Zuhören lernen – lebendige Gemeinschaften gestalten

Von Julia Siebert, Marcus Bohnen, Juli 2012

Zwischen Anzahl und Intensität gefühlter Konflikte und der tatsächlichen Entschluss­kraft, diese zu bearbeiten, existiert oft eine große Diskrepanz. Ist es allgemeine Konfliktmüdigkeit oder der Wunsch, was schwierig ist, möge die Zeit regeln? Doch Konflikte lassen sich nicht aussitzen oder verwalten. Sie müssen als lebendige Herausforderungen ergriffen werden.

Stellen Sie sich vor, Sie fühlten sich grundlegend gut und würden dies auch allen anderen Menschen zugestehen. Stellen Sie sich vor, Sie könnten unterscheiden, wann Sie von früheren Erfahrungen geleitet werden und wann Sie tatsächlich auf eine gegenwärtige Situation reagieren? Dann wären Sie frei, flexibel auf jede Situation mit einer neuen, der Gemeinschaft förderlichen Lösung aufzuwarten. Sie würden gleichermaßen Verantwortung für Ihre eigenen Wünsche und Schwierigkeiten übernehmen wie für Ihre soziale Umwelt. Wie würde sich dann unser Zusammenleben gestalten? Würden wir weiterhin konkurrieren oder mehr Mut haben, zu kooperieren? Wäre Zuhörzeit kostbarer als Redezeit? Würden wir eher verstehen, dass wir nicht durch das, was wir selber sagen, lernen, sondern dadurch, dass wir dem anderen unsere Aufmerksamkeit schenken?

Schlichtungskreis: Ort des Zuhörens

Der Schlichtungskreis der Freien Waldorfschule Krefeld wurde bei der Neustrukturierung der Selbstverwaltung unserer Schule als weiteres Gremium begründet. Eine ausgewogene Zusammensetzung dieses Kreises ist sinnvoll und der Wille zu konstruktiver Zusammenarbeit unabdingbar. In unserer internen Arbeit haben wir wahrgenommen, das unser Kreis viele der Facetten von Kooperation zwischen Lehrern und Eltern abbildet. Deshalb nahmen wir uns die Zeit, einander zuzuhören, welche Erfahrungen im Umgang mit Konflikten vorliegen und welche Methoden oder persönliche Eigenschaften die einzelnen Mitglieder dieses Kreises für die Bearbeitung von Konflikten bereits mitbringen. Wir haben uns ermutigt, die vorhandenen Unterschiede als Gruppenkompetenz wahrzunehmen, zum Beispiel, wer bei der Klärung von Konfliktsituationen zunächst eher beobachtet und zuhört oder wer moderative Elemente übernimmt.

Es stellte sich auch die Frage, was eine gelingende Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Eltern und Schülern im Hinblick auf die gesamte Schulgemeinschaft ausmacht. Wie kann Empathie und Verständnis entstehen, wo unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen? Wie kann zum Beispiel die elterliche Perspektive, die oft allein auf das eigene Kind und dessen individuellen Bedürfnisse ausgerichtet ist, auf die Bedürfnisse der gesamten Klassengemeinschaft gelenkt werden, um die Zusammenarbeit aller zu fördern.

In unseren Beratungsgesprächen mit Eltern und Lehrern konnten wir sehen, wie dadurch Verständnis und Verbindung in den Vordergrund traten und persönliche Befindlichkeiten abnahmen. – Gespräche mit Mitgliedern anderer Schulgremien kamen hinzu, um zu erfahren, wie sie mit Konflikten an der Schule umgehen und wo sie anderen Handlungsbedarf hinsichtlich des Umgangs mit Konflikten sehen. Das half, unsere Aufgabe eher beratend und vermittelnd, als schlichtend begreifen.

