Karten und Beispiele von Johannes Roeders Legelauten.
«Ich kann nur eins – entweder ich schreibe schön oder ich schreibe richtig oder ich schreibe wichtig, also etwas von Bedeutung.» Alles zusammen überfordert viele schreibende Kinder in den ersten Klassen. Wie es gelingen kann, komplexe Fertigkeiten zu erlernen, sehen wir am Beispiel des Fahrradfahrens. Kinder, die etwa im Kindergarten Dreirad fahren, lernen den Umgang mit den Pedalen. Zu Hause fahren sie dann womöglich mit dem Laufrad und lernen, die Balance durch Lenkung und Neigung zu kontrollieren. Sobald die Beine lang genug fürs erste Fahrrad sind, verbinden sie beide Fähigkeiten und fahren meist ohne weitere Hilfestellung einfach los.
Traditionell steht in der Waldorfschule das Schreiben vor dem Lesen. Formenzeichnen und der Schreibunterricht legen den Fokus auf die Gestalt der Buchstaben. Bei diesen Formbildungsprozessen werden riesige Entwicklungsunterschiede in den Klassen sichtbar, manche Kinder ziehen noch mühsam mit dem Wachsblöckchen den Rahmen um die Seite und andere haben schon zwei Seiten formschöner Buchstaben gemalt. Nur durch Binnendifferenzierung kann es gelingen, den Individuen gerecht zu werden und die Klassengemeinschaft an den nächsten Schritten teilhaben zu lassen. Beim Lesenlernen geht es darum, Buchstaben schöpferisch zu Silben und Wörtern zu fügen, diese zu lesen und lesen zu lassen oder sich schriftlich mitzuteilen. Diese Fragen haben mich dazu bewegt, nach Buchstaben zum Anlegen zu suchen. Die Idee: Wir könnten die Schwierigkeiten bei der Beherrschung der Schreibwerkzeuge vorübergehend ausklammern und bieten stattdessen Buchstaben zum Legen an. Weil ich keine Legebuchstaben finden konnte, die meinen Ansprüchen genügten, habe ich selbst welche entwickelt: die Legelaute. Ich habe sie drucken lassen und im Rahmen einer Diplomarbeit in die Schulen gegeben, testen lassen und verfeinert.
Buchstaben – bildgewordene Laute
Buchstaben verbildlichen gesprochene Laute, manchmal sind Kombinationen von Buchstaben nötig, um einzelne Laute darzustellen – zum Beispiel beim sch. Das Prinzip der Karten: Ein Laut ist gleich ein Legeelement. Das Spielkartenformat bot sich wegen der leichten Handhabung und den verhältnismäßig geringen Kosten an.
Großbuchstaben sind die Ausnahme und nicht die Regel. GROSSBUCHSTABEN ERZEUGEN AUSSERDEM EIN SCHRIFTBAND OHNE HÖHEN UND TIEFEN, AN DENEN UNSER BLICK KEINEN HALT FINDET. Also sollten wir die Kleinbuchstaben immer gleich mit den Großbuchstaben zusammen lernen. Groß- und Kleinbuchstaben sind auf den beiden Seiten der gleichen Karte, was langes Suchen erspart.
Buchstaben brauchen eine Orientierung im Raum, Spiegelungen und Verdrehungen müssen vermieden werden. Die Methoden, Buchstaben zu kneten oder ausgesägte Buchstaben zu verwenden, wirken dieser Orientierung im Raum entgegen. Die Buchstaben auf den Legelautkarten sind nicht mittig platziert, im Hintergrund läuft ein Anlegebalken in unauffälligem Grau durch. Beide Gestaltungsmittel ermöglichen die intuitiv korrekte Ausrichtung der Buchstaben zueinander.
Großbuchstaben können nur links am Wortanfang stehen. Durch den Seitenversatz der Kleinbuchstaben nach links und der Großbuchstaben nach rechts passen die Großbuchstaben nur an den Anfang der Wörter, an anderen Stellen erzeugen sie unschöne Lücken.
Die Schreibrichtung von links nach rechts ergibt sich beim Lückenschließen in Wörtern von selbst. Dabei werden die Karten von links nach rechts überlappend gelegt. Andernfalls würden die Buchstaben verdeckt. Die Unterscheidung von Mitlauten und Selbstlauten ist notwendig für die Bildung von Silben. Die passiven Mitlaute sind blau, die aktiven Selbstlaute rotdargestellt. Die Helligkeit beider Farbtöne ist so weit angepasst, dass ein geschlossenes Wortbild entsteht, ohne vor dem Auge zu flackern.
Das Design der Legelaute ist minimalistisch. Die Karten repräsentieren Besonderheiten der deutschen Schriftsprache wie zum Beispiel den Umgang mit Doppel-s und ß, sie lassen in der Anwendung aber viele Möglichkeiten offen. In der letzten Zeit haben Lehrkräfte, Eltern und Logopäd:innen Anwendungsideen gesammelt und geteilt.
Das S summen lassen
Beim sogenannten Silbenlegen nutzen zwei Spieler:innen ein Kartendeck. Zur Vorbereitung werden alle bekannten Buchstaben nach Farbe in zwei Stapel sortiert – Selbstlaute rot, Mitlaute blau. Der blaue und der rote Stapel werden nebeneinander auf den Tisch gelegt. Wahlweise zeigt der linke Stapel nur Großbuchstaben. Dann geht’s los.
Spieler:in Nummer 1 zieht beliebig Karten von den Stapeln, Spieler:in Nummer 2 liest die neuen Silben vor. Dann wird gewechselt. Die Schwierigkeit lässt sich steigern, wenn man einen dritten Stapel dazu nimmt. Wichtig ist nur, dass blau und rot abwechselnd nebeneinander liegen.
Diese ersten Übungen eignen sich, um das Zusammenlauten, also das Zusammenziehen zweier Laute, zu erlernen. Üblicherweise beginnt man bei der Wahl der Mitlaute mit denen, die man eine Weile halten kann. So kann das S eine Weile summen, bis sich beispielsweise ein A anschließt. Das K wäre zu schnell vorbei. In Aktion kann man die Legelaute in kleinen Video-Clips sehen, die ich für YouTube hochgeladen habe. Das Projekt Legelaute ist weiter im Prozess und ich freue mich über weitere Legeleute und neue Anwendungsideen. Es existiert auch schon eine kyrillische Variante, mit der russisch und ukrainisch gelernt werden kann.
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