Erziehung zur Nachhaltigkeit: UNESCO Tagung in Yokohama

Von Martyn Rawson, April 2017

UNESCO Schulen verpflichten sich, zur Nachhaltigkeit zu erziehen. Ihr Leitmotiv ist Education for Sustainable Development.

Das bedeutet, Kinder und Jugendliche sollen so erzogen werden, dass sie über Erkenntnisse, Fähigkeiten, Haltungen und Werte verfügen, die es ihnen ermöglichen, die Zukunft konstruktiv mit gestalten zu können. Dazu gehören die Fähigkeit, kritisch zu denken, die Phantasie, sich realistische zukünftige Szenarien vorzustellen, die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen kooperativ zu handeln sowie die Fähigkeit, komplexe Entscheidungen nicht nur treffen, sondern auch tragen zu können.

Die Herausforderungen sind groß: es geht darum, mit den Folgen von Klimawandel, Armut, Krieg, Terror und der Ausbeutung von Mensch und Natur umzugehen. Die Frage ist, wie man junge Menschen so erziehen kann, dass sie nicht vor solchen Problemen kapitulieren. Auch reicht es nicht, dass die jungen Menschen die Zusammenhänge verstehen können, sie müssen auch in der Lage sein, sinnvoll zu handeln. In Neuseeland spricht der staatliche Lehrplan, der sich stark an den UNESCO Motiven orientiert, von »wicked problems«, das heißt von Problemen, die nur gelöst werden können, wenn alle Beteiligten bereit und fähig sind, sich von ihrer derzeitigen Position weg zu bewegen. Nachhaltigkeit braucht mutige, klardenkende, sozialorientierte, phantasievolle und starke Persönlichkeiten, die bereit und in der Lage sind, ethisch zu handeln.

Das ist nicht einfach, wenn der globale Bildungstrend seit Jahrzehnten eine andere Botschaft verkündet. Der Psychologe Paul Verhaeghe hat in seinem Buche Und Ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft dargestellt, dass trotz der Tatsache, dass staatliche Lehrpläne Kooperation, Sozialkompetenz, Selbstkompetenz und Nachhaltigkeit als Lernziele angeben, das System eine andere, prägende Sprache spricht. Das System fordert Konkurrenzfähigkeit und den Erwerb von sozialem Kapital in Form von Qualifikationen. Der Individualismus wird verherrlicht und die Menschen werden zu braven Konsumenten erzogen. Verhaeghe schreibt, »der kompetenzorientierte Unterricht ... führt unsere Kinder und Jugendlichen geradewegs in die Wettbewerbs- und Karriercluster hinein, mit allen dazugehörigen Werten (z.B. die Betonung der physischen Attraktivität, Beliebtheit, des Erfolgs, der Karriere, des Glücks und die Erfüllung der eigenen Träume, das Geld und materieller Luxus werden zum Lebensziel). Die Befürworter eines solchen Unterrichts lassen jedoch außer Acht, dass dies automatisch auf Kosten der Gruppen von Normen und Werten geht (wie Gesundheit, Autonomie, Solidarität und Zusammenarbeit, Wohlbefinden und spirituelle Werte). Kompetitive Solidarität existiert nicht.« Das ist hart, aber leider wahr. Die globale neoliberale Bildungspolitik der Standarisierung, Messbarkeit und Performativität (d.h. die Leistung durch Selbstdisziplin aus Angst vor Versagen) führt zu einem Qualifikationswahn (Nida-Rümelin) und ist im Grunde nicht nachhaltig.

Auch Japan hat einen PISA Schock erlitten, durch den das ohnehin strenge Bildungssystem noch leistungsorientierter geworden ist. Hinzu kommt eine Kultur des familiären Stolzes, der streng hierarchischen Unterordnung der Individualität, des wachsenden Nationalismus angesichts der Angst vor der Bedrohung durch China sowie die andauernde Wirtschaftskrise. Für Schulkinder und Jugendliche führt all dies zu einem enormen Leistungsdruck und es gibt eine große Zahl von Schulverweigerern, was wiederum zur sozialen Ausgrenzung ganzer Familien beiträgt. 

