirken.

Die Einrichtung von waldorfspezifischer Aus- und Fortbildung sowie die Förderung von grundlegenden Publikationen zu diesem Fachgebiet sollen dieses Ziel unterstützen.

Weniger als ein Feigenblatt

Sozialkunde hat viele Namen. Seit seiner Einführung nach dem 2. Weltkrieg heißt dieses Fach in unterschiedlichen Bundesländern und Schulformen immer wieder anders: Gemeinschaftskunde, Gesellschaftslehre, WiPo, PoWi (Wirtschaft und Politik oder andersherum), PGW (Politik- Gesellschaft-Wirtschaft), Politische Bildung oder eben Sozialkunde. Immer geht es bei diesem Fach um Kenntnisse und die Reflexion der aktuellen gemeinschaftlichen Verhältnisse und Entwicklungen in Gesellschaft, Rechts- und Wirtschaftsleben sowie der Politik im engeren Sinne. Das ist auch an den Waldorfschulen nicht anders. Mehr als die Hälfte der Waldorfschulen bezeichnet diesen Unterricht als Sozialkunde.

Die Stundenausstattung dieses Faches im Gesamtlehrplan ist im deutschen Schulwesen sehr unterschiedlich. Einzig an Waldorfschulen gibt es viele, an denen ein solcher Unterricht gar nicht angeboten wird. Nach einer Erhebung aus dem Schuljahr 2015/16 verfügt etwa ein Drittel der Waldorfschulen über einen solchen Unterricht der politischen Bildung, der im Stundenrahmen solide oder gut ausgestaltet ist. Das zweite Drittel hat mit ein oder zwei Wochenstunden (oder eben Epochen) in der gesamten Schulzeit nur ein Angebot im Feigenblatt-Format zu bieten. Ein drittes Drittel verfügt über gar kein Angebot in diesem Bereich.

Kommentare

Helmut Wolman, Karlsruhe - Deutschlandweit, 04.01.17 22:01

Sehr guter Ansatz! Wir ehemalige Freiwillige der Freunde der Erziehungskunst unterstützen diese Bestrebungen zu mehr Beschäftigung mit wirtschaftlichen, sozialen und (entwicklungs-)politischen Themen! Auch aus der Perspektive der individuellen Biographie macht das in der Oberstufe Sinn.
Gerne unterstützen wir Waldorfschulen in ganz Deutschland durch unsere persönlichen Erfahrungen als soziale bzw. internationale Freiwillige.
Kontaktieren Sie uns: freunde-waldorf.de/zukunftsblick

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