Ausgabe 03/26

Brandschutz statt Feuerwehr

Anne Brockmann

Fridtjof Meyer-Radkau: Waldorfschulsozialarbeit. Praxishandbuch für standortbezogene Konzeptarbeit. 152 Seiten, Pädagogische Forschungsstelle Stuttgart, 21 Euro.


Razna (Name von der Redaktion geändert) und die Schule? Das war lange kein Problem. Unbeschwert die ersten Jahre. Razna lernte gern und leicht. Freund:innen hatte sie auch. Dann aber konnte sie die Schule für eine längere Zeit nicht besuchen. Als Razna zurückkehrte, war plötzlich Vieles anders als zuvor.

Ein Klassenkamerad drückt ihr Sprüche rein – einmal, noch mal, jedes Mal, wenn er sie sieht. Während der Pausen auf den Fluren und im Hof. Und er schart Publikum um sich herum. Irgendwann passt er sie auf dem Nach-Hause-Weg ab. Noch mehr Sprüche. Beleidigungen und Erniedrigungen. Dass Deutsch nicht Raznas Muttersprache ist, war bis dahin nie Thema gewesen. Jetzt wird sie deswegen bloßgestellt, lächerlich gemacht.

Immer öfter sitzt Razna bei Fridtjof Meyer-Radkau. In dem blauen Bauwagen, den er sich mit seiner Kollegin Janina Richter teilt und der in einer Ecke des Schulhofs steht. Meyer-Radkau ist Schulsozialarbeiter an der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin. Für Razna ist er ein Vertrauter, der Bauwagen ein Zufluchtsort. Sie erzählt ihm, was sie erlebt und wie sie das bedrückt. Es dauert nicht lange, da setzt Meyer-Radkau eine imaginäre Brille auf – die «Mobbing-Brille», wie er sie nennt. Damit prüft er, ob das, was ihm durch Razna begegnet, womöglich Mobbing ist. «Im Wesentlichen», so führt er aus, «gibt es zwei Gradmesser, um das einzuschätzen. Sprechen wir von einem wiederkehrenden Verhalten? Richtet es sich in erniedrigender Weise gegen eine Person an sich, gegen ihren innersten Kern?» Womöglich wurden auch schon Schritte unternommen, um dem entgegenzuwirken. Haben die nichts gebracht, ist auch das ein weiteres Indiz. Vor schnellen Schlüssen möchte Meyer-Radkau allerdings warnen. Mobbing zu identifizieren, brauche oft vertrauliche Gespräche mit einer Reihe von Menschen – und deshalb Zeit.

Im Fall von Razna hat der Waldorfschulsozialarbeiter sich zunächst an ihre Lehrer:innen gewandt, hat nicht nur nach Razna, sondern nach der Klasse im Ganzen gefragt. «Wie nehmt ihr die Kinder gerade wahr? Wie geht es ihnen – einzeln und im Kollektiv?» Dasselbe hat er auch den Klassensprecher gefragt. Die Klassenlehrerin hat sich zunächst mit Razna abgestimmt und dann das Gespräch mit deren Eltern gesucht. Die Pädagog:innen arbeiteten zusammen mit Razna Hand in Hand und Meyer-Radkau fasst zusammen: «Wir haben weder bagatellisiert noch dramatisiert. Wir haben das Mädchen in seiner Not und auch die Mobbing-Hinweise, die wir erkennen konnten, ernst genommen und sind der Sache planvoll nachgegangen.» 

Keine Frage der Schuld
 

Mit Raznas Einverständnis ist Meyer-Radkau schließlich auch auf den Klassenkameraden zugegangen, der Razna die Sprüche drückt, sie auf dem Heimweg abfängt und vor Mitschüler:innen lächerlich macht. Das Wort «Täter» möchte Meyer-Radkau nicht benutzen, wenn er von dem Jungen spricht. Ebenso wenig, wie er Razna als «Opfer» bezeichnen mag. «Verursacher» und «Betroffene» findet er passender. Denn eines stellt Meyer-Radkau ganz klar heraus: «Beim Auflösen von Mobbing geht es niemals um Schuld.» Elementar sei dagegen, herauszufinden, was in den Systemen, denen die Beteiligten angehören, aktuell los ist. Wie sieht Raznas Lebenswelt gerade aus – in der Schule und außerhalb davon? Und wie gestaltet sich die ihres Klassenkameraden? Was beschäftigt, verunsichert, überfordert oder ängstigt sie vielleicht? Meyer-Radkau rät: «Dafür holt man am besten auch die Eltern oder andere Bezugspersonen mit ins Boot, denn die kennen sich am besten aus.»

