Das Schweigen, das Nichts-sagen-Wollen und das Nichts-hören-Wollen sind elementare Bestandteile jeden Mobbings.
«Wir brauchen Hilfe! Dringend! Es kann so nicht mehr weitergehen! Bitte melden Sie sich, wenn Sie das lesen!» So dramatisch klingt manche Mail, die Kirsten Heberer bekommt. Zum Teil wurden sie von eigens dafür eingerichteten Adressen verschickt, um die Absender:innen anonym zu halten. Manchmal unterzeichnet «eine besorgte Mutter» oder «Eltern, die nicht weiterwissen». Auch Ortsangaben fehlen in diesen Mails. Wo spielt sich was ab? Um welche Schule handelt es sich? Keine Info dazu.
Kirsten Heberer ist Diplom-Sozialpädagogin, Supervisorin und Referentin für Inklusion und Gewaltprävention. Für den Bund der Freien Waldorfschulen bearbeitet sie als Kontaktperson in der Anlaufstelle Vorkommnisse von Mobbing, psychischer und physischer sowie sexualisierter Gewalt. «Dass Hilfesuchende ihre Identität zunächst verbergen, ist keine Seltenheit. Oft sind Angst und Unsicherheit aufgrund von Einschüchterung und einem täglich erlebten Ohnmachtsgefühl einfach zu groß. In der Regel kann ich aber umso angemessener reagieren, je mehr ich weiß», berichtet Heberer. Nicht selten wenden Menschen sich auch erst dann an die Fachfrau, nachdem sie einer Waldorfschule bereits den Rücken zugekehrt haben. Nachdem betroffene Kinder oder Jugendliche zum Beispiel über Wochen und Monate hinweg an Schultagen wieder und wieder mit Magenschmerzen aufgewacht sind, Ausflüchte für die Teilnahme an Klassenfahrten und Ausflügen gesucht haben oder in der siebten Klasse gar wieder angefangen haben, ins Bett zu nässen. Die Liste an möglichen Symptomen ist lang, die Ursache meist mit einem Wort zu benennen: Mobbing. Dahinter verbirgt sich jedoch eine komplexe soziale Dynamik, gekennzeichnet von Schikanen, Quälereien und Isolation.
Hintergrund ist oft das Erlangen, Ausüben und Erhalten von Macht. Das Rollengefüge ist dabei meist diffus und könnte ebenso gut genau andersherum aufgeteilt sein. «Es ist ganz wichtig, das zu betonen: Mobbingopfer sind niemals schuld an ihrer Situation, an dem, was ihnen widerfährt. Es kann wirklich jede:n treffen», versichert Heberer und möchte damit eine erste Entlastung schaffen bei denen, die betroffen sind.
Projektion, Konflikt, Streit – oder Mobbing?
Wenn sie ein Hilferuf über die Anlauf- und Beschwerdestelle erreicht, besteht Heberers Hauptaufgabe darin, «zu eruieren». «Ich versuche, möglichst genau herauszufinden, was geschehen ist oder geschieht, wer die aktiv und passiv Beteiligten sind, welche Rahmenbedingungen vorliegen, welche Schritte womöglich schon unternommen wurden und welchen Effekt die hatten», beschreibt sie ihre Tätigkeit.
Dabei kristallisiert sich mitunter heraus, dass eher das hilfesuchende Elternteil eine Mobbingerfahrung gemacht hat und diese bis dato nicht verarbeiten konnte. «In so einem Fall kann es schon mal passieren, dass eine phasenweise Schulunlust oder Veränderungen in der Peergroup des Kindes vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen als Mobbing angesehen werden, obwohl es sich um entwicklungsbedingte Schwankungen handelt. Dann gilt es, die Eltern zu ermutigen, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen und Zutrauen in den Weg ihres Kindes zu haben», berichtet Heberer.
Manchmal ist ein Geschehen gerade noch diesseits der Mobbinggrenze zu verorten, ist eher ein Konflikt, der aber zu kippen droht. Heberer erklärt den Unterschied: «Bei einem Konflikt besteht Uneinigkeit auf der Sachebene. Unterschiedliche Interessen können scheinbar nicht zusammenkommen. Beim Mobbing ist diese Sachebene längst nicht mehr gegeben. Da geht es schlicht um das Herabwürdigen einer Person oder auch Gruppe.» Nicht selten ufern Konflikte in Mobbing aus, wenn die Beteiligten für ihr Problem keine Lösung finden. Dazwischen gelagert ist das aktive Austragen eines Konflikts. «Beim Streiten geht es nicht immer sachlich, sondern manchmal auch hitzig zu, also emotional. Es werden nicht nur Ansichten, Argumente und Bedenken ausgetauscht, es fliegen auch Beleidigungen, Beschimpfungen, Behauptungen und Unterstellungen umher. Und wenn die nicht zurückgenommen, korrigiert und entschuldigt werden, können sie die Grundlage für ein späteres Mobbing sein», erläutert Heberer.
