Steiner kapieren, nicht nur zitieren. Eine Anregung an Hand von Zitaten

Von Karl-Martin Dietz, Februar 2011

Wer über Rudolf Steiner hinaus will, muss erst einmal bei ihm ankommen. Dann wird er nämlich feststellen, so Karl-Martin Dietz, dass er kein Dogmatiker war, sondern zur selbstständigen Weiterentwicklung der Anthroposophie anregen wollte.

85 Jahre nach Steiners Tod sollte man sich doch endlich von seiner Person lösen, die Anthroposophie weiterbringen und sich nicht ständig auf ihn berufen! Früher hörte man solche Töne von externen Kritikern der Anthropo­sophie. Inzwischen tönen so auch Insider, nicht zuletzt in der Waldorfschulbewegung. So verständlich – selbstverständlich! – diese Forderung klingt, so sehr zeigen diejenigen, die sie aufstellen, dass sie Rudolf Steiners Impulse nicht verstanden haben. Sie wollen offensichtlich über Steiner hinaus, ohne je bei ihm angekommen zu sein. Das erinnert an den unfreiwillig lustigen Spruch des SED-Vorsitzenden Ulbricht, man wolle »den Westen überholen, ohne ihn einzuholen«.

Wären diese Kritiker bei Steiners Intentionen angekommen, wären sie gleichzeitig über die Einzelheiten seiner Darstellung hinausgekommen und würden selbstständig an der Weiterentwicklung der Sache arbeiten. Denn genau dies liegt in seiner eigenen Intention:

»Deshalb, weil ich … keine Programme und Utopien gebe, … deshalb liegt mir gar nichts daran, dass alle meine Anregungen bis in die Einzelheiten ausgeführt werden. Wenn man an irgendeinem Punkte anfangen wird, so zu arbeiten, wie es im Sinne dessen liegt, was ich heute gesagt habe, dann möge von dem Inhalt, den ich vermittelt habe, kein Stein auf dem anderen bleiben …« – so Steiner in einem öffentlichen Vortrag in Bern am 11. März 1919 (GA 329).

Obgleich persönlich formuliert, sprechen diese Sätze nur aus, was in der Konsequenz des von ihm vertretenen freien Geisteslebens liegt. »Im Grunde genommen ist es schon der Beginn des Unfugs, wenn man jemandem zumutet, man soll ihm sagen: Das muss so und so gemacht werden«. Das sagte er zu den Lehrern der Freien Waldorfschule Uhlands­höhe in Stuttgart am 18. Juni 1921 (GA 302). 

Strukturen sind ein notwendiges Übel 

Die beliebte Gewohnheit manches Beflissenen, lieber zu zitieren als selbst zu kapieren, war Rudolf Steiner – wie aus einer Sitzung am 30. Januar 1923 hervorgeht (GA 259) – lästig: »Dieses ›soll‹ und ›soll nicht‹! fortwährend ›soll‹ man das tun, oder man ›soll‹ es nicht tun – was aber gar nicht vorkommt in dem, was ich vortrug.« Oder er beschwert sich einen Tag später zu nächtlicher Stunde (GA 259), dass »heute das zum Programm gemacht wird, was ich gestern nur illustrativ angeführt habe«. Als Grund für das Scheitern der Dreigliederungsbewegung hat Steiner auf dem internationalen Kongress in Wien am 11. Juni 1922 (GA 83) in gleichem Sinne konstatiert, sie sei »missverstanden« worden »auf allen (!) Seiten« und zwar besonders dadurch, dass man die Beispiele »für die Hauptsache selbst genommen« habe.

Entsprechende Missverständnisse scheinen auch bei anderen Gelegenheiten vorgekommen zu sein. So bricht er seine Ausführungen zu einem Unterrichtsfach auf einer Lehrerkonferenz in Stuttgart am 22. Juni 1922 (GA 300/2) mit den Worten ab: »Weiter in Einzelheiten einzugehen, nimmt dem Unterricht jede Selbständigkeit. Ich glaube nicht, dass man so abzirkeln sollte.« Schon in seinen Schluss­worten zum dritten Lehrplanvortrag am 6. September 1919 (GA 295) hatte er Ähnliches damit begründet, er wolle ja aus den teilnehmenden Lehrern »nicht lehrende Maschinen machen, sondern freie, selbstständige Lehrpersonen.«

Steiner ging aus von der Eigenständigkeit und Originalität jedes einzelnen Menschen und gründete seine Anthropo­sophie darauf. So fand er Satzungsartiges (heute meist »Strukturen« genannt) nicht nur unnötig (»jedes Statut ist mir gleichgültig« – äußert er auf einer Konferenz am 21. September 1920 in Stuttgart (GA 300/1), sondern sogar belastend für das Geistesleben. »Ich betrachte das Vorhandensein … von Statuarischem als ein notwendiges Übel gegenüber der Außenwelt, aber als den Fluch eines jeden gesellschaftlichen Wirkens, das auf lebendigem Zusammenleben basieren muss …«, stellt Steiner auf der fünften ordentlichen General­versammlung der Anthroposophischen Gesellschaft am 21. Oktober 1917 in Dornach fest. Derartige Feststellungen, die zahlreich zu finden sind, entsprechen dem Grundimpuls der Anthroposophie, der sich beispielsweise in folgendem Satz aus Steiners Goethe-Studien (GA 30) ausspricht: »Das wichtigste Problem alles menschlichen Denkens ist das: den Menschen als auf sich selbst gegründete, freie Persönlichkeit zu begreifen.« 

Nicht immer ist Steiner drin, wo Steiner draufsteht 

Im Übrigen läuft so manches unter Berufung auf Steiner, was gar nicht auf ihn zurückgeht. So hat der Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum, Christof Wiechert, im Jahr 2009 damit begonnen, einige Punkte dieser Art aufzuzeigen: langjährige »Essentials« der Schulpraxis, die keineswegs auf Steiner zurückgehen, obwohl die Meisten das meinen. Auch die regelmäßigen Beiträge von Johannes Kiersch in dieser Zeitschrift weisen auf solche Seltsamkeiten hin.