Allerdings gibt es mittlerweile eine Reihe von Schulen, Akademikern und einige Beamte, die den Gedanken der Nachhaltigkeit im Sinne der UNESCO zu schätzen wissen. Zu den Schulen gehört auch die Yokohama Steiner School, die schon seit vielen Jahren UNESCO Schule ist. Diese Schule war im August 2016 Gastgeber für die Jahrestagung der Kanagawa Prefecture UNESCO Schools, die vom Bildungsministerium finanziell unterstütz wurde. Für viele der Teilnehmer, die überwiegend Akademiker, staatliche Schuldirektoren, Vertreter des Bildungsministeriums, Elternvertreter und Journalisten waren, war dies die erste Begegnung mit Waldorfpädagogik. Diese Art der Öffentlichkeit ist neu für Waldorf in Japan, da man bisher eher ein »low profile« gepflegt hat. Damit deutet sich eine neue Richtung in der Entwicklung der Japanischen Waldorfbewegung an.

Wie ist es dazu gekommen? Eine wesentliche Rolle spielt der unermüdliche Einsatz von Masashi Sato und seinen Kollegen bei der Japanese Waldorf School Association. Zudem hatte Professor Daisuke Onuki von der Takai University, der die UNESCO School Association leitet, mit großem Interesse ein Kapitel in dem Buch Waldorf Education (Clouder & Rawson, 2003, in Japan neu erschienen) gelesen, in dem ich versucht habe zu zeigen, wie Waldorfpädagogik nicht nur inhaltlich, sondern auch von ihrem Lernansatz und der Unterrichtsgestaltung her ökologisch ist. Daraufhin lud er mich ein, zu diesem Thema einen Vortrag zu halten. Gerne nahm ich die Einladung an, konnten wir die Reise nach Japan doch direkt mit einer Fortbildung in Taiwan verbinden.  Zusätzlich zu dem Vortrag gab es ein Treffen mit Vertretern der japanischen Waldorfschul- und Kindergartenbewegung, in dem es sowohl um Fragen der Lehrerbildung sowie um die Zukunft der Waldorfbewegung in Japan ging. Für Kolleginnen und Kollegen der umliegenden Waldorfschulen haben Ulrike Sievers und ich darüber hinaus noch eine eintägige Fortbildung gestaltet, auf der vielfältige Fragen mit großem Engagement besprochen wurden.

Ich finde es außerordentlich wichtig, dass Waldorf nicht nur in UNESCO Zusammenhängen sichtbar wird (gerade auch durch die Arbeit der Freunde der Erziehungskunst ist das seit vielen Jahren der Fall), sondern auch an der Weiterentwicklung der Erziehung auf lokaler und globaler Ebene mitwirken kann. Dieses Mitwirken ist ein gegenseitiger Lernprozess und wir Waldorfs müssen lernen, eine gemeinsame Sprache mit UNESCO Schulkollegen zu sprechen.

Ich möchte hier ein paar Gedanken kurz skizzieren, die ich auf der UNESCO Tagung dargestellt habe.  Mein Vortrag wurde sehr kompetent von Masumi Uchimura übersetzt, was deutlich zur Verständigung im weitesten Sinne beigetragen hat. Mein Hauptpunkt galt den heutigen Aufgaben von Schule in Bezug auf die Nachhaltigkeit. Als Motiv griff ich Professor Gert Biestas (2013) Idee auf, dass alle Schulen drei Funktionen haben: und zwar die Förderung der Sozialisierung, der Qualifizierung und der Subjektwerdung. Bei der Sozialisierung werden Kinder und Jugendliche befähigt, in der bestehenden Gesellschaft ihren Platz einzunehmen. Dazu gehören natürlich soziale und interkulturelle Kompetenzen, sowie die Fähigkeit zur Konfliktvermeidung, Kooperation und Zusammenarbeit. Die Funktion der Qualifizierung bedeutet, Schülerinnen und Schülern das Erlernen der Kulturtechniken zu ermöglichen, die notwendig sind um sich konstruktiv und gestaltend an Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft beteiligen zu können.

Die Subjektwerdung zu ermöglichen bedeutet, Kontexte und Lernsituationen zu schaffen, in der junge Menschen lernen können, ihre soziale Verantwortung in Taten umzusetzen. In dem man die eigene Verantwortung übernimmt und aus dem Selbst handelt (d.h. man handelt nicht aus der Sozialisierung oder als Kulturtechnik), bildet man Ich-Substanz. Dadurch verändert man sich selbst und wird zum Subjekt. Subjekt zu sein bedeutet die Fähigkeit zu haben, autonom und urteilsfähig zu sein sowie kritisch denken und ethisch handeln zu können. Das hat zur Konsequenz, dass man manchmal gegen die eigene Sozialisierung handeln muss, wenn man einsieht, dass das Bestehende nicht mehr relevant ist und in Frage gestellt werden muss. Die deutsche Kultur hat einen Begriff für diesen Vorgang, der zum Teil in seiner vollen Bedeutung in Vergessenheit geraten ist, nämlich die Selbstbildung - die Formation des sozialfähigen Selbst durch das Selbst in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen und mit der Kultur (z.B. durch die Auseinandersetzung mit Wissenschaft oder Gesellschaft).

