Ein Märchen aus dem modernen Amerika

Von Martyn Rawson, Mai 2014

Staatlich bezuschusste oder vom Staat getragene Waldorfschulen vermehren sich in den USA rasant. In der Vergangenheit stand der Bund der privat finanzierten Waldorfschulen diesem Modell eher skeptisch gegenüber. Martyn Rawson berichtet über die aktuelle Entwicklung.

Einschulung der 1. Klasse in Sebastopol, Kalifornien.

Drei Zehntklässlerinnen bewegen sich frei auf dem Schulhof. Eine von ihnen hat die Augen verbunden und die anderen zwei bewegen sich um sie herum und klatschen. Im Hauptunterricht wurden gerade die Sinnesorgane behandelt und die drei erproben die Orientierung mit dem Ohr. Das Besondere daran ist die Tatsache, dass sie sich trauen, sich mit verbundenen Augen allein auf dem Schulhof zu bewegen. Vor wenigen Jahren wäre das in dieser Schule unmöglich gewesen. Gewalt, Mobbing und Drogenhandel gehörten damals zum Alltag auf dem Schulhof. Große Muskelpakete mit lauter Stimme, sogenannte Schulordner, riefen den Schülern hinterher: »Git inta class!« und sorgten dafür, dass sie möglichst schnell von einer Klasse zur nächsten eilten, damit sie keine Zeit für illegale Tätigkeiten hatten.

Die hier beschriebene Schule gehörte zu den schlimmsten Schulen in Kalifornien, sie war, wie die Direktorin Allegra Allessandri sagt, eine gescheiterte Schule. Inzwischen gewinnt die George Washington Carver School of Arts and Science, eine »Waldorf-inspired High School«, Preise für die Qualität des Lernens und die gesamte schulische Leistung. Eine Ausstellung im Foyer stellt Schülerprojekte von beeindruckender Qualität zum Thema Armut in dem Stadtteil Sacramentos dar, in dem die Schule liegt.

Ich besuchte eine 9. Klasse, die gerade ein Theaterstück probte. Es handelte sich um die Überarbeitung eines Märchens der Gebrüder Grimm. Ein Turm von tätowierten Jungen unterschiedlicher Herkunft stellte einen Baum dar, darunter hüpften Schüler mit einem Seil. Die Mädchen waren kräftig geschminkt, trugen Miniröcke, und bemühten sich, über das schwingende Seil zu springen.

In einer 12. Klasse konnte ich ein Gespräch über Symptomatologie in der Kulturgeschichte beobachten. Es wurde gerade heftig über die Vorstellungen der Wirklichkeit im Mittelalter diskutiert. Eine andere Klasse komponierte ein Sonett mit einer exakten Zahl von Silben und Reimen.

Unter der dynamischen Schulleitung von Frau Allessandri, einer ehemaligen Waldorfschülerin und -lehrerin, hat sich die Schule in den letzten sechs Jahren verwandelt. Sie führte mit Hilfe einiger erfahrener Waldorfkollegen Methoden sowie einen Lehrplan der Waldorfpädagogik ein. Seitdem entwickelt sich der Schulhof zu einem Ort der Erholung, der Ruhe und sinnvollen Tätigkeiten – auch ein Schulgarten wurde angelegt, aus dem täglich Frisches kommt. Ein Junge, der bisher als nicht erziehbar galt und kurz vor einer kriminellen Karriere stand, baut schöne Holzbänke und pflegt den Hof. Die Story in Carver ist ein wahres Märchen aus dem modernen Amerika. Es gibt allerdings auch Einschränkungen. Alle Lehrkräfte müssen Mitglieder der Lehrergewerkschaft sein und das verhindert, dass sie durchgehend Hauptunterricht geben können. Der Lehrauftrag wird wegen hoher Unterrichtsbelastung und Stress – beides normal in Schulen – von der Gewerkschaft zum Schutz der Lehrkräfte begrenzt. Ein Vorteil dieser Situation ist, dass die Lehrkräfte gut bezahlt werden und, was in den USA noch wichtiger ist, sozial gut abgesichert sind, auf jeden Fall wesentlich besser als Waldorflehrkräfte in den freien Waldorfschulen.

Der Lehrplan und der Unterricht in Carver, wie an den anderen Schulen, die ich besuchte, sind im Spektrum einer normalen Waldorfschule anzusiedeln, in Kleinstadtschulen genau so wie in Großstadtschulen. Die Eltern müssen kein Schulgeld bezahlen. An den privaten Waldorfschulen beträgt das Schulgeld zwischen 17.000 und 28.000 Dollar im Jahr pro Schüler. Viele Waldorflehrkräfte (auch an öffentlichen Waldorfgrundschulen) können es sich nicht leisten, ihre eigenen Kinder auf eine private Waldorfoberstufe zu schicken. In einem Land wie den USA spiegelt die Bildung die sozialen Strukturen ziemlich genau wider. Privatschulen haben ganz einfach eine andere Kundschaft, nämlich Familien aus höheren sozialen Schichten. Charter- und Public-Schulen dagegen bedienen die Menschen aus dem Umfeld der Schule. Das bringt ganz andere Aufgaben mit sich.

Privat oder öffentlich – die bisherige Kluft

Die Zahl der Waldorfschulen mit öffentlichem Auftrag und öffentlicher Finanzierung (Charterschools) oder staatlicher Schulen mit Waldorfprofil (Waldorf Public Schools) wächst ständig. Es gibt in den USA mittlerweile etwa 52 öffentliche und Charter-Waldorfschulen. 1990 waren es drei, von denen zwei mittlerweile nicht mehr existieren. In diesem Jahr sind wieder fünf neue Schulen dazugekommen. 44 dieser Schulen sind Mitglieder der »Alliance for Public Waldorf Education« (APWE).