Das Wichtigste scheint mir zu sein, dass Steiner selbst jegliches Nachfolge-Gehabe von vornherein abgelehnt hat. Wenn also manche sich an dem Wortspiel erfreuen, man solle doch »nicht versteinern« und dabei auf eine bunte Sammlung bestehender Glaubenssätze und An-gaben verweisen, so ist sehr die Frage, was von alledem überhaupt von Steiner ausgegangen ist. Es ist ja »so bequem, unmündig zu sein« (Immanuel Kant). Hier einmal bis ins Einzelne aufzuräumen, wie Wiechert das jetzt tut, ist verdienstvoll.

Steiner setzt gerade in der Waldorfpädagogik auf den freien Menschen, der aus sich selbst heraus handelt und seine Taten  verantwortet. Das ist die Haltung des ethischen Individualismus, den Steiner in der »Philosophie der Freiheit« (GA 4) konzipiert hat und der für sein späteres Werk maßgeblich blieb.

Auf der anderen Seite gibt es so manche Anregung Steiners, die bis heute nicht so recht aufgegriffen wird. Dazu gehört das Prinzip der Zusammenarbeit in der Selbstverwaltung im Geistesleben. Schon bei der Begründung der Waldorfschule bringt er etwas völlig anderes zur Sprache als Basisdemokratie und Gruppenbeschlüsse, nämlich ein gemeinschaftliches Handeln gemäß dem Prinzip von »Produktivität und Empfänglichkeit«. Ohne dass geistig »produziert« wird, findet im Geistesleben nichts statt. Und wird das von Einzelnen Produzierte nicht von den Anderen aufgenommen, dann geht es der Gemeinschaft verloren. Der Rhythmus zwischen geistiger Produktivität und freier Empfänglichkeit wird so zur Grundlage des Sozialen im Geistesleben, das auf individueller Initiative und Verantwortung beruhen muss – bis in alle Einzelheiten hinein. – In der Pädagogik setzt Steiner auf die Selbsterziehung des Kindes in allen Lebensaltern (!) und auf eine »erweckende Erziehung«, die es unnötig machen, Kinder nach vorgefassten Kategorien zu klassifizieren. Auch diese Grundbegriffe der Steinerschen Pädagogik werden selten herangezogen. 

Die Freiheit vom Dogma macht den Unterschied 

In einer Ansprache am 19. August 1923 in Penmaenmawr (GA 259) hat Steiner einmal den Grundimpuls der anthroposophischen Arbeit so charakterisiert: »Dasjenige, was wir heute brauchen, ist ein unmittelbares Hineinarbeiten ins Leben, ein Sehen dessen, was in den Menschen ist und sein kann. Und diesen Unterschied der anthroposophischen Bewegung gegenüber anderen Bewegungen, den müsste man sich bestreben, der Welt klar zu machen: ihr Umfassendes, ihr Unvoreingenommenes, ihr Vorurteilsloses, ihr Dogmenfreies: dass sie bloß eine Versuchsmethode des allgemein Menschlichen und der allgemeinen Welterscheinungen sein will.« Ist Anthroposophie nicht alles andere als »eine Versuchsmethode«?

Man muss diese Formulierung aber doch wohl ernst nehmen: Anthroposophie ist keine Verkündigungsart, sondern verlangt experimentelles Handeln; sie richtet sich nicht an Auserwählte, sondern kümmert sich um das allgemein Mensch­-liche; sie selektiert nicht ihre Gegenstände in »spirituell« und »nicht-spirituell«, sondern widmet sich den »allgemeinen Welterscheinungen« ohne Ausgrenzung. Diese Versuchs­methode ist heute wie damals angewiesen auf das engagierte Individuum und sein Interesse an der Welt: »Man sollte doch bedenken, daß Anthroposophie nur das werden kann, was sie werden soll, wenn immer mehr Menschen an ihrer Aus­bildung teilnehmen«, so Steiner im Nachrichtenblatt für Anthro­posophen vom 6. April 1924 (GA 260a). Zu jedem »Versuch« gehören die Menschen, die ihn durchführen. 

Zum Autor: Dr. Karl-Martin Dietz ist Leiter des Friedrich von Hardenberg Instituts in Heidelberg. 

Literatur:

Karl-Martin Dietz: Anthroposophie tun. Beobachtungen zu Rudolf Steiners Führungsstil, Heidelberg 1996

Ders.: Produktivität und Empfänglichkeit. Das unbeachtete Arbeitsprinzip des Geisteslebens, Heidelberg 2008

Ders.: Erziehung in Freiheit. Rudolf Steiner über Selbständigkeit im Jugendalter, Heidelberg 2003