Warum Waldorflehrer der tollste Beruf ist

Von Henning Kullak-Ublick, Mai 2011

Zum Lehrersein gehört nicht nur fachliches Wissen, sondern Phantasie, unbändiges Weltinteresse – und vor allem der Mut, mit den Kindern gemeinsam Neues zu entdecken. Nur wer die Welt liebt, kann Kinder erreichen, meint der Waldorflehrer Henning Kullak-Ublick.

23. April 1919: Der erste Weltkrieg ist vorbei, Deutschland liegt wirtschaftlich und politisch am Boden. In einer Stuttgarter Fabrikhalle stapeln sich überall Tabakbündel, aus denen später Zigaretten der Marke Waldorf-Astoria gerollt werden. Die Arbeiter sitzen auf den Bündeln und lauschen einem Redner, der ihnen zuruft: »Seit mehr als einem Jahrhundert geht durch die Menschheit die Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Viele, die gescheit waren, haben im 19. Jahrhundert darüber geschrieben, wie widerspruchsvoll diese drei Worte seien. Sie hatten Recht. Warum? Weil diese Worte noch aufgestellt waren unter der Hypnose des Einheitsstaates. Erst wenn diese drei Worte, diese drei Impulse aufgestellt werden so, dass die Freiheit dem Geistesleben, die Gleichheit dem demokratischen Staat, die Brüderlichkeit der Assoziation des Wirtschaftslebens gehört, erhalten sie ihre wirkliche Bedeutung.«

Nach dem Vortrag wenden sich die Arbeiter an ihren Chef Emil Molt und bitten ihn, für ihre Kinder eine freie Schule einzurichten, damit sie besser auf ihre Zukunft vorbereitet werden, als es ihnen selbst vergönnt war. So entstand die erste Waldorfschule. Rudolf Steiner, der den Vortrag gehalten hatte, übernahm die Leitung der Schule und entwickelte ein revolutionäres pädagogisches Konzept, das die kontinuierliche Aufmerksamkeitsschulung der Lehrkräfte an die Stelle fertiger Programme setzte und radikal mit der Entwicklungsfähigkeit aller Menschen rechnete, die sich in einer Schule als Schüler, Lehrer oder Eltern begegnen.

8. Mai 1949: Seit dem Vortrag in der Zigarettenfabrik sind drei Jahrzehnte vergangen, die Deutschen arbeiten sich aus den Trümmern heraus, nachdem der »Einheitsstaat« bis ins absurdeste Extrem getrieben worden war: Die unheilvolle Verbindung des nationalsozialistischen Machtapparats mit seiner radikaldarwinistischen und rassistischen Ideologie führte zum »totalen Krieg« gegen die Menschen selbst. Am 8. Mai 1949 wird das Grundgesetz verabschiedet, dessen erste zwanzig Artikel für immer verhindern sollen, dass sich ein solcher Absturz noch einmal wiederholt. Der siebte Artikel garantiert daher in bewusstem Kontrast zu einem staatlichen Schulmonopol das Recht der Bürger, freie Schulen zu betreiben, und zwar unabhängig von ihren Einkommensverhältnissen. Die Tür zu einem freien Geistesleben steht offen – aufgeschoben werden muss sie allerdings von den Menschen selbst, denn gemerkt haben es einstweilen noch nicht viele.

23. März 2011: In der arabischen Welt entsteht eine Bürgerbewegung, in Japan kämpfen die Menschen mit den Kräften der Natur und einer unbeherrschbaren Technik, die Erdachse hat sich verschoben, vor kurzer Zeit hat die weltweite Finanzkrise unseren Glauben an die ordnende Hand des wirtschaftlichen Egoismus auf eine harte Probe gestellt, 900 Millionen Menschen sind mit Facebook vernetzt, draußen zwitschern die ersten Vögel und das Ländle hat so grün gewählt, dass sich alle Politiker die Augen reiben.

Drei Zeitszenen der vergangenen hundert Jahre. Die Welt ändert sich so schnell, dass einem Beobachter schwindelig werden kann. Wenn wir heute Kinder erziehen, tun wir das für eine Zeit, die wir uns nicht vorstellen können. Eine bloße Extrapolation der Welt von heute in die Zukunft führt in die Irre. Das »Wissen« der Menschheit verdoppelte sich zwischen 1800 und 1900. Heute braucht es dazu gerade noch vier, im EDV-Bereich sogar nur anderthalb Jahre. Mittels der modernen Kommunikationsmittel können wir das Wissen nicht nur jederzeit »abrufen«, sondern wir stehen weltweit in einer vorher nie gekannten Intensität miteinander in Verbindung und wissen daher als Menschheit auch mehr übereinander als jemals zuvor. Mit der totalen Verfügbarkeit von Wissen verliert es als quantifizierbare Größe aber seine Bedeutung. Was zählt, ist nicht mehr die Menge an Wissen, sondern die Beziehung, die jeder einzelne Mensch zu ihm aufbauen kann. 

Nur wer die Welt liebt, kann erziehen 

Es geht heute mehr denn je darum, Situationen für die Kinder und Heranwachsenden zu schaffen, innerhalb derer sie sich mit vollem Herzen auf die Welt einlassen können und die sie zu wirklichkeitsgesättigten Begegnungen mit ihr führen. Dazu gehört neben dem fachlichen Wissen, das sich jeder Lehrer immer wieder  aneignen muss, vor allem Phantasie, ein unbändiges Weltinteresse und der Mut, mit den Kindern zusammen die Wege zu bahnen, auf denen sie das Neue entdecken. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, Lehrer seien dazu da, die Kinder mit fertigem Wissen abzufüllen. Lehrer sein heißt, Beziehungskünstler werden – und zwar sowohl im Verhältnis zu jedem einzelnen Kind (was manchmal dauern kann) als auch im Verhältnis zur Welt, die der Lehrer den Kindern erfahr- und dadurch erkennbar machen soll. Nur wer die Welt liebt, kann Kinder erziehen.

Zur elementaren Übung eines jeden Waldorflehrers gehört es, sich eine immer genauere Vorstellung davon zu bilden, wie das seelisch-geistige Wesen des Menschen mit seinem Körper, seinem Wachstum, seinen Lebensvorgängen zusammenhängt und wie beides aufeinander wirkt. Es ist eine der schönsten Erfahrungen im Lehrerberuf, dass ein solches Nachsinnen über den Menschen pädagogische Phantasie freisetzt, weil schließlich jedes Kind zu einem Rätsel wird, das in seiner Weise lernt, auf der Erde Fuß zu fassen, Ideen zu entwickeln und etwas mit ihnen anzufangen.

In der Januar-Ausgabe dieser Zeitschrift schrieb Ute Hallaschka, das eigentlich Neue an der Globalisierung sei die Verständigung des menschlichen Bewusstseins mit sich selbst: »Jeder einzelne Mensch ist eine Neuheit, wenn er sich angesichts der globalen Verhältnisse heute fragen muss: Wer bin ich und wer bist du?«

Diese Frage, in deren »Du« die ganze Welt enthalten ist, kann nur beantworten, wer gelernt hat, Unerwartetes zu entdecken. Und wo könnte man das besser üben als in einer Gemeinschaft von Menschen, die sich kennt, vertraut und gemeinsam auf Entdeckungsreise ist? Und dies gilt nicht nur für eine einzelne Klasse, sondern auch für ein Kollegium, die Elternschaft, ja die ganze Schulgemeinschaft. Erziehungskunst ist eine soziale Kunst – es geht um die Verwandlung der Welt durch das Interesse am anderen.

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