Auch zur Bigband kann man tanzen

Von Hans-Peter Zuther, Juli 2018

Die Nürtinger Rudolf-Steiner-Schule hat einen musikalischen Schüleraustausch mit dem Pallini-Musikgymnasium in Athen organisiert.

Die walDIEBIGBAND (wBB) aus Nürtingen startete mit dem Flieger nach Athen. Vom Flughafen ging es direkt zum Pallini-Musikgym­­­nasium, wo wir in einer kleinen Willkommensfeier unsere griechischen Freunde – das aus Oberstufenschülern bestehende »Athena Guitar Ensemble«, Gasteltern und deren Familien – kennenlernten.

Wir unterhielten uns vorwiegend auf Englisch, wobei überraschend viele Schüler auch das Deutsche gut beherrschten. Der nächste Tag war der griechische Nationalfeiertag, der sogenannte »Nein!-Tag«, an dem die damalige griechische Regierung dem faschistischen Italien den Gehorsam verweigerte. Unter kundiger Führung von Stavros Katirtsoglou und Astrinos Karajiorgakis, der beiden Leiter des Athener Ensembles, besuchten wir das Akropolismuseum und die Akropolis.

Es folgten weitere Ausflüge mit Vassilis Antonopoulos, dem Rektor der Mittelstufe: über den Kanal von Korinth nach Mykene, dem nahe liegenden Grabmal des Atreus und schließlich zum wunderschön in der Abendsonne liegenden Epidauros.

Schließlich lernten wir die Schule selbst kennen. Das Pallini-Musikgymnasium war vor knapp 30 Jahren das erste solcher Art in Griechenland – heute ist es trotz dramatisch eingeschränkter finanzieller Mittel Vorbild für viele Schulen des Landes. Jedes Jahr bemühen sich 300 Sechstklässler darum, einen der begehrten Plätze zu bekommen. Es können aber nur maximal 100 Schüler aufgenommen werden. Jeder Schüler der Mittelstufe lernt drei Instrumente, in der Oberstufe sind dann wegen der Fülle des Lernstoffes nur noch zwei obligatorisch. Morgens versammelt sich die ganze Schulgemeinschaft im Schulhof, wird von der Lehrerschaft begrüßt und alle sprechen das griechische Vaterunser. Dann gibt es Tagesinformationen, wie zum Beispiel dass in dieser Woche Freunde aus einer deutschen Waldorfschule da sind. Wir dürfen zwanglos in Unterrichten hospitieren, erleben, wie alle gerne in »ihre« Schule gehen und wie locker und doch respektvoll der gegenseitige Umgang ist. »Wie bei uns Waldis!« kam da manchem in den Sinn. Aus buchstäblich jeder Ecke erklingt Musik. Wir sind beeindruckt vom musikalischen Niveau.

Die Lehrer sind alles Könner in ihrem Fach und auf ihren Instrumenten. Es gibt klassische, traditionell griechische und moderne Ensembles, auch Jazzensembles. Unglaublich, mit welcher Hingabe beispielsweise die griechische Musik mit ihren für europäische Ohren orientalisch wirkenden Melodien, ungeraden Taktarten und anspruchsvoller Rhythmik zum Klingen gebracht wird. Die Antlitze der jugendlichen Musizierenden erinnern uns an das dorische Lächeln der Statuen im Akropolis-Museum.

Das Konzert in der großen Schulaula bleibt unvergesslich! Zuerst spielt ein Schülerensemble traditionelle griechische Musik, den Hauptteil bestreiten wir als Gäste, und am Schluss bringen wir noch gemeinsam mit dem Gitarrenensemble zwei vorbereitete Stücke zu Gehör. Amira Kaiser, die Leaderin unserer WalDIE Big Band (wBB), hat zur Einführung eines unserer Stücke gesagt, man dürfe auch gerne dazu tanzen. Die mehr humorvoll gemeinte Aufforderung ist kaum ausgesprochen, da stürmt die Hälfte der 600 Schüler jubelnd nach vorne, tanzt begeistert mit, applaudiert nach jeder Nummer lautstark kreischend, zückt bei stimmungsvollen Stücken die Handylampen und ringt uns einige Zugaben ab. »Wir kamen uns vor wie Rockstars!« erinnert sich später ein wBB’ler.

