Auf dem Prüfstand

Von Henning Kullak-Ublick, April 2018

Mitte Februar veröffentlichte die »Neue Zürcher Zeitung« ein Interview mit dem Tübinger Medien­wissenschaftler Bernhard Pörksen. Er bescheinigt unserer Gesellschaft, dass sie sich aufgrund der uneingeschränkten Zugänglichkeit und andauernden Verfügbarkeit der Medien atmosphärisch in einem Zustand fortwährender Erregung und Skandalisierung befinde und sich zu einer »Empörungsdemokratie« entwickle.

Pörksen fordert daher, »die Prinzipien des guten Journalismus – arbeite wahrheitsorientiert, prüfe erst, publiziere später, sei skeptisch, versuche der Verführung durch Ideologien zu entgehen, benutze mehrere Quellen, unterscheide klar zwischen Werbung und Berichterstattung, skandalisiere nur, was tatsächlich relevant ist« zum Teil der Allgemeinbildung werden zu lassen.

Recht hat er, was sonst? Die Schwierigkeit liegt allerdings, wie so oft, nicht im »Was«, sondern im »Wie«. Nehmen wir den Dauererreger des letzten Jahres, den Abgas-Skandal. Da wurde gelogen und getäuscht, dass sich die Balken bogen. Wer in Schule oder Uni während einer Prüfung beim Schummeln erwischt wird, fliegt entweder raus oder muss die Prüfung wiederholen. Unterdessen fuhr allein Volkswagen in den ersten drei Quartalen von 2017 einen Betriebsgewinn von 13,2 Milliarden Euro ein. Mit »alternativen Fakten« kommt man, so scheint es, doch ganz gut durchs Leben. Wenn wir uns also darum Gedanken machen, wie wir die oben geforderten Tugenden zum Teil der Allgemeinbildung werden lassen wollen, befinden wir uns mitten in sehr grundlegenden Fragen nach der Wahrheit, nach der Moral – und nach dem Wesen von Prüfungen.

Denn die Schummel-Software wurde bekanntlich auf »Prüfständen« eingesetzt, während die Tests auf der Straße – man könnte auch sagen: im wirklichen Leben – tunlichst vermieden wurden. Legt das nicht den Schluss nahe, dass hier Menschen am Werk waren, die Prüfungen nie als etwas anderes kennengelernt haben denn als Ausleseverfahren für persönliche Vorteile, Lebenschancen, Sieger oder Verlierer im Kampf ums Dasein? Die nie erkennen konnten, dass eine Prüfung ohne Selbstreflexion nichts weiter ist als pure Abrichtung auf ein darwinistisches Weltbild? Die nie erfahren durften, was es heißt, die Wirkung der eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen auf andere Menschen, die Natur, die Nächsten und Fernsten und nicht zuletzt auf die eigene Seele in die Waagschale zu legen?

Was leben wir der heranwachsenden Generation vor? Lassen wir unsere Kinder im Laufe ihres Heranwachsens tausend große und kleine Prüfungen erleben, durch die sie sich und die Welt als Handelnde, mit ihrem Herzen wahrnehmende und selbstständig Denkende verstehen lernen oder bringen wir sie schon als Kinder in die unproduktive Mühle des Wettstreits um gute Prüfungsergebnisse, die überhaupt keinen Wert in sich selbst haben, sondern über Lebenschancen entscheiden? Wahrheitssuche, Unterscheidungsvermögen und Besonnenheit, wie sie Pörksen zu Recht fordert, sind, bevor sie zu einer individuellen Fähigkeit werden können, vor allem eine Erfahrung, die die Kinder und Jugendlichen an den Erwachsenen erleben müssen. Ohne deren Selbsterziehung wird es nichts mit der Allgemeinbildung.

Henning Kullak-Ublick, von 1984-2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung sowie Koordinator von Waldorf100 und Autor des Buches »Jedes Kind ein Könner. Fragen und Antworten an die Waldorfpädagogik«.

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