Mensch – tanze!

Von Henning Kullak-Ublick, Mai 2017

Die Vögel singen, die Bäume blühen, die Bienen summen, die Maulwürfe buddeln, der Zaunkönig traut sich aus dem alten Holzstapel hervor und die Eichhörnchen flitzen über die Bäume – Frühling! ... und ich bin unendlich dankbar und glücklich darüber! 1962 erschien der Ökobestseller »Der stumme Frühling« von der Biologin Rachel Carson, dessen Titel mich immer noch schaudern lässt: Was, wenn der Frühling wirklich einmal stumm bliebe?

Am 12. Januar 2017 erkannte die von Donald Trump auf die Abschussliste gesetzte US-amerikanische Umweltschutzbehörde EPA erstmals (!) die tödliche Wirkung von Pestiziden auf die Bienen an, ohne allerdings irgendwelche Konsequenzen daraus zu ziehen. So könnte ich jetzt lange fortfahren ... will ich aber nicht.

Ich schaue lieber auf den sechsjährigen Lars, der seit einer halben Stunde auf dem Rasen liegt und bestaunt, was da auf kleinstem Raum alles vor ihm herumkrabbelt: Ameisen, Käfer, Spinnen, Grashüpfer, mit Zwischenlandungen von Hummeln, Schmetterlingen, Fliegen, Spatzen und Marienkäfern. Und das alles zwischen feinsten Gräsern, Klee, Gänseblümchen und dem weichen Moos, das so gerne Blüten hätte. Auf dem halben Quadratmeter vor ihm entfaltet sich eine Geschäftigkeit, die nicht für eine Sekunde langweilig wird. Weil er hinschaut, mit seinen Augen, seinem Herzen und ohne dabei noch etwas anderes zu tun.

Vielleicht kennen Sie den Satz: »O Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen!« Es ist der Schlusssatz eines Gedichtes, in dem es einige Strophen vorher heißt: »Tanz ist Verwandlung des Raumes, der Zeit, des Menschen, der dauernd in Gefahr ist, zu zerfallen, ganz Hirn, Wille oder Gefühl zu werden.« Augustinus (343 – 430 n. Chr.), dem das Gedicht zugeschrieben ist, sprach also schon damals vom Menschen als denkendem, fühlenden und wollendem Wesen, das nur ganz er selbst ist, wenn er diese zunächst geschenkten Fähigkeiten in der Balance hält.

Vielleicht ist das die entscheidende Freiheitsfrage unserer Zeit: Während Wollen, Fühlen und Denken bei kleinen Kindern noch ganz nah beieinanderliegen, driften sie bis zur Pubertät immer weiter auseinander – anders ist Freiheit nicht zu haben. Dann allerdings geht es darum, ob wir in diesem Entwicklungsstadium hängenbleiben, zum Preis einer fortschreitenden Persönlichkeitsspaltung, bei der der Verstand mechanisiert, die Gefühlsleere mit exzessivem Konsum betäubt wird und der Wille ungebändigt einem verwilderten Egoismus frönt – oder ob wir weitergehen und lernen, diese Kräfte wieder zusammenzuführen zu einem lebendigen Denken, einem vom Licht der Erkenntnis geleiteten Wollen und einem zum Wahrnehmungsorgan herangebildeten Fühlen.

Das ist der Tanz des 21. Jahrhunderts, so existenziell wie schön zugleich: für den Frühling in unseren Seelen nicht minder als für Lars und den Vogelgesang. Er ist das mit Abstand wichtigste Kriterium für die Pädagogik unserer Zeit. Wenn wir ihn tanzen, können die Engel auch im 21. Jahrhundert wieder etwas mit uns anfangen.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis sowie Koordinator von Waldorf100

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