Im Gegensatz zu Bildungsstandards, die Menschen normieren, ist Selbstbildung Ergebnis-offen. Wie Biesta (und Steiner sah es ähnlich) argumentiert, ist Bildung ein »schönes Risiko« (a beautiful risk). Wenn wir wirklich wollen, dass die heranwachsende Generation zur sozialen Erneuerung und Nachhaltigkeit beitragen kann, dann kann es sich nicht darum handeln, die bestehende Ordnung zu reproduzieren (Frank de Vries zitierte Steiner dazu kürzlich in der Erziehungskunst). Vielmehr muss es darum gehen, das junge Menschen das, was in ihnen veranlagt ist, zum Ausdruck bringen. Dieses »Veranlagte« ist grundsätzlich unvorhersehbar und das ist gut so. Wir müssen uns, so Steiner (und Biesta), auf eine zum Subjekt-erzogene (Steiner sagte, zur Freiheit erzogene) Generation verlassen. Die Subjektwerdung ist der Schlüssel zur Nachhaltigkeit. Die bestehende soziale- und wirtschaftliche Ordnung ist nicht nachhaltig. Wie Tony Blair zu sagen pflegte, ist Bildung die beste Wirtschaftspolitik - aber das gilt nur, wenn es ein freies Bildungswesen gibt.

Ein Problem liegt darin, dass Schulen und Schulsysteme dazu neigen, die Subjektwerdung zu vernachlässigen oder sogar zu Gunsten der Qualifizierung zu instrumentalisieren. Die Qualifizierung wird zu einer Art Sozialisierung, wenn der Schulbesuch hauptsächlich darauf abzielt Noten zu sammeln und Abschlüsse zu erzielen (und Freunden zu begegnen), statt Lernen als Selbstbildung erlebbar zu machen. So werden Identitäten geprägt. Aber wenn der erlebte Sinn des Schulbesuchs die Belohnung durch den Abschluss ist, ist der Mensch nicht mehr in der Lage, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, sondern richtet sich nach den Ansprüchen des abstrakten Systems der sozialen Erwartungen.

Der freie Mensch als Subjekt will sein freies Wesen durch die Produktionen seines Geistes erleben. Wenn die Arbeit in der Schule nicht das Urbedürfnis des kreativen Menschen berücksichtigt, sein Wesen zum Ausdruck zu bringen oder die legitimen Bedürfnisse anderer Menschen zu befriedigen, dann ist Schule nicht nachhaltig, weder für die Person, die eine Entfremdung erlebt, noch für die Gesellschaft. Steiner war mit Karl Marx in dieser Hinsicht einig. Wenn die Arbeit bzw. Produktion eines Schülers weder seiner geistigen Befriedigung, noch wirklich den wahren Bedürfnissen anderer dient, dann tritt Entfremdung ein. Entfremdung bedeutet Trennung von sich selbst, von anderen Menschen (weil Beziehungen zu sozialen Positionen werden) und von der Welt.

Wenn Angst und Konkurrenz oder unpersönliche externe Systeme (Bildungsstandards, Prüfungsordnungen und Lehrpläne) das Schullernen bestimmen, dann ist das eine verkehrte Sozialisierung. Wenn Kultur auf abrufbare Formeln reduziert oder als Konsumgut erlebt wird, dann ist die Qualifizierung nicht wirklich nachhaltig.  Schule muss jungen Menschen Gelegenheiten bieten, selbst Verantwortung zu übernehmen und selbsttätig zu werden und sie muss den jungen Menschen vermitteln, dass Sozialisierung und Subjektwerdung genauso wichtig sind wie eine Qualifizierung. Es ist wichtig wer man ist, aber noch wichtiger ist, was man werden kann. Wie Schule diesen Weg gehen kann, ist eine vielschichtige Frage, die die gesamte Schulkultur durchdringen sollte. Junge Menschen müssen erleben, dass ihre Bildung, die immerhin oft 20 Lebensjahre in Anspruch nimmt, ihre Selbstentwicklung fördert, und zwar nicht im »ego-logischen«, sondern im »öko-logischen« Sinne.

Des Weiteren ging es um eine Erweiterung des Lernbegriffs, von der Aneignung von Wissen und Kompetenzen zu einer Verwandlung des ganzen Menschen (im Englisch learning as becoming a person), was hier nicht weiter erläutert werden kann. Der ganze Vortrag ist auf meinem Blog zu lesen: www.learningcommunitypartners.eu