Aber auch umgekehrt ist das Szenario denkbar. Nicht selten ziehen unglücklich, nur scheinbar beendete, Mobbingfälle Konflikte nach sich. Etwa, wenn ein betroffenes Kind mitsamt Familie die Schule verlassen hat, weil ihnen dazu geraten wurde oder sie sich selbst keinen besseren Rat mehr wussten. Heberer weiß: «Dann werden im Nachhinein manchmal Stimmen laut, die vorher geschwiegen haben.»
Der Fisch und sein Kopf …
Das Schweigen, das Nichts-sagen- und Nichts-hören-Wollen, das Zusehen und das Wegsehen – sie alle sind elementare Bestandteile jeden Mobbings. Sie breiten ein Gefühl der kollektiven Ohnmacht über einer Gruppe, einer Klasse oder einem Kollegium, aus. Nach etlichen Jahren im Geschäft bemüht Heberer eine Redewendung, wenn es um die Ursachen und Einfallstore für wiederkehrendes Mobbing an Waldorfschulen geht: «In der Regel stinkt dann der Fisch vom Kopf her.» Heberer meint die Vorstandsstruktur. Ist die besonders eng oder besonders weit gefasst, berge das immer eine Gefahr. «Sehr eng bedeutet, es geht autoritär und Top-down zu – auch im Klassenzimmer. Da stehen dann Lehrkräfte, die sagen: ‹Was hinter dieser Tür geschieht, entscheide allein ich.› Die haben das Empfinden, ‹mein Raum, meine Klasse, meine Eltern, mein Unterricht›», führt Heberer aus. Eine sehr weit gefasste Vorstellung von Struktur käme dagegen einer Laissez-faire-Haltung gleich. Heberer hat beobachtet: «Da fehlt es oft an Verantwortlichkeit und auch das wiederum schafft einen Boden für Übergriffigkeit.» Die vermeintliche Freiheit heißt nicht, keine Verantwortung zu haben, dies werde oft fehlinterpretiert. Häufig seien diese beiden Extreme mit Sätzen flankiert wie: «Das machen wir schon immer so.» Oder: «Ja, sie schreit oft, aber eigentlich ist sie eine ganz tolle Pädagogin. Wir sind froh, dass wir sie haben.» Und auch: «In Zeiten von Lehrer:innenmangel haben wir keine Wahl.»
Das Kollegium als Vorbild
In der Mehrzahl sind es allerdings nicht Mobbingfälle mit Opfern in der Schülerschaft, die die Expertin beschäftigen. Die meisten Schulen würden versuchen, solche Fälle intern zu klären. Heberer hat es häufiger mit Mobbing im Kollegium zu tun. Und mehr denn je heißt es für sie auch da: Sichtweisen sowie Informationen zusammentragen und ein Bild machen. Denn auch das hat es schon gegeben: Lehrer:innen, die sich mit dem Vorwurf des vermeintlichen Mobbings in ein Kollegium zurückklagen wollten, aus dem sie zuvor wegen groben pädagogischen Fehlverhaltens entlassen wurden. So oder so, für Heberer steht fest: «Wie auch immer der Umgang untereinander in einem Kollegium aussieht, die Erwachsenen sollten nie meinen, die Schüler:innen würden davon nichts mitbekommen.» Im Gegenteil: Die Heranwachsenden würden sehr genau spüren, wer innerhalb eines Kollegiums nichts zu sagen hat, nicht für voll genommen wird, oder auch den Ton angibt. Neben einem vertrauensvollen Schulklima insgesamt und dem Ausbilden von Mediator:innen und Streitschlichter:innen sei für Heberer deshalb die beste Mobbingprävention, eine kollegiale Zusammenarbeit auf Augenhöhe – mit Verantwortlichkeiten, Entfaltungsraum und Transparenz – die sich stets an der Sache orientiert.
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