Ausgabe 04/26

Ausbrechen – immer donnerstags

Anne Brockmann

Franca (links) in der Mutter-Kind-Gruppe im Café Connect in Gütersloh während ihres Ehrenamt-Unterrichts.

Berivan sitzt zusammen mit einem Dutzend anderer Frauen in einem Stuhlkreis und hat ihren zweijährigen Sohn auf dem Schoß. Franca wirft ihr einen bunten Textilball zu und fragt: «Berivan, was hast du am Wochenende gemacht?» Die junge Mutter überlegt, dann berichtet sie. Berivan ist Jesidin und vor wenigen Jahren aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet. Sie kommt regelmäßig in die Mutter-Kind-Gruppe, die ans Café Connect in Gütersloh angegliedert ist. Franca besucht die 13. Klasse der Freien Waldorfschule in Gütersloh und macht dort in wenigen Monaten Abitur. Im vergangenen Schuljahr hat sie als Zwölftklässlerin jeden Donnerstag im Café Connect verbracht. Denn statt Unterricht hieß es sechs Monate lang: Ehrenamt. An der FWS Gütersloh ist das seit letztem Schuljahr ein ganz offizielles Unterrichtsfach. Franca hat in ihrem Ehrenamt Berivan und vielen anderen einen Raum geöffnet, in dem sie einander begegnen und sich austauschen, Deutsch lernen und weitere Hilfsangebote kennenlernen können.

Das Konzept für das ungewöhnliche Unterrichtsfach haben die beiden Oberstufenlehrer:innen Kathrin Manthey und Nils Rabente entwickelt. Sie kommen wöchentlich mit ihren Kolleg:innen in einer Oberstufenkonferenz zusammen und arbeiten unter anderem am Schulprofil. «Als wir uns die Frage gestellt haben, was Schüler:innen in der zwölften Klasse brauchen, waren wir uns einig darin, dass sie raus müssen, weg von der Schulbank, ins echte Leben hinein, eine Zeitlang wenigstens», berichtet Rabente, der nicht nur Lehrer, sondern auch Pianist ist. An der FWS Gütersloh verbindet er beides und versucht, seine Leidenschaft als Musiklehrer weiterzugeben. Rabente ist Mitglied mehrerer kleiner Ensembles, die sich in den Genres Jazz und Neoklassik bewegen. «Bevor ich hierherkam, habe ich an fünf anderen Schulen unterrichtet. Echten Musikunterricht ermöglichte mir aber erst der flexible Lehrplan hier an der Waldorfschule.»

Die Rollen umgekehrt
 

Rabente ist sicher, auch das Einführen eines Ehrenamtes als Unterrichtsfach wäre an einer anderen Schule nicht so leicht gegangen. Schon gar nicht in Klassenstufe 12, kurz vor dem Abitur. Aber er findet, genau da gehört es hin: «Der Vorteil gegenüber dem Sozialpraktikum in unteren Klassenstufen liegt darin, dass die Schüler:innen meist volljährig sind und ihnen deshalb verantwortungsvollere Aufgaben übertragen werden können. Das war eine Erfahrung, die alle durchweg begeistert hat: Ich werde wirklich gebraucht.» Natürlich seien im Vorfeld auch Bedenken aufgekommen, ob durch das Ehrenamt Unterrichtsinhalte verpasst würden und die Vorbereitung aufs Abi damit zu kurz käme, räumt Rabente ein. Um das neue Fach nicht zulasten anderer zu ermöglichen, haben sie den Lehrplan in Gütersloh «aufgeräumt und umgeschichtet». Konkret wurden Inhalte verschlankt, aus dem zweiten Halbjahr ins erste geholt und die Zwölftklassarbeit abgeschafft. Rabente und seine Kolleg:innen empfinden die Oberstufe durch die zentralen Prüfungen als «stark verschult». Ein Tag mitten in unserer bunten Gesellschaft sei da genau der richtige Kontrast. So fühlte es sich auch für Nele an. Sie hat sich einen Schulbauernhof für ihr Ehrenamt ausgesucht und hat vor allem die Rollenumkehr genossen: «Es kamen Unterstufenschüler:innen zu uns. In dieser Konstellation war ich nicht diejenige, die lernt, sondern diejenige, die anderen etwas zeigen und beibringen kann. Das war schön. Außerdem war es toll, den ganzen Tag draußen zu sein.» Nele kann sich vorstellen, nach dem Abitur eine Ausbildung zur Garten- und Landschaftspflegerin zu beginnen. 

Träume, Pflichten, Erkenntnisse
 

Einige Schüler:innen hätten nach dem Ende der sechsmonatigen Ehrenamtszeit in Erwägung gezogen, über den von der Schule vorgegebenen Zeitraum hinaus in ihrer Einsatzstelle zu helfen. «Ob tatsächlich jemand dabeigeblieben ist, weiß ich nicht. Vermutlich kommen oftmals doch Abivorbereitungen und Freizeitgestaltung dazwischen, aber allein die Überlegung zeigt, wie wertvoll diese Donnerstage waren», meint Rabente. Er ist überzeugt, ein verpflichtendes Jahr im Dienst der Gesellschaft würde allen jungen Menschen guttun. Er selbst hat 2011 zum letzten Jahrgang gehört, der in Deutschland Zivildienst leisten musste und sagt, er hat in dieser Zeit Einblicke erhalten, die ihn nachhaltig geprägt haben, die er selbst aber nie gesucht hätte. Bei aller positiven Erfahrung mit ihrem neuen Unterrichtsfach Ehrenamt: Franca und Nele sehen das anders. Nach vielen Jahren der Fremdbestimmung durch die Schulpflicht etwa müsse erst einmal Platz für Träume sein. Franca plant, nach dem Abitur mit ihrer Mutter für längere Zeit den afrikanischen Kontinent zu bereisen. Das hätte ihre Mutter schon machen wollen, als sie in Francas Alter war, konnte aber nicht, weil ihre Eltern es verboten hatten. Nun holt sie den Jugendtraum gemeinsam mit ihrer Tochter nach. Nele zieht es mit einer Freiwilligenorganisation für ein Jahr nach Ghana. «Das ist im Grunde auch ein Ehrenamt – nur nicht gleich hier um die Ecke», sagt die Schülerin lächelnd.

Recht geben die beiden ihrem Lehrer Rabente in dem Punkt, dass gesellschaftliches Engagement Erfahrungen und Erkenntnisse vermittelt, die anders kaum zu gewinnen sind. Franca muss an einen Mann aus Syrien denken, der während seiner Flucht einen schlimmen Unfall erlitten hat, fast gestorben wäre und jetzt an Krücken geht: «Er bedauert nicht, was ihm fehlt, sondern ist dankbar für das, was er hat. Er lebt für den Tag und nicht für eine ferne Zukunft. Dieses Mindset bewundere ich.» 

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