Erziehungskunst | Sie sind im Frühjahr zum zweiten Mal in den Beirat der Pädagogischen Forschungsstelle gewählt worden. Was reizt Sie an dieser Arbeit?
Petra Hamprecht-Krause | Es ist schön, dass man mit Fachleuten der Waldorfpädagogik zusammenkommt und sich auf Augenhöhe trifft und auf einem hohen Niveau alle Dinge besprechen kann. Man bekommt ein Gefühl dafür, welche Themen gerade aktuell sind, und kann mitsteuern, welche dann vertiefend bearbeitet werden. Ich kann an den Kernfragen der Waldorfpädagogik mitarbeiten, das macht diese Tätigkeit für mich spannend und erfüllend.
EK | Was genau ist die Aufgabe
des Beirats?
H-K | Der Beirat berät die Pädagogische Forschungsstelle bei der Mittelverwendung für Forschungsanträge, Veröffentlichungen und anderen Vorhaben. Vor jeder Sitzung bekommen wir von der Geschäftsstelle die Projektanträge zugeschickt – wir lesen diese und bilden uns eine Meinung. In den Sitzungen selbst wird diskutiert, inwiefern die eingereichten Anträge für die gesamte Waldorfwelt relevant sein könnten und in welchem Umfang Mittel bewilligt werden sollen. Es geht immer darum, ob ein Vorhaben einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik insgesamt leisten kann.
EK | Was passiert, wenn ein Antrag nicht überzeugt?
H-K | Wenn ein Antrag zu unklar ist oder zu sehr auf einen einzelnen Standort zugeschnitten wirkt, geben wir ihn zur Nachbearbeitung zurück. Dann kommt er in einer späteren Sitzung nochmal, wird erneut vorgestellt und neu bewertet. Manchmal werden wir Beiratsmitglieder auch gebeten, in der Sitzung einen Antrag vorzustellen – dann ist es ratsam, sich vorher mit den Antragstellenden kurzzuschließen, um Hintergründe zu erfahren oder offene Fragen zu klären.
EK | Wie ist der Beirat
zusammengesetzt?
H-K | Die Mindestgröße beträgt laut Satzung sieben Mitglieder, aktuell sind es 26. Es sollen Vertreter:innen aus den Hochschulen und Seminaren, an denen Waldorfpädagogik gelehrt wird, dabei sein – aber eben nicht nur Akademiker:innen, sondern auch praktizierende Lehrpersonen wie ich. Möglichst alle Fachrichtungen sollen vertreten sein. Ein wichtiges Ziel ist außerdem eine ausgeglichene Geschlechterverteilung, die inzwischen umgesetzt ist. Die Mitglieder sind überwiegend der Anthroposophie nahestehend oder selbst Anthroposoph:innen, aber der Fokus liegt klar auf der kritischen Weiterentwicklung – Waldorfpädagogik befragen, beforschen, erneuern, aktualisieren. Entscheidend ist die fachliche Ebene, auf der man sehr gut miteinander arbeiten kann.
EK | Wie oft und wo tagen Sie?
H-K | In der Regel zweimal im Jahr, rotierend an den Standorten Alfter, Kassel und Stuttgart. Die Sitzungen dauern sechs Stunden. Online-Treffen gab es in Ausnahmefällen, etwa während der Corona-Zeit oder zur Besprechung von Kandidat:innenlisten für den Beirat, aber das ist nicht die Regel.
EK | Wie läuft die Abstimmung über die Anträge ab?
H-K | Pro Sitzung werden rund ein Dutzend Neuanträge vorgestellt und bewertet. Insgesamt betreut die Forschungsstelle etwa 50 Projekte gleichzeitig, die je nach Umfang für mehrere Jahre bewilligt werden können. Wenn Beiratsmitglieder selbst Anträge gestellt haben, stellen sie ihr Projekt vor – sie kennen die Materie ja am besten –, verlassen für die Abstimmung aber den Raum. So können wir frei entscheiden. In der Regel stimmen wir per Handzeichen ab, das Klima ist von Offenheit geprägt. Eine geheime Abstimmung wäre auf Antrag aber möglich.
EK | Sie haben selbst im Initiativkreis an der siebten Auflage des Richter-
Lehrplans mitgearbeitet. Was hat sich dort verändert?
H-K | Es sind neue zeitgemäße Gesichtspunkte eingeflossen, vor allem Gendergerechtigkeit, aktuelle Forschungsergebnisse und die Medienentwicklung. Das Ergebnis ist eine zweigliedrige Struktur: ein gedruckter horizontaler Lehrplan mit den pädagogischen Grundlagen und ein laufend aktualisierter vertikaler Online-Lehrplan, damit Lehrkräfte auf zeitgemäßes aktuelles Material zurückgreifen können.
EK | Welche inhaltlichen Schwerpunkte bestimmen derzeit die Arbeit der Forschungsstelle?
H-K | Medienpädagogik ist ein großer Schwerpunkt, da werden viele Projekte unterstützt. Auch Gendergerechtigkeit und Diversität spielen eine wichtige Rolle – etwa in neuen Fremdsprachenlektüren, die vielfältige Perspektiven abbilden und nicht mehr nur die weißen, männlichen und starken Helden in den Mittelpunkt stellen. Im Geschichtsunterricht hat sich das «Forum Geschichte» etabliert, da geht es um Dekolonialisierung. Es soll nicht nur der europazentrierte Blick vermittelt werden, sondern eine weltweite oder zumindest vielfältige Perspektive.
EK | Was zeichnet die Arbeit im
Beirat für Sie persönlich aus?
H-K | Die Forschungsstelle kann auch einen akademischen Anspruch haben, in der Regel immer mit Ausrichtung auf die Praxis. Auch Transparenz ist ein zentrales Anliegen. Ein weiteres Projekt, das wir mitbegleiten, ist die Waldorf-Plattform mit einer angestrebten Mediathek – das zeigt, wie sehr sich das Themenspektrum inzwischen auch in digitale Räume ausweitet. Für mich ist die Beiratsarbeit vor allem eine Gelegenheit, den fachlichen Austausch auf hohem Niveau zu pflegen und die Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik aktiv mitzugestalten. Man hat den Eindruck, man ist wirklich an diesen Kernfragen mit dran. Ein Ehrenamt, das nicht nur berät, sondern bewegt.
EK | Vielen Dank für das Gespräch! ‹›
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