Unbewusste Konfliktmuster bewusst machen

Präsentations- und Quellenkonflikte sollten sichtbar gemacht und Alternativen angeboten werden. Wenn beispielsweise nach einer Prügelei zwischen Schülern die Erwachsenen die Schuldfrage klären wollten und nach Sanktionen verlangten, führte dies in der Regel nicht dazu, dass sich die Streithähne friedlicher verhielten, weil lediglich auf die präsente Situation geschaut wurde. Hier kann alternatives Verhalten bedeuten, dass wir anregen, sich mehr Zeit zu geben, um die Gefühle der Beteiligten und die dahinterliegenden Geschichten anzuhören. Hierdurch kann ein neues Verständnis für die eigentlichen Ursachen eines Konflikts entstehen. Nicht selten haben Konfliktpartner aktuellen seelischen Belastungen Luft gemacht, zum Beispiel die Trennung der Eltern oder Ablehnung einer Freundschaft. Der aktuelle Konflikt ist oft nur der Auslöser. Bei Erwachsenen können negative Schulerfahrungen unbeabsichtigt auf die Kinder übertragen werden, die in ähnlichen aktuellen Situation reaktiviert werden. Wenn Erwachsene in ihrer Kindheit ohnmächtig und hilflos Konflikten ausgeliefert waren, neigen sie dazu, ihren eigenen Kindern jede Auseinandersetzung aus der Hand zu nehmen und ihnen positive Erfahrungen im Umgang mit Konflikten hierdurch zu verwehren. Nicht selten wird dann der Lehrer, obwohl er diese Situation erkannt hat und positive Erfahrungen ermöglichen will, als nicht konsequent genug kritisiert.

Ziel unserer Arbeit ist es, gewohnte und unbewusste Konfliktmuster bewusst zu machen und zu verändern, damit wir diese nicht durch Wiederholung immer mehr verfestigen und verallgemeinern, denn dadurch liegt die eigentliche Motivation unseres Verhaltens für Dritte oft im Verborgenen.

Dazu gehören auch die routinierten Abläufe unhinterfragter (Verwaltungs-)Strukturen; sie verdecken im Lauf der Jahre die ursprünglichen Absichten. Kommt es zu einem Konflikt, wird über alles Mögliche leidenschaftlich gestritten, in der Regel aber an den eigentlichen Bedürfnissen der Beteiligten vorbei. Selten werden die Strukturen dahingehend überprüft, ob sie für eine tragfähige Lösung aktuell oder flexibel genug sind. Nehmen wir uns hierfür nicht die Zeit, bringen uns die »Ergebnisse« dauerhaft nicht weiter.

Entscheidend ist, dass alle Beteiligte mitwirken können. Dann wird aus »Verwalten« ganzheitliches Organisieren. Alle müssen sich zunächst gehört und verantwortlich für das Ganze fühlen, damit sie gerne ihren Platz in der Gemeinschaft einnehmen. Der Schlichtungskreis kann dabei unterstützen, hierfür nötige Werkzeuge anzubieten und darin bestärken, diese einzusetzen.

Das »Zuhören« hat sich als wichtigster Teil unserer Arbeit herausgestellt. Durch ungeteilte Aufmerksamkeit, die wir uns beim Zuhören schenken, entsteht ein Raum, in dem wir uns begegnen können. Das klingt einfach – und doch stellt uns das oft vor große Herausforderungen. Wir konnten erleben, wie sowohl in einzelnen Gesprächen Menschen sich selbst mehr begegnet sind, als auch in größeren Gesprächsgruppen angeleitetes Zuhören zu Verständnis und Annäherung führte.

Einander Zuhören kann man vereinbaren – schon in den Elternabenden der ersten Klasse. Man kann vereinbaren, wie wir im Konflikt miteinander umgehen und Entscheidungen treffen wollen. Wenn wir als Erwachsene diesen Weg vorangehen, werden uns die Kinder gewiss folgen, bis sie selbst – vielleicht zu Beginn der 8. Klasse mit Unterstützung des Lehrers – diese Vereinbarungen überdenken und geeignete für sich selbst entwickeln, die sie dann bis zum Ende der Schulzeit und darüber hinaus tragen.

Da das Zuhören im Schulalltag nicht immer möglich ist, könnte ein »Zuhörraum« eingerichtet werden, in den Schüler gehen dürfen, wenn sie oder der Lehrer bemerken, dass sie nicht mehr ausreichend aufmerksam sind, und in den auch die Lehrer bei Bedarf gehen können. Hier könnte gehört werden, was gerade erschwert, Teil des Unterrichts zu sein – nicht um zu disziplinieren, sondern um Raum zu geben, sich verstanden oder angenommen zu fühlen, oder sich selbst wieder anzunehmen.

Zu den Autoren: Julia Siebert, Diplom Sozialpädagogin, Jugend-Eltern- und Familienberaterin, Mediatorin, Schulsozialarbeiterin, Mitgründerin von Connected Childhood.

Link: www.connected-childhood.de

Marcus Bohnen, Mediator (FU) & Diplom Jurist, Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Täter-Opfer-Ausgleich und der Deutschen Gesellschaft für Mediation.

Beide sind Elternvertreter im Schlichtungskreis der Freien Waldorfschule Krefeld.