«We wish you a warm welcome», sagt Sonja Harlinghausen. Draußen treibt der Graupel über den Schulhof. Drinnen setzt das Orchester ein: Vivaldis Vier Jahreszeiten – Frühling. Leicht, hell, fast trotzig gegen das Wetter. Die Gäste sitzen still. Viele sind seit mehr als zehn Stunden unterwegs. Einige lächeln zum ersten Mal, als die Geigen anheben. Eine elfte Klasse der Waldorfschule Chengdu ist zu Besuch – begleitet von ihrem Lehrer Zewu Li und mehreren Eltern. In Schloss Hamborn treffen die Jugendlichen auf zwei elfte Klassen – und auf eine Welt, die vertraut wirkt und doch anders ist.
«Bei euch ist es ruhiger im Unterricht», sagt eine Schülerin aus Chengdu später. «Und die Lehrer wirken … näher.» Sie sucht nach dem richtigen Wort, lacht, ihre deutsche Partnerin hilft aus: «persönlich». Gesprochen wird Englisch. Wenn Worte fehlen, helfen Hände, Blicke, Lachen.
Musik ohne Übersetzung
Das Ensemble hat sich vorbereitet. Aber der entscheidende Moment ist ungeplant.
Ein Schüler greift zur Gitarre. Eine Flöte antwortet. Niemand zählt ein. Niemand erklärt etwas.
Nach wenigen Takten hören alle aufeinander. Sie bleiben im Rhythmus. Europäische Tonleitern treffen auf die in China verbreitete Fünftonleiter – eine Skala mit fünf Tönen, ohne Halbtonschritte. Was theoretisch klingt, wird hier hörbar. Und verständlich.
Dann spielt das Ensemble Chengdu, ein modernes chinesisches Folk-Lied von Zhao Lei. Es ist keine alte Stadthymne, sondern eher eine melancholische Liebeserklärung an die Stadt im Südwesten Chinas, die seit 2017 in China durch eine gezielte wirtschaftliche Neuausrichtung sehr bekannt ist. Die Gäste reagieren sofort. Ein kurzer Blick, ein Nicken, leises Lachen. Heimat, für einen Moment, mitten in Westfalen. Zum Abschluss singen sie ein Lied aus ihrer