Ausgabe 04/26

Apfelbäume im Gepäck

Anne Brockmann

Der ehemalige Waldorfschüler Jamine Mupia aus Namibia auf der Insel Mainau.

Jamine Mupia schaut auf die beiden Apfelbäumchen in den zwei Kübeln auf seinem Balkon im niederbayrischen Mainburg. «Bald werde ich die Töpfe isolieren müssen, um die Wurzelballen vor dem Frost zu schützen», sagt er. Der junge Mann kennt sich aus mit dem Anbau von Obst und Gemüse. Denn zu Hause in Namibia hatte er einen Garten, der hat ihn ganz und gar ernährt. Eine Zeitlang hat Jamine auch noch seine Familie selbst versorgt. Die Landeshauptstadt von Namibia, Windhoek, liegt fast in der geografischen Mitte des Landes und ist eingebettet in Berg- und Hügelketten. Das Klima ist heiß, aber gemäßigt, denn die Stadt liegt auf einer Höhe von 1.700 Metern. Dort ist Jamine aufgewachsen. Und dort besuchte er die örtliche Waldorfschule. «Meine Mutter war schon immer eine Kritikerin des namibischen Schulsystems. Sie war Schulleiterin an einer staatlichen Schule, als ich klein war, und für ihre eigenen Kinder wünschte sie sich etwas anderes», erzählt Jamine. Frei und selbstbestimmt lernen, in der eigenen Geschwindigkeit und mit einem Blick auf das einzelne Kind – das sei seiner Mutter wichtig gewesen.

Vier mal vier Meter Ideenraum
 

Eine Schule, deren Pädagogik aus Deutschland stammt, lag für seine Mutter nahe. Denn die Familie hat seit jeher unterschiedliche Verbindungen hierher. «Der beste Freund meines Vaters kommt aus Deutschland und mein allererstes Kindermädchen tat es auch», erinnert sich Jamine. Außerdem hätte die Familie immer wieder junge Freiwillige kennen gelernt, die auch aus Deutschland stammten. In der Waldorfschule in Windhoek lernte Jamine als kleiner Junge nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch den Gartenbau kennen. Beziffern kann er die Fläche nicht, aber noch immer findet er den Garten seiner ehemaligen Schule «riesig». «Ich glaube, die erste Unterrichtseinheit hatten wir in der vierten Klasse. Da starteten wir mir ganz einfachen Arbeiten wie dem Unkraut-Jäten. In der Oberstufe konnten wir uns dann richtig entfalten», berichtet Jamine. Er erinnert, dass alle Schüler:innen ein eigenes kleines Areal unter dem Dach eines großen Gewächshauses bekommen haben, das sie ganz nach ihren eigenen Ideen gestalten durften. Jamine hat auf seinen vier mal vier Metern vieles ausprobiert. Er hat einen Weg mit Steinen gepflastert, eine Trockenholzmauer aufgeschichtet und Gemüse angebaut.

Ein Verlust und Zeit zum Lesen


Während dieser Zeit kam die Corona-Pandemie auch nach Windhoek. Durch das Virus hat Jamine seinen Opa verloren. Neben dem Verlust brachte die Krise aber auch viel freie Zeit. Die hat Jamine unter anderem zum Lesen genutzt: «Mein bester Freund ernährte sich damals schon länger vegetarisch. Daraufhin habe ich 2020 beschlossen, vegan zu leben und einen Teil meiner Lebensmittel selbst zu ziehen. Ich hatte die Erfahrungen aus dem Gartenbauunterricht. Den Rest habe ich mir angelesen.» Und es dauerte nicht lange, da blühten Bäume zehn verschiedener Obstsorten im Garten der Mupias – Äpfel, Pfirsiche, Pflaumen, Zitronen und Bananen zum Beispiel. Eine Verbindung zum eigenen Essen zu haben, zu wissen, wo es herkommt, und unter welchen Bedingungen es gewachsen ist, das wurde immer bedeutsamer für Jamine. Er hat sich erste Kenntnisse über die biologisch-dynamische Landwirtschaft angeeignet, über das Anlegen von Kompost und über sinnvolle Fruchtfolgen. Jamines Orangenbäume haben zum ersten Mal getragen, als er schon in Deutschland war. Im Frühjahr 2023 ist er hergekommen.

Garten statt Balkon


Zunächst absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Camphill-Einrichtung am Bodensee. Eine Arbeit mit Kindern hätte er sich auch für sein Berufsleben vorstellen können. Nur ein Job am Schreibtisch, der sei nie infrage gekommen: «Ich will mich frei fühlen. Das tue ich entweder im Kontakt mit Menschen oder in der Natur.» Schlussendlich hat er sich für eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner entschieden – und zwar in Deutschland. Für seinen Ausbildungsplatz ist er vom Bodensee ins niederbayrische Mainburg gezogen. Vor Ausbildungsbeginn musste Jamine aber noch mehrere bürokratische Hürden nehmen. Statt eines Visums für ein FSJ brauchte er nun eine Aufenthaltserlaubnis. «Das war sehr kompliziert und hat sich lange hingezogen. Ich glaube, ohne die Unterstützung meines Ausbildungsbetriebes hätte es nicht geklappt», mutmaßt Jamine. Jeden zweiten Tag hätten seine Chefs für ihn oder mit ihm beim zuständigen Landratsamt angerufen. Im kommenden Sommer geht für ihn schon das zweite Lehrjahr zu Ende. «Mir ist es wichtig, einen Gartenbau zu betreiben, der im Einklang mit der Natur ist. Manchmal gibt es Kundenwünsche, die bringen mich in einen inneren Konflikt. Wenn wir viel betonieren oder pflastern sollen oder die gewählten Stauden nicht insektenfreundlich sind. Meine Firma tickt da aber ähnlich wie ich. Deshalb kommt das nicht so oft vor», erzählt Jamine.

Demnächst wird er umziehen – raus aus seiner Wohnung mit dem Balkon, hinein in eine, die einen Garten hat. Dort möchte er wieder eigenes Obst und Gemüse anbauen. Die beiden Apfelbäumchen kommen selbstverständlich mit und wandern dann von den Kübeln in die Erde. 

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