Ausgabe 11/25

Älter werden und Eltern werden

Ann-Katrin Neundorf


Als Tanja Henschel und ihr damaliger Freund Andreas im Sommer 1990 den positiven Schwangerschaftstest in Händen hielten, waren sie vor allem glücklich. «Ich habe mich damals einfach gefreut», so Tanja Henschel. «Mir war klar, dass ich Kinder möchte. Auf der anderen Seite hatte ich Bedenken, wie die Leute reagieren würden.» Drei Monate ließ sich das Paar Zeit, das damals die elfte Klasse der Rudolf Steiner Schule Zürcher Oberland in der Schweiz besuchte, bis sie die Eltern und Lehrerkräfte einweihten. «Meine Mutter hat dann sofort gesagt, dass sie uns unterstützt und so konnte Andreas direkt bei uns einziehen», berichtet Henschel. Auf Seiten der Schwiegereltern gab es jedoch Bedenken. Der Sohn sollte doch Abitur machen und studieren! Diese Pläne warf er nun über den Haufen, um Geld für seine kleine Familie zu verdienen. Das junge Paar suchte sich Hilfe bei einer Jugendberatungsstelle und erhielt über diese nicht nur eine günstige Mietwohnung, sondern auch den Hinweis, dass sie durch eine Heirat einer Vormundschaft für ihr Kind entgehen könnten, da sie mit ihren 18 und 19 Jahren in der Schweiz noch nicht volljährig waren. Also heirateten sie noch vor der Geburt von Sohn Melvin und sind bis heute ein Paar.

«Es gab damals schon Stimmen bei anderen Eltern und bei Lehrkräften, die meinten, ich solle die Schule besser verlassen. Mich hat damals gewundert, dass das auch von Menschen kam, von denen ich dachte, ich könnte auf sie zählen», berichtet Tanja. «Aber mein Klassenbetreuer setzte sich sehr für mich ein und sorgte dafür, dass ich bis zum Abschluss an der Schule bleiben konnte.» 

Unter der Schülerschaft erfuhr das junge Paar große Unterstützung. Es wurden Geschenke gebracht, genäht und gestrickt. Als Melvin im März 1991 zur Welt kam, erhielten sie viel Besuch und wenn Tanja mit Melvin spazieren ging, lief sie oft zur Schule und aß dort mit den Mitschüler:innen zu Mittag. Tanja und Andreas Henschel waren damals in der zwölften Klasse. 

Tanjas Mittelschulabschluss wurde anerkannt, obwohl sie das Schuljahr nicht beendete, sondern ab März mit Sohn Melvin zu Hause blieb. Andreas besuchte weiterhin die Schule bis zu den Sommerferien und fand dann eine Arbeit im Informatikbereich, während Tanja zu Hause blieb. In den folgenden Jahren kamen noch die Töchter Alia und Tabea. Mit Anfang 40, als die Kinder selbst schon mit der Schule fertig waren, entschied sich Tanja, den eidgenössischen Fachausweis zur Ausbilderin für Spielgruppenleiter:innen zu machen. «Das war toll, weil meine eigenen Kinder im Studium und in der Ausbildung waren und ich selbst auch am Lernen war», erinnert sie sich. «Die Freiheit, die andere im Studium erlebt haben, die hatte ich dann auch, als meine Kinder junge Erwachsene waren.» Sie ist überzeugt, wenn man mit dem Herzen dabei ist, kann man seinen eigenen Weg gehen.

Es gibt für alles eine gute Lösung


Laura Krautkrämers Sohn Tim (Name von der Redaktion geändert) kam vor über dreißig Jahren zur Welt und doch erinnert sich seine Mutter noch genau an die Zeit damals: «Ich war am Ende der zwölften Klasse an der Bonner Waldorfschule, mein damaliger Freund und heutiger Mann Jörg stand kurz vor seinem Zivildienst. Wir waren bereits drei Jahre lang ein Paar. Die Schwangerschaft war eine echte Überraschung – ich kann nicht sagen, dass ich mich auf Anhieb gefreut hätte.» Schnell bezog das junge Paar die eigenen Eltern mit ein, die dazu rieten, alle Möglichkeiten abzuwägen. «Wir haben alle Szenarien im Kopf durchgespielt», berichtet Laura Krautkrämer weiter. «Ich wollte zwar gerne jung Mutter werden, aber der Zeitpunkt so kurz vor dem Abi war natürlich nicht gerade ideal. Wir sagten uns dann irgendwann trotzdem: Gut, nun ist es halt so.»