Wir erhalten von der Lehrerschaft ein großes Geschenk: Workshops für griechischen Tanz und traditionelle griechische Instrumente.

Es folgt im Athener Goethe-Institut, das nahe dem Parlamentsgebäude liegt, zusammen mit dem Gitarren-Ensemble ein Konzert. Wegen unseres wohl nicht richtig verstandenen Namens werden wir von dessen Leiter in launisch-freund­lichen Worten als »Vivaldibigband« begrüßt.

Athen in Nürtingen

Vier Wochen später holen wir die Freunde vom Stuttgarter Flughafen ab. Statt von einem mediterran-blauen Himmel werden sie von schneeschwangeren Wolken und Grippe verheißenden Temperaturen begrüßt. Doch sofort ist die wärmende Vertrautheit zwischen uns wieder da. Ein kleines Willkommensfest, das die Gasteltern und wir wBB’ler in einem unserer Musiksäle veranstalten, knüpft die losen Enden gleich wieder zusammen.

Die »Pallinis« werden in unserer Schule willkommen geheißen. Wie anders das äußere Erscheinungsbild: in Athen einfachste räumliche Verhältnisse, hier eine dem erstrebten Ideal angemessene Architektur. Das Programm für die Woche ist voll: Schon im Vorfeld war ausgemacht, dass der Pater der Reutlinger griechisch-orthodoxen Gemeinde mit unseren Freunden einen Tag in Tübingen verbringt, inklusive griechischem Restaurant, Kirchengitarrenkonzert und Jazzclub Voltaire. Es folgten Besuche im Mercedes Benz-Museum und schließlich in der Liederhalle ein ausgezeichnetes Konzert. Der Abschluss stand dann ganz im Zeichen der Konzerte an unserer Schule: Morgens eines vor der

ganzen Schulgemeinschaft, abends ein öffentliches des Gitarrenensembles und unserer wBB mit vielen geladenen Gästen. Auch hier machten uns die jungen griechischen Gäste wieder vor, dass ein Bigbandkonzert auch zum Tanzen genutzt werden kann.

Neben all dem fanden Gespräche, Spaziergänge, gemeinsame Mittagessen in der Schulküche, Unterrichtsbesuche und »walditypische« Workshops statt. Witzig, wie einer der griechischen Schüler meinte, hier seien die Straßen so sauber und die Verkehrsteilnehmer hielten sich immer an alle Regeln. Schön zu erleben, mit welch echtem Interesse sie nach den Grundlagen und der Praxis unserer Waldorfpädagogik fragten, ob des vielfältigen Unterrichtsangebots staunten und begeistert an den Workshops teilnahmen. Klar wurde auch, wie einseitig die Presseorgane beider Länder über das jeweils andere berichten. Bekamen wir doch in den beiden Wochen unmittelbar Einsicht in die Not, die seit der Krise in Griechenland herrscht: dass die Jugendarbeitslosigkeit inflationär ist, erschreckend viele gut ausgebildete junge Menschen das Land verlassen, die Schere zwischen Reich und Arm sich immer weiter öffnet und viele aus der griechischen Mittelschicht vor dem Nichts stehen.

Wie aber andererseits auch innerhalb der griechischen Bevölkerung eine Art von Solidarität und ein Aufbruchswille entstehen, die zu großer Hoffnung Anlass geben. Und wir selbst, wir mussten beschämt feststellen, wie viele von der Presse genährte Vorurteile in uns selbst unhinterfragt gelebt hatten.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit unseren griechischen Freunden!

youtu.be/RBmhBERYAZ4

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