Ausgabe 09/26

Beziehungskunst – Wirksame Menschlichkeit

Sven Saar
Kollektiver Perspektivenwechsel oder ein Verbergen der Individualiät? Bildquelle: Sven Saar

Sven Saar: Beziehungskunst. Menschlichkeit, Identität und Sexualpädagogik in der Waldorfschule, 304 Seiten, Edition Waldorf, Stuttgart 2023, 45 Euro.

Broschüre beziehungskunst: 
waldorfschule-shop.de/blickpunkte-reader-buecher/337/broschuere-beziehungskunst-1-stk  

Film Beziehungskunst: 
forschung-waldorf.de/beziehungskunst-film

Zitat: »Nach Rudolf Steiner gehört seelische Frische zu den entscheidenden Seelenqualitäten der Lehrperson.«
 

Alles ist Curriculum: Für jeden Menschen ist die Erde ein Lehrplan. Lernen findet nicht nur in der Schule statt, und auch dort nicht nur im Unterricht. Auf unserem Erdenweg nähren wir uns an allen Eindrücken und Beziehungen. Waldorflehrer:innen verstehen das und bemühen sich, dem Kind ein Umfeld zu schaffen, in dem es mit Selbstvertrauen und Empathie die Welt erkundet. 2022 veröffentlichte die Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen das Buch beziehungskunst als Neuauflage eines inzwischen in die Jahre gekommenen Buches über Sexualkunde. Der Untertitel Menschlichkeit, Identität und Sexualpädagogik in der Waldorfschule war Zeichen eines neuen Ansatzes: Im 21. Jahrhundert sehen wir Sex nicht mehr als etwas, das es zu verbergen gilt, sondern als wichtigen Bestandteil des menschlichen Seins und Wohlseins.

Körper, Geist und das Bild vom Menschen
 

Das war nicht immer so. In der europäischen Geistesgeschichte gilt spätestens seit Platon die Vorstellung, dass Geistaffinität eine gewisse Körperfeindlichkeit voraussetzen müsse: «Solange wir nämlich einen Leib haben und solange unsere Seele mit einem solchen Übel vermengt ist, werden wir niemals wirklich besitzen, wonach wir streben», meinte Platon. Die Folgen zeigen sich unter anderem im religiös geprägten bürgerlichen Konservatismus, aber auch in der Tendenz vieler philosophischer Richtungen, auch der Anthroposophie, körperliche Belange als dem Geist untergeordnet oder sogar hinderlich zu betrachten. Rudolf Steiner ist hier differenzierter. Für ihn ist alles Körperliche Ausdruck eines Geistig-Seelischen. So heißt es bei ihm: «Im Geiste lag der Keim meines Leibes.» Daran orientiert sich auch die Beziehungskunst: Wie ich mich gegenüber mir selbst und anderen verhalte, im sexuellen wie im sozialen Sinn, ist Ausdruck des seelischen Bildes, das ich von mir selbst und anderen habe. Diese Erkenntnis liegt den vielen Beiträgen des bereits 2023 neu aufgelegten Buches zugrunde, ebenso der gleichnamigen Broschüre beziehungskunst, die ihm folgte. Als praxisorientierte Handreichung für Schulen und Elternhäuser geschrieben, erweitert sie das Thema und macht es durch viele Illustrationen zugänglicher.

Eine Szene aus der Weiterbildung
 

Ich selbst habe seit der Veröffentlichung des Buches etwa 35 Waldorfschulen besucht und dort Vorträge, Workshops für die Oberstufe und Fortbildungen für Kolleg:innen gegeben. Das tue ich auch weiterhin und höre dabei viel Zustimmung, aber auch vereinzelt aggressiv geäußerte Kritik.

In einer Weiterbildung erzählte ich einmal eine Version des Märchens Rapunzel, in der Rapunzel ein Junge ist und sich am Schluss mit dem Prinzen vermählt. Die Lehrer:innen sollten ihre intuitiven Reaktionen auf das Gehörte reflektieren. Im Kollegium entstand eine immer hitziger werdende Diskussion. Man warf sich Goethe- und Steiner-Zitate zu, beschuldigte sich als «ewigges-trig» oder «woke». Dann sagte ein junger Sportlehrer: «Ihr wisst ja, ich melde mich nicht oft zu Wort. Ihr wisst auch, dass mein Bruder und ich beide selbst Schüler an dieser Schule waren. Dass mein Bruder schwul ist, wisst ihr vielleicht gar nicht. Und ich bin mir sicher, er hätte sich total gefreut, wenn er auch nur einmal in seiner Zeit hier so eine Geschichte gehört hätte. Das wollte ich euch nur mal sagen.»

Sofort kehrte Stille ein. Sein einfacher, direkt nachvollziehbarer Appell an die Menschlichkeit berührte alle an einem Ort, den auch die stärksten Argumente nicht erreichen konnten. Gerade in Lehrer:innenkreisen ist liebhaben oft schwieriger als Recht haben, aber es ist auch viel wichtiger. Und vor allem wirksamer.

Was bleibt von Schule im Gedächtnis?


Im Kurzfilm Beziehungskunst, den ich 2023 mit Franz Glaw gedreht habe, sprechen Schüler:innen der Klassen 12 und 13 frei über ihre prägenden Erlebnisse in der Schule, und kaum jemand redet vom Unterricht. Es geht fast durchgehend um Beziehung: Vertrauen, Herzlichkeit, Konfliktbewältigung, Respekt, Interesse und andere Soft Skills spielen für diese jungen Menschen, wie auch schon in Steiners erstem Lehrerkurs von 1919, eine große Rolle: «Denken Sie daran, dass der Lehrer ein Mensch der Initiative sei, dass er niemals lässig werde, das heißt, nicht voll bei dem dabei sei, was er in der Schule tut, wie er sich den Kindern gegenüber benimmt. Das ist das erste: Der Lehrer sei ein Mensch der Initiative im großen und kleinen Ganzen.»

Wir verlieren nichts, wenn wir unser soziales und pädagogisches Handeln am Wohlbefinden der mit uns lebenden und lernenden Menschen ausrichten. Es stärkt im Gegenteil unsere Arbeit, wenn wir uns primär nicht als Bildungsbotschafter:innen, sondern als Beziehungschaffende verstehen. In Mathe und Sport, in Handarbeit und Klassenspiel lernen junge Menschen von Erwachsenen, die ihnen vermitteln, dass sie gesehen, respektiert und angenommen sind.

Vielfalt in Bezug auf sexuelle Orientierung, Genderidentität und -ausdruck, Herkunft und Lebensstil als mehr zu verstehen als bloße Abweichung von einer Norm bedeutet, die zugrunde liegenden Normvorstellungen zu hinterfragen und sich von ihnen zu lösen. Remo Largo, der Schweizer Pionier der Jugendpsychologie, schreibt: «Eine Gesellschaft, die auf Normierung drängt, produziert systematisch über- und unterforderte Individuen, die sich in ihrem Leben verkehrt fühlen müssen.»

Nach Rudolf Steiner gehört seelische Frische zu den entscheidenden Seelenqualitäten der Lehrperson. Spüren das unsere Schüler:innen? Geht es ihnen gut mit uns? Erleben sie uns als positive, optimistische Vorbilder für das Erwachsensein? Ein inneres Ja verlangt immer ein bisschen mehr, aber es öffnet Fenster und Türen, damit ein frischer Wind auch in den Waldorfschulen wehen kann.

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