Wie bildet man gute Lehrer aus?

Von Johann Beichel, Mai 2011

Professor Johann Beichel lehrt an der Universität Karlsruhe und ist Leiter des Landeslehrerprüfungsamtes in Karlsruhe. Er unterrichtet und forscht unter anderem an der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim und plädiert für eine neue Art der Lehrerbildung.

Johannes Beichel

Erziehungskunst | Herr Beichel, Sie halten die gegenwärtige staatliche Lehrerbildung für reformbedürftig. Warum?

Johann Beichel | Bisherige Staatsprüfungen für Lehramtskandidaten nenne ich »kopflastig«, weil Berufswissen zu Lasten gleichbedeutender Berufseignung (Können) und Berufsethos (Wollen) bevorzugt evaluiert wird.

Das Berufswissen ist zweifellos leichter zu erfassen, streckenweise auch objektivierbar und deshalb zum Lieblings-Evaluationsbereich aller Empiristen und Juristen aufgestiegen: Klausuren, wissenschaftliche Hausarbeiten und mündliche Prüfungen mit hoher Gewichtung als Teilnoten sind die Folge dieser fatalen Fehlentwicklung.

Solange aber Bewerber mit Prädikatsexamen in der Schule scheitern und damit für ihre Lebens- und Familienplanung viel zu spät erkennen, den falschen Beruf gewählt zu haben, sind wir gefordert, das System innovationsoffen zu überdenken.

Nur im Handeln zeigt sich die erfolgreiche Lehrperson und eben nicht nur im Reden über mögliches Handeln, zumal auf der spezifischen erzieherischen Beziehungsebene, die immer bedeutsamer wird.

Wir müssen den Lehramtskandidaten beim unterrichtlichen und erzieherischen kommunikativen Handeln zusehen, und zwar über einen längeren Zeitraum und mit mehreren Beobachtern, damit wir intersubjektiv und gültig Entwicklungspotenziale erfassen können, die sich bei derzeitigen »Blitzlicht-Unterrichtsbeurteilungen« gar nicht zeigen.

Darüber hinaus müssen wir die Examinanden rhetorisch handelnd erleben: in Elternabenden, bei Konferenzen, in Konfliktsituationen, in der Schulentwicklungsdiskussion und Projektarbeit. Dann erreichen wir weitaus sinnvollere und verlässlichere Evaluationsergebnisse, als dies bisher der Fall ist. 

EK | Mit anderen Worten: Es wäre sinnvoller, statt die Lehramtskandidaten vier bis fünf Jahre theoretisches Fachwissen büffeln zu lassen, sie ins pädagogische Wasser zu werfen und zu sehen, ob sie nicht untergehen? Würde das nicht bedeuten, die Studiengänge mehr als praktische Ausbildungsgänge zu gestalten, etwa wie eine Lehre, die natürlich von ausreichend Reflexion begleitet sein müsste?

JB | Nein. Auf gar keinen Fall kann auf die fachwissenschaftliche oder fachpraktische Exzellenz, zum Beispiel in den Fächern Musik, Tanz, Theaterspiel, Sport, Bildende Kunst, verzichtet werden, denn keine Lehrperson kann »den Schülern Flügel verleihen«, wenn sie selber keine hat.

Weniger theatralisch formuliert: Fachliches Interesse samt Anstrengungsbereitschaft entfaltet sich bei den Schülern nur, wenn die Lehrkraft fachkompetent und mit eigener Begeisterung anleitet. Insofern muss die fachliche Seite solide gesichert sein. Aber genauso wichtig ist, dass Lehrer mit Leidenschaft erziehen und pädagogisches, didaktisches und methodisches Können zeigen.

Dies gilt insbesondere, wenn man bedenkt, dass Schüler in der Oberstufe für ein Studium interessiert und dazu be­fähigt werden müssen. Das sind Motivationslagen und Kompetenzen, die bereits in der Unter- und Mittelstufe an­gebahnt werden müssen. 

EK | Wenn Sie das Anforderungsprofil an einen künftigen Lehrer beschreiben müssten, welche »Tugenden« oder Fähigkeiten sollte er Ihrer Ansicht nach unbedingt besitzen und welche »Untugenden« auf keinen Fall?

JB | Da wir in der Karlsruher Forschungsstelle für Lehrerberufseignung keine Moralphilosophen, sondern Pädagogen und Bildungsphilosophen sind, reden wir ungern von Tugenden, umso mehr von persönlichen Dispositionen und Potenzialen.

Dabei unterscheiden wir die Beobachtungsbereiche »Können« für die unterrichtliche Qualität und das »Wollen« und die Antriebsenergien der Lehrperson. Dazu gehören auch emotionale Aspekte, wie positive, gewinnende  Ausstrahlung, Erfolgszuversicht, Begeisterungsfähigkeit, Sensibilität, Mitgefühl, Neugier, emotionale Stabilität, Belastbarkeit, Durchhaltevermögen, Fürsorge, Freundlichkeit, Glaubwürdigkeit, Humor, Genussfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft und Mitmenschlichkeit.

Wir beobachten nicht punktuell, sondern prozessual, denn alle Aspekte müssen sich  nachhaltig zeigen; und wir streben intersubjektive Beurteilungen an, indem wir mehrere Gutachter beteiligen.

Besonders scheue, schüchterne, unsicher-ängstliche und sehr verletzliche Lehramtsbewerber, bei denen wenig Entfaltungspotenziale zu erkennen sind, sollten sich  fragen, ob sie im Lehrerberuf die erwartete Erfüllung erhalten und berufszufrieden gesund bleiben können.

Hinzu kommt aber auch die von Zenta Maurina so hervorragend formulierte Erwartung: »Der Mensch ist nicht nur das, was sich von ihm in seinen Taten und Worten äußert, er ist auch das, was er in Sehnsucht erträumt.«

Damit meine ich die Empfindsamkeit und Vorstellungskraft einer Lehrperson, zwei Potenziale, die von dem Philosophen Richard Rorty als die tragfähigsten Säulen der Bildung ausgewiesen werden und die besonders für unseren Lieblingsbereich der Ästhetischen Bildung bedeutsam und erzieherisch Erfolg versprechend sind. 

EK | Sie unterrichten zuweilen auch an der Interkulturellen Waldorfschule in Mannheim und forschen dort. Was genau erforschen Sie?

JB | Wir gehen folgenden Fragen nach:

• Welche beobachtbare persönlichkeitsbildende und allgemein förderliche Wirkung hat die verstärkte Ästhetische Erziehung in der Mannheimer Interkulturellen Waldorfschule?

• Welche curricularen, personalen und organisatorischen Voraussetzungen fördern dort den Erfolg?

• Welche personalen Voraussetzungen würden ihn dort noch steigern können?

• Welche Erfahrungen, Strukturmodelle und Innovationen in Mannheim könnten staatliche Schulen bereichern mit Blick auf eine verstärkte Ästhetische und Künstlerische Erziehung?