Ausgabe 04/26

Aktuell und nicht abstrakt

Franz Glaw

Straßenumfragen sind leicht umzusetzen, machen Spaß und schulen Medienkompetenz.

Bereits 2022 startete ein medienpädagogisches Projekt der Pädagogischen Forschungsstelle, bei dem die News-App Buzzard Schüler:innen eine fundierte Meinungsbildung ermöglichen sollte. Das Projekt wurde von mir gemeinsam mit Karoline Kopp von der Freien Waldorfschule Landsberg am Lech und Hein Köhler von der Rudolf-Steiner-Schule Nordheide gegründet. Bei unserer Initiative geht es uns um eine Stärkung der Medienmündigkeit der Schüler:innen etwa ab Klasse 7 auf dem Feld der Informationskompetenz. Für die am Projekt beteiligten Schulen bedeutet diese Kooperation, dass sie die Angebote von Buzzard kostenfrei nutzen können: Inhalte für Schüler:innen sowie didaktisch aufbereitete Materialien für Lehrkräfte. Für andere Schulen kostet die Nutzung des Materials bis zu 3.000 Euro pro Jahr, abhängig von der Größe der Schule. 

Außerdem ist inzwischen eine ganze Reihe erprobter Materialien entstanden, die auf die Bedürfnisse der Waldorfschule zugeschnitten sind. Dabei geht es einerseits um didaktische Formate, andererseits um Themen, die im Waldorflehrplan fest verankert sind und sich besonders gut mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen verbinden lassen.

Lehrplan trifft Gesellschaft
 

Ein Beispiel dafür ist das Thema Alkohol, das an mehreren Stellen im Waldorflehrplan auftaucht. Diese Mehrfachverankerung bietet eine ideale Grundlage, um fachliche Inhalte mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen zu verbinden.

Für den Unterricht wurde dazu eine gedruckte Broschüre entwickelt, die sich um die Frage dreht, ob der Zugang zu Alkohol für Jugendliche strenger geregelt werden soll. Die Broschüre enthält drei Positionen, die eine Verschärfung befürworten, sowie drei Gegenpositionen, die sich kritisch dazu äußern. Die einzelnen Positionen sind in kurzen Zusammenfassungen dargestellt und werden durch Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Autor:innen sowie zu den Medien oder Plattformen, auf denen die Beiträge erschienen sind, ergänzt. In einem Anhang finden sich noch Beiträge aus unterschiedlichen Medien, die eine Horizonterweiterung ermöglichen. Auf diese Weise wird es möglich, Inhalte nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern sie auch einzuordnen und kritisch zu bewerten.

Papier statt App – eine bewusste Entscheidung
 

Anders als viele rein digitale Angebote liegt diese Materialsammlung auch in Form einer Broschüre vor. Das Unterstreichen, Kommentieren und Strukturieren von Texten lässt sich auf Papier wesentlich besser umsetzen, auch, weil hier alle Materialien übersichtlich zusammengehalten werden. Ergänzend enthalten alle Lesenden Zugänge zu den Originalartikeln – in Form von Kurzlinks und QR-Codes. Die Broschüre bildet zugleich den Ausgangspunkt für vielfältige produktionsorientierte Arbeitsformen. So bleibt es nicht dabei, Informationen lediglich aufzunehmen, sondern im Sinne eines waldorfspezifischen Verständnisses von «Lernen durch Handeln» wird auch aktiv mit ihnen gearbeitet. Eine Möglichkeit dafür ist die Durchführung einer live geführten Klassendebatte, in der unterschiedliche Positionen nachvollziehbar gemacht werden. Argumente sollen nicht dazu dienen, andere zu überreden, sondern den Zuhörenden neue Perspektiven zu eröffnen.

Interviews, Archive, Straßenumfragen
 

Eine weitere Arbeitsform sind Expert:inneninterviews, beispielsweise mit wissenschaftlichen Mitarbeitenden aus einem Landesministerium. Ebenso bieten Archive wertvolle Möglichkeiten der Recherche. Besonders beliebt sind Straßenumfragen. Auffällig war bei einer Umfrage zur E-Mobilität, dass alle Befragten klare Meinungen vertraten, diese jedoch kaum begründen oder mit Quellen belegen konnten. Auf die Frage nach den Informationsquellen folgte meist ein Schulterzucken. Besonders eindrücklich war die Antwort eines 16-Jährigen, der erklärte: «Informieren? Ich muss mich gar nicht informieren, ich weiß das einfach so.» Diese Beobachtungen machen deutlich, wie unbewusst viele Urteilsbildungsprozesse ablaufen – gerade in einer Medienumgebung, in der soziale Medien klassische Gatekeeper zunehmend ersetzen.

Durch das Sammeln von Informationen auf unterschiedlichen Wegen erfahren die Schüler:innen oft, dass sie durch die im Unterricht erworbenen Kenntnisse sicherer in ihrem eigenen Urteil sind als nahezu alle Interviewpartner:innen. Dieses Erleben von Selbstwirksamkeit wurde zusätzlich durch das positive Feedback der Passant:innen verstärkt. All diese Erfahrungen können in einen gemeinsamen Epochenrückblick einfließen. Am letzten Tag der Epoche produziert die Klasse einen Podcast live-on-tape, kurz PLOT, in dem Inhalte, Fragen und Ergebnisse auf informative und zugleich unterhaltsame Weise für die Schulgemeinschaft zusammengefasst werden.

Aktuell und nicht abstrakt
 

Inzwischen liegen weitere Broschüren vor, etwa zum Thema Kriminalität im Zusammenhang mit Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre, zur Frage der Meinungsfreiheit vor dem Hintergrund möglicher Social-Media-Regulierungen oder zur sozialen Ungleichheit im Kontext der Französischen Revolution. Ein großer Vorteil dieses Formats liegt in seiner Aktualität. Zudem wurden die Materialien im Laufe der Zeit weiterentwickelt, etwa durch Versionen in einfacher Sprache und durch ergänzende Glossare – insbesondere für den Einsatz in Schulen mit Förderzweig. So entsteht ein flexibles, lebendiges Unterrichtsformat, das Medienkompetenz nicht abstrakt vermittelt, sondern erfahrbar macht – durch Lesen, Debattieren, Recherchieren, Produzieren und öffentliches Präsentieren. 

Informationen und Angebote zur Mitwirkung am Projekt gibt es hier:

waldorfschule.de/lernen/zukunftskompetenzen/pico

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