Kaum war diese Entscheidung gefällt, erhielt das Paar volle Rückendeckung von den Eltern. Im Haus des Vaters bezogen sie eine eigene Wohnung. Auch in der Schule gab es viel Hilfe, erinnert sich Krautkrämer: «Obwohl ich die Schule als eher konservativ erlebt habe, hat das Kollegium alles möglich gemacht, ohne mit der Wimper zu zucken. Eine Lehrerin hat mir Babykleidung ihrer Kinder geliehen. Und ich durfte im Hinterzimmer des Sekretariats Milch abpumpen und sie dort im Kühlschrank aufbewahren.»

Auch die Mitschüler:innen zeigten große Anteilnahme und trugen beispielsweise die Schultasche, als das mit Fortschreiten der Schwangerschaft zu beschwerlich wurde. Laura Krautkrämer wurde sogar in den Biologieunterricht eingeladen, um einer jüngeren Klasse zu berichten, wie es sich anfühlt, schwanger zu sein. «Ich weiß nicht, ob es auch negative Stimmen gab – davon  haben wir jedenfalls nichts mitbekommen», erinnert sich die heute 52-jährige. In Erinnerung blieb auch, wie die Klassenbetreuerin der Klasse von der Schwangerschaft erzählte: bei einem feierlichen Pausengespräch mit Teilchen vom Bäcker.

Sohn Tim kam an Neujahr 1993 zur Welt und seine Mutter pausierte die Schule für acht Wochen — gerade zu der Zeit, als es in die heiße Phase der Abivorbereitungen ging. Nach diesen zwei Monaten schloss die damals 19-Jährige wieder nahtlos an, schrieb das Abitur und absolvierte ihre mündlichen Prüfungen. Ihr Freund unterbrach den Zivildienst und kümmerte sich in dieser Zeit um das gemeinsame Baby. Nach dem Abitur startete Jörg in sein VWL-Studium, Laura nahm sich ein Jahr Zeit für das Baby und begann schließlich ihr Germanistik- und Philosophie-Studium. Nun teilte sich das Paar die Seminare so ein, dass Tim gut versorgt war. «Die zeitliche Flexibilität während des Studiums war wirklich klasse. Das ist mir elf Jahre später klar geworden, als wir beide voll im Berufsleben standen und noch Zwillinge bekommen haben», erinnert sich Laura Krautkrämer, die heute als freie Redakteurin und PR-Beraterin arbeitet.

Unfassbar lebensfroh und kaum zu bremsen


Im Oktober 2017 wusste Mascha Neumann, dass sie schwanger war. Die damals 17-Jährige hatte es schon geahnt, nachdem sie im Frankreichurlaub eine Woche lang vergeblich auf ihre Periode gewartet hatte: «Ich war aufgeregt, voller Angst, aber auch voller Freude, denn für mich war dieses kleine Leben in mir ein Geschenk.» Für Neumann sei daher auch sofort klar gewesen, dass sie das Kind behalten würde. Sie ging damals in die zwölfte Klasse der Freien Waldorfschule Eisenach und weihte am nächsten Morgen direkt ihre Eurythmielehrerin ein, die eine wichtige Vertrauensperson war: «Als ich es ihr erzählte, reagierte sie toll. Sie drängte mir keine Meinung auf, sondern war von Beginn an unterstützend.» Dank ihr machte Neumann 2018 auch ihren künstlerischen Abschluss – mit Babybauch auf der Bühne. 

Auch ihre Freundinnen und ihre Familie standen Neumann von Beginn an zur Seite. «Als ich es meiner Mutter erzählte, sagte sie ‹Ach, dann werde ich jetzt Oma› », erinnert sich Neumann lachend. Lediglich die Reaktion ihres damaligen Partners, der schon fertig mit der Schule war und bei der Bundeswehr arbeitete, fiel anders aus. «Er weinte, denn er war nicht bereit für ein Kind. Ich weiß nicht, ob er überhaupt Kinder wollte», so die heute 25-Jährige. Schließlich entschied er sich für sie und das Kind. Neumann zog bei ihrem Partner ein. Sie besuchte die Schule bis Februar 2018. Drei Monate später kam Töchterchen Liv Malou zur Welt, sechs Wochen zu früh. Schon in der zwölften Schwangerschaftswoche war erkannt worden, dass Liv Malou sehr krank war. Bei der Geburt zeigte sich: Das Mädchen hatte einen offenen Bauch, was viele Operationen erforderte. Der Traum der glücklichen Kleinfamilie lag auf Eis. Liv Malou musste ein Jahr stationär im Uniklinikum Jena versorgt werden. Mascha Neumann begleitet ihre Tochter in dieser Zeit durchgehend und lebt mal mit auf Station, mal im Ronald McDonald Haus Jena für Familien von schwerkranken Kindern. «Das hielt unsere Beziehung nicht aus und wir trennten uns», so Neumann. Auch ihre schulischen Pläne platzten: Die ursprüngliche Idee, ihr Abitur an der Waldorfschule nach der Geburt nachzuholen, funktionierte nicht mehr. Neumann war nun Vollzeitmutter mit einem schwerkranken Kind, alleinerziehend, aber niemals alleine: «Meine Familie hat mich sehr unterstützt, finanziell, mental, auf allen Ebenen», berichtet die junge Mutter, die vor wenigen Wochen ihr zweites Kind Pepe zur Welt brachte. Durch diese Unterstützung konnte Neumann ihren Haupt- und dann ihren Realschulabschluss an der Abendschule in Kassel nachholen, wo sie inzwischen mit ihren Kindern lebt, ganz in der Nähe ihrer Eltern. Sie arbeitet im Waldorfkindergarten Kassel. Auch Töchterchen Liv geht es großartig: «Heute würde man nicht denken, was Liv erlebt hat», sagt Neumann. «Sie ist lebensfroh und kaum zu bremsen. Sie reitet, spielt Handball und singt im Chor. Man könnte meinen, ich ziehe eine Leistungssportlerin groß.»