Das Okay der Betroffenen ist dabei Voraussetzung für jeden Schritt. Weil Transparenz eine Vertrauensgrundlage schafft und Sicherheit gibt. Aber vielmehr noch, «weil Mobbingerfahrungen per se Grenzverletzungen sind und ein unabgesprochenes Handeln in so einer Situation einen weiteren Übergriff bedeuten würde», wie Meyer-Radkau weiß. Manchmal sei es schwer, zu akzeptieren, dass die Angst vor negativen Folgen im Falle einer Konfrontation größer ist als der Glaube daran, dass es einen Ausweg gibt. Aber das gelte es auszuhalten. Und Meyer-Radkau kann dem sogar etwas Positives abgewinnen: «So paradox es erscheinen mag: Immerhin erlebt die betroffene Person an dieser Stelle, dass sie gehört wird und dass ihr Wort gilt. Das kann für sich schon eine Form von Empowerment sein.»

Die Betroffenen zu stärken und zu stabilisieren, sei ohnehin ein wichtiger Bestandteil beim Umgang mit einem Mobbinggeschehen. Wo sind meine Grenzen und wie kann ich einstehen für sie? Welche anderen Möglichkeiten gibt es, auf verletzendes Verhalten zu reagieren?

Auch mal ungemütlich sein
 

Razna war einverstanden, dass der Schulsozialarbeiter, dem sie sich anvertraut hat, auf all diejenigen zugeht und sie einbindet, bei denen er es für sinnvoll hält. «Im Sinne des No-Blame-Approaches haben wir schließlich eine kleine Gruppe von vier Unterstützerinnen aus derselben Klasse um sie herumgebaut. Die hatten den Auftrag, etwas zu erwidern, wenn es wieder Beleidigungen und Demütigungen gab.» Außerdem sollten sie Razna zur Bahn begleiten. Damit haben sie den Schulweg wieder sicher gemacht für sie, erzählt Meyer-Radkau. Er sagt, vereinbarte Maßnahmen müssten immer konkret und überprüfbar sein, damit sie wirken. Genauso intensiv arbeitet er für und mit dem Jungen, von dem das Mobbing ausgegangen ist. Denn für den Schulsozialarbeiter hat sich wenig überraschend gezeigt: Auch dem geht es nicht gut. Sein Verhalten gegenüber Razna ist lediglich ein Symptom eigener Belastungen. Meyer-Radkau berichtet, dass nicht nur er, sondern auch Lehrkräfte nach wie vor regelmäßig mit beiden Familien im Austausch seien. «In dem Fall sind glücklicherweise alle reflektiert und kooperativ. Das ist natürlich nicht immer so und dann muss man an als Schulsozialarbeit auch mal ungemütlich sein. Das kann in alle Richtungen gehen und da brauchen auch wir ein dickes Fell.»

Sich selbst als Teil begreifen


Beim Blick auf Razna, ihren Klassenkameraden und die übrigen Mitschüler:innen ist Meyer-Radkau zuversichtlich, dass sie schon bald wieder konstruktiv als Gemeinschaft zusammenleben. Nichtsdestotrotz will er keineswegs immer nur «Feuerwehrmann» sein: «Ich bin überhaupt kein Freund von der Ansicht: ‹Wir haben ja einen Löschzug, der kriegt das hin, wenn’s brennt.› Ich will, dass gar nicht erst ein Brand entsteht. Es gibt Brandschutzvorkehrungen und die gehen uns alle an.» Es brauche die Einsicht, dass alle, die in einer Klasse arbeiten, auch Teil von deren ganz eigener Dynamik sind. Dazu zählen für Meyer-Radkau insbesondere auch die Klassenlehrkräfte – ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Denn der Waldorfschulsozialarbeiter sagt: «Es sind nun mal die Erwachsenen, die für die Beziehungsgestaltung in einer Schule verantwortlich sind.» Außerdem brauche es den Konsens, den Verursacher:innen von Mobbing nicht moralisch zu begegnen, also den sogenannten No-Blame-Approach. Deshalb fordert Meyer-Radkau Fortbildungen zum Thema Mobbing fürs gesamte Kollegium ein. Er ist überzeugt, das würde die dringend benötigte Wahrnehmbarkeit erhöhen. Danach sollten nach Möglichkeit interdisziplinäre Teams entstehen – besetzt mit Fachkräften aus Lehre und Verwaltung, aus Hort und Schulsozialarbeit. Denn Mobbing könne sich immer nur dort etablieren, «wo viel zu viele viel zu lange nichts bemerkt oder es ignoriert haben». Das gelte es zu ändern.

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