Bis heute ist umstritten, ob diese Schulen den Namen Waldorf verwenden dürfen. Keine von ihnen steht auf der Weltliste der Waldorfschulen. Die »Association of Waldorf Schools of North America« (AWSNA), der Verband der privaten Waldorfschulen, verweigert ihnen die Anerkennung. Der Bund der Freien Waldorfschulen in Deutschland hat der AWSNA vor kurzem erneut bestätigt, allein über das Namensrecht »Waldorf« und »Steiner« in Nordamerika zu verfügen. Die AWSNA bestimmt also darüber, welche Schulen sich Waldorf nennen dürfen oder nicht. Bisher vertrat die AWSNA die Auffassung, Waldorfschulen dürften kein Geld vom Staat erhalten, weil das ihre Autonomie einschränken würde. Diesem Kriterium zur Folge wären die meisten Waldorfschulen in Europa einschließlich Deutschlands, in Australien und Neuseeland also auch keine richtigen Waldorfschulen, weil sie staatlich gefördert werden.

Private und öffentliche Waldorfschulen im Gespräch

Vor zwei Jahren traf ich Will Stapp, den unermüdlichen Präsidenten der APWE, während der Weltlehrertagung in meiner Arbeitsgruppe in Dornach. Wir kamen ins Gespräch. Daraus entstand meine Einladung in die USA. Inzwischen führt die Leitung der AWSNA konstruktive Gespräche mit der Alliance. Auf lokaler Ebene scheinen die Beziehungen zwischen privaten und öffentlichen Waldorfschulen, auf jeden Fall in Kalifornien und im Südwesten der USA, kollegial und freundlich zu sein, was eine Annäherung auf Verbandsebene erleichtern wird. Die Vorsicht beider Seiten ist verständlich, da es tatsächlich Unterschiede und Spannungen zwischen den privaten und öffentlichen Waldorfschulen gibt, die nicht leicht zu überwinden sind. Die gemeinsamen pädagogischen Interessen sind aber wichtiger.

Situation in der Lehrerbildung

In der Lehrerbildung arbeiten beide Verbände bereits zusammen. Das Rudolf Steiner College in Sacramento hat ein akkreditiertes Master-Programm für Lehrkräfte der Public und Charter-Schulen eingerichtet. Die Dozenten sind erfahrene Waldorfkollegen. Betty Staley beispielsweise ist seit über 50 Jahren Waldorflehrerin und Autorin eines Klassikers der Waldorfliteratur über Jugendpädagogik. Das Programm wird zum Teil online mit Hilfe von Webinars (Seminare im Internet) absolviert, da die Studierenden auf dem ganzen Kontinent einschließlich Alaska und Hawaii verteilt sind. Viele Studierende, die künftig an Public und Charter-Schulen arbeiten werden, lernen in anderen Ausbildungsstätten, wo sie mittlerweile einen immer größeren Anteil der Studierenden ausmachen.

Was macht Waldorf aus?

Ich besuchte insgesamt acht öffentliche Waldorfschulen in Kalifornien. In Unterrichtsbesuchen und im Gespräch mit Lehrkräften hatte ich den Eindruck, dass diese Schulen durchaus Waldorfpädagogik praktizieren. Sind diese Schulen wirklich Waldorf? Und was macht Waldorf letztlich aus? Ich habe Waldorfschulen in vielen Länden besucht und glaube zu erkennen, was Waldorfqualität und das Wesen von Waldorf ausmacht. Ich teile nicht die Meinung, die Erfüllung des Waldorf-Lehrplans, die traditionellen Formen der Selbstverwaltung oder Äußerlichkeiten, wie ein handgeschnitztes Holzschild seien das entscheidende Kriterium. Als jemand, der sich viel mit dem Waldorflehrplan international beschäftigt hat, sehe ich zu viele kulturbedingte Inhalte und habe zu viele Fragen, die das Urbild der kindlichen und jugendlichen Entwicklung betreffen. Eine Arbeitsgruppe der Pädagogischen Sektion am Goetheanum arbeitet an Waldorf-Essentials, die demnächst veröffentlicht werden. Erst dann werden wir eine Grundlage für die Beurteilung dessen haben, was eine Waldorfschule tatsächlich ausmacht.

Schulen mit Direktoren

Charter- und Public-Waldorfschulen müssen alle Kinder aufnehmen, die sich anmelden, und ihnen Bildung ermöglichen. Sie haben auch Schulleiter, die eindeutig Führungsaufgaben ausüben müssen. Ohne solche Führungspersönlichkeiten würden Schulen wie Carver kaum in kurzer Zeit ihre Aufgaben bewältigen können. Alle Schulen, die ich besuchte, bemühen sich kollegial, ihre Pädagogik zu entwickeln, werden aber in der Regel von erfahrenen Waldorflehrkräften sowohl pädagogisch als administrativ geleitet. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich etwas neidisch war, als ich diesen Schulleitern begegnete und ihre Leidenschaft und Professionalität spürte bei dem Versuch, die beste Qualität im Waldorfunterricht an ihren Schulen zu sichern.

Zum Autor: Martyn Rawson ist seit 1979 Waldorflehrer in Schulen in England und in Deutschland gewesen. Er ist Autor mehrerer Bücher über Waldorf und Mitherausgeber des englischsprachigen Waldorflehrplans, der inzwischen in 18 Sprachen übersetzt wurde. Er arbeitete von 1996 bis 2010 im Kollegium der Pädagogischen Sektion in Dornach mit. Heute unterrichtet er an der Freien Waldorfschule Elmshorn sowie am Waldorflehrerseminar Kiel.