Insgesamt sehr glücklich
 

Gemeinsam ein Kind zu wollen, war für Marilena Peschke und Aurelius Hühne keine spontane Entscheidung und die Schwangerschaft kein «Unfall», sondern geplant. Gerade einmal zwei Jahre ist es her, dass sie den positiven Schwangerschaftstest in ihren Händen hielten. «Wir waren beide sehr glücklich», berichtet Aurelius, als er an diesen Tag im November 2023 zurückdenkt. Zwar war das junge Paar damals erst seit einem halben Jahr zusammen, Gedanken über Nachwuchs hatten sich die beiden Teenager aber schon viele gemacht. Aurelius war damals 17 Jahre alt und ging in die elfte Klasse der Freien Waldorfschule Kleinmachnow. 

«Für mich stand ohnehin fest, dass ich nach der elften Klasse von der Schule gehe», erzählt Marilena, die damals die Rudolf-Steiner-Schule Berlin-Dahlem besuchte. Die Schulpflicht, das vorgegebene Lernen und Schule allgemein haben ihr schon immer Stress bereitet. Der Plan, mit der Berufsbildungsreife abzugehen und eine Ausbildung zur Sozialassistentin zu machen, stand schon vor der Schwangerschaft. 

Der erste Schritt war, die Eltern zu informieren: «Unsere Mütter haben sich beide direkt für uns gefreut, unsere Väter waren erstmal etwas geschockt», erinnert sich Marilena. Wenige Wochen später informierte sie auch ihre Klassenbetreuer:innen, die sehr positiv und verständnisvoll waren und sie ermutigten, zeitnah die Klasse zu informieren. «Als ich es der Klasse erzählt habe, war es erst einmal still. Es war eine Mischung aus Verwirrung und Schock», erzählt die heute 18-Jährige. Später wären aber alle gekommen und hätten sich für sie gefreut. Spätestens als Baby Malouna am 19. Juli 2024 zur Welt kam, purzelten die Angebote für Babysitting herein.

Unterstützung erfuhr Marilena an der Schule vor allem durch eine Lehrerin, die selbst als Schülerin Mutter geworden war. Sie versorgte die schwangere Schülerin mit Extraaufgaben, um ihre Fehlzeiten auszugleichen, damit sie am Ende in allen relevanten Fächern bewertet werden konnte. Bis zum sechsten Monat besuchte Marilena den Unterricht, anschließend nur noch sporadisch bis zur Geburt.

Inzwischen geht die junge Frau ganz in ihrer Mutterrolle auf. Nicht zuletzt, da Tochter Nummer zwei seit Mitte September auf der Welt ist. Seit der ersten Schwangerschaft wohnt das junge Paar, das inzwischen verlobt ist, bei Marilenas Mutter in Berlin. Aurelius hat die Schule gewechselt und besucht nun die Rudolf-Steiner-Schule Berlin-Dahlem, wo er in diesem Schuljahr sein Abitur machen wird. In die Betreuung und Erziehung der Kinder ist er nach Schulschluss genauso involviert wie seine Partnerin. Abgesehen von wichtigen Arztbesuchen, versucht er aber immer, am Unterricht teilzunehmen. Auf die Frage, ob sie wieder so entscheiden würden, überlegt Aurelius: «Ich denke schon manchmal darüber nach, ob die Entscheidung die schlauste war, ich denke, das ist normal. Aber im Großen und Ganzen sind wir sehr glücklich damit.» 

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