Ausgabe 10/25

Als Freiwilliger im Farbenrausch

Anne Brockmann

Tausende Menschen, die einander ausgelassen mit farbigem Pulver bewerfen oder mit gefärbtem Wasser besprengen – das ist das Holi-Fest in Indien. Es geht auf eine hinduistische Überlieferung zurück und wird am ersten Vollmondtag des Frühlingsmonats Phalgun des Hindukalenders gefeiert. Das Fest der Farben, wie Holi auch genannt wird, ist ein fröhliches Come-Together und dauert zwischen zwei und zehn Tagen. Für Philipp Müller war es das schönste Erlebnis in Indien überhaupt. Der heute 23-Jährige hat als Freiwilliger ein Schuljahr lang im Swadhaa Waldorf Learning Centre gearbeitet. Das Holi-Fest, zu dem er sich an freien Tagen auf den Weg gemacht hat, ist ihm als «Explosion der Sinne» in Erinnerung geblieben.

Das Studium gecancelt


Die Idee zu einem Freiwilligendienst kam von seinem jüngeren Bruder. Philipp jobbte gerade und lebte eigentlich auf seinen Studienbeginn im Bereich Marketing zu, als sein Bruder einen Aufenthalt in Uganda plante. «Als mein Bruder von seinem Vorhaben erzählte, habe ich gemerkt, dass ich so etwas auch möchte. Eine starke Erfahrung, ganz für mich. Also habe ich das Studium zunächst mal gecancelt und mich auch für einen Freiwilligendienst entschieden. Wir waren dann parallel in der Welt unterwegs – mein Bruder in Uganda, ich in Indien», berichtet Philipp. Neben Indien hatte er auch Thailand und die Philippinen in Erwägung gezogen. Letztlich hätten die Erfahrungsberichte anderer Freiwilliger zur Entscheidung für Indien geführt. «Ein Land, so groß wie ein Kontinent – diese Vorstellung war krass», sagt Philipp. Über die «Freunde der Erziehungskunst» ist er schließlich im zentral-westlich gelegenen Bundesstaat Maharashtra gelandet. Dort liegt am Highway Richtung Mumbai am Rand der Sechs-Millionenstadt Pune seit 2012 das Swadhaa Waldorf Learning Centre.

Sinn verzweifelt gesucht
 

Die anfängliche Freude über den Beginn eines großen Abenteuers war bald einer gehörigen Ernüchterung gewichen. «Ich hatte das ganze Jahr über keinen festen Stundenplan und keine festen Aufgaben. Deshalb fühlte ich mich unterfordert und hatte den Eindruck, keinen echten Beitrag im Schulleben leisten zu können», erläutert Philipp. Aber ein Seminar und der dortige Austausch mit anderen Freiwilligen bestärkten ihn darin, für eine sinnvolle Tätigkeit in der Schule zu kämpfen. So kam er mit der Idee in die Einrichtung zurück, vollkommen eigenverantwortlich Kunstunterricht zu geben. Denn Philipp sagt von sich selbst, dass er sehr kunstbegeistert ist und sowohl in der eigenen Schulzeit als auch in der Freizeit viel in diesem Bereich geleistet hat. Das hat ihm das Vertrauen gegeben, selbst zu unterrichten. In einem intensiven Austausch setzte sich Philipp mit seiner Idee durch. Fortan unterrichtete er sporadisch zunächst die Klassen 4 und 5, später auch die Klasse 6 in Kunst – ganz allein. Thematisch hat er sich dabei auf den Hauptunterricht bezogen und sich mit den jeweiligen Klassenlehrkräften abgestimmt. In der Regel hätte er mit der Nass-in-nass-Technik auf einem großen Blatt Papier gemalt, das an der Tafel hing. «Dieses Unterrichten hat mich extrem glücklich gemacht und auch stolz. Aber leider füllte es keinen ganzen Tag, geschweige denn eine ganze Woche aus», fasst Philipp zusammen. Zeiten des Leerlaufs zu überstehen, blieb weiterhin eine Herausforderung für ihn.

Nicht länger auffallen
 

Die vielen kleinen und größeren Reisen, die er zusammen mit einer anderen Freiwilligen an schulfreien Tagen unternommen hat, hätten sehr befreiend gewirkt. Immer wieder fallen die Worte «Herzlichkeit» und «Wärme», wenn Philipp von den Menschen in Indien spricht. Uneingeschränkt schön war aber auch dieser Teil seines Aufenthalts nicht. «Als Menschen mit weißer Hautfarbe wurden wir überall permanent angestarrt», berichtet er. Irgendwann konnte er das kaum mehr aushalten. Philipp wollte nicht länger auf der Straße auffallen und sehnte sich nach Anonymität. Eine Zeitlang zog er sich viel in sein Zimmer zurück – mit der Folge, dass er sich einsam und isoliert fühlte. Gegen Ende geriet er auch noch in einen Konflikt mit einer Führungskraft der Schule. Philipp hatte sich häufig unverstanden und ungerecht behandelt gefühlt. Weder konnte noch wollte er das länger zurückhalten. Der Streit konnte mit Hilfe seines Mentors von den «Freunden der Erziehungskunst» jedoch gut aufgelöst werden. Auch im Nachhinein empfindet Philipp seine Zeit in Indien «alles andere als leicht». «Trotzdem behalte ich Land und Leute in bester Erinnerung und würde jederzeit wieder dorthin reisen», versichert er. «In Indien habe ich gelernt, dass ich selbst für mein Glück verantwortlich bin, und in mir ist der Glaube daran gewachsen, dass ich alles schaffen kann», resümiert der junge Mann. Er lebt inzwischen in Berlin und studiert Biologie. Das passe viel besser zu ihm als Marketing – eine Erkenntnis, die in Indien gereift ist.

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