Ein alternativer und international anerkannter Hochschulzugang

April 2017

Im Gespräch mit Jutta Zopf und Martina Bauer von der Freien Waldorfschule Wien-West über das International Baccalaureate Diploma IBD.

13. Klasse: Arbeit an der »Historischen Untersuchung« in Geschichte

Mihály Hevesi | Was heißt eigentlich IBD?

Jutta Zopf | Entwickelt wurde das International Baccalaureate Diploma-Programme (IBDP) für UNO-Angestellte und Kinder aus Diplomatenkreisen. Es sollte weltweit Schulen geben, an denen Schüler, die mit ihren Eltern mitreisen, ihren Schulabschluss machen können. Das IBDP bietet einen voruniversitären Lehrgang, der die Schüler vorrangig auf ein Studium an einer Universität vorbereitet.

Gleichzeitig wird größten Wert auf Weltoffenheit, eigenständiges Denken und Verantwortungsbewusstsein für das Ganze gelegt. Das Baccalaureate wird seit 1968 angeboten. Das Spannende für uns ist, dass der pädagogische Ansatz ganzheitlich ist, ähnlich der Waldorfpädagogik. Es werden Hand, Herz und Kopf angesprochen und keinesfalls nur der Kopf. Es ist auch wichtig, dass man das Künstlerische pflegt und sich sportlich betätigt.

MH | Wie sieht der Lehrgang aus?

Martina Bauer | Der Lehrgang dauert zwei Jahre. Am Ende dieser Zeit stehen schriftliche Abschlussprüfungen in fünf der sieben Fächer, die man belegen muss.

In Kunst gibt es einen praktischen Abschluss, im Fach Theory of Knowledge machen die Schüler eine Präsentation zur philosophischen Betrachtung einer sogenannten Wissensfrage und schreiben einen großen Aufsatz zu einem vorgegebenen Thema.

In jedem Fach gibt es schriftliche Aufgabenstellungen während der zwei Schuljahre, die zum Endergebnis gezählt werden. Man erwirbt bei den einzelnen Prüfungskomponenten Punkte – maximal 45. Um das Diplom zu erhalten, muss man 24 Punkte geschafft haben.

MH | Also eine Art Abitur?

MB | Ja, aber ein besonders gutes Abitur!

MH | Ist der Abschluss staatlich anerkannt und berechtigt zum Hochschulstudium?

JZ | Ja. In Österreich gibt es die Empfehlung des Bildungsministeriums an die Universitäten, das IBD anzuerkennen. Das wird auch so gehandhabt. Es gibt einzig Unterschiede bei der Anzahl der Punkte, die man erreicht haben muss, um zum Studium zugelassen zu werden. Die Uni Wien und andere Universitäten sagen, ab 24 Punkten kannst Du bei uns studieren. Andere Universitäten verlangen mehr. Die Schüler, die das IBD haben, werden als internationale Studenten betrachtet und eine Uni kann sagen, welche Aufnahmebedingungen sie hat.

MH | Welches Feedback gibt es von den Schülern?

JZ | Sie sagen: Es ist toll, es ist anstrengend und eine Herausforderung. Man ist gut beraten, rechtzeitig gezielt zu arbeiten. Und sie erleben es als eine große Bereicherung für ihre persönliche Entwicklung.

MH | Wie integrieren Sie das IBDP in die Waldorfschule?

MB | Wir haben uns an der Waldorfschule in Luxemburg orientiert, das heißt, bis zur 11. Klasse halten wir uns an den Waldorflehrplan. In der 12. und 13. Klasse machen wir das IBDP, ergänzt durch Waldorfelemente, wie zum Beispiel das Zwölfklassspiel.

MH | Wie beginnt man als Schule mit dem IBDP?

JZ | Man muss einen Zertifizierungsprozess durchmachen, der ein bis eineinhalb Jahre dauert. Wir haben es in einem Jahr geschafft. Einfach, weil wir es gewohnt sind, als Lehrer Schule zu gestalten und Schule zu machen. Deswegen ist es uns eigentlich leicht gefallen und wir haben auch ein sehr gutes Feedback bekommen nach der Zertifizierung.

MH | Wie sieht die Prüfung im Vergleich zum staatlichen Abitur aus?

JZ | Sie ist sehr anspruchsvoll, und wenn wir das sagen, heißt es nicht, dass Bücher auswendig gelernt werden müssen, sondern, dass die Schüler auf hohem Niveau reflektierend zu einem Thema etwas sagen können müssen. In Geschichte zum Beispiel lernen sie Quellenkritik, in Englisch Literatur zu verarbeiten und etwas Kreatives daraus zu machen, in Muttersprache geht es um anspruchsvolle Literaturanalyse. Unsere Erfahrung ist, dass das IBDP auf jeden Fall machbar ist, wenn jemand zielorientiert und fleißig arbeitet – auch wenn man nicht der begnadete, stark kognitive Schüler ist. Ausschlaggebend und typisch für die Waldorfpädagogik ist die Art und Weise, wie wir die Schüler begleiten – das unterscheidet uns aber auch von anderen IBDP-Schulen.

MH | Wie viele Schüler haben ihren Abschluss im IBDP gemacht?

MB | Wir hatten im ersten Jahrgang 17, wobei zwei Schüler in der Halbzeit entschieden haben, dass es doch nicht das Richtige für sie war. Im zweiten Durchgang haben wir wieder 17. Das sind Schüler aus unserer Schule und Quereinsteiger, die zum Teil aus anderen Waldorfschulen, aber auch aus staatlichen Schulen kommen. Immer wieder haben wir Schüler aus dem Ausland, zum Beispiel aus Luxemburg oder München. Sogar Schüler aus China interessieren sich für unsere Schule.

MH | Vor fünf Jahren gab es hier weniger Schüler. Heute sind es mehr. Ist das auf das IBDP zurückzuführen?

JZ | Auf jeden Fall. Seit dem wir das IBDP eingeführt haben, hat unsere Schule Interesse geweckt. Es kommen Eltern schon in die erste Klasse, die sagen, wir kommen zu eurer Waldorfschule, weil ihr am Ende das IBDP habt.

MH | Wie viele Waldorfschulen haben das IBD eingeführt?

JZ | Wir waren die dritte Waldorfschule weltweit, die damit begonnen hat. Luxemburg war die erste, die sind schon im elften Jahr. Sie sind unsere Partnerschule, unsere Begleiter. Ich glaube, es gibt weltweit drei oder vier Waldorfschulen, mittlerweile vielleicht auch mehr.

Das Gespräch führte Mihály Hevesi, Herausgeber von linguaw.com (Zeitschrift für Fremdsprachenlehrer an Waldorfschulen), Fremdsprachenlehrer in Ungarn, Österreich, Deutschland

Links: http://campus-wien-west.at

www.waldorf-wien-west.at

www.ibo.org/en/programmes/diploma-programme

Kontakt: Jutta Zopf; E-Mail: jutta.zopf(at)campus-wien-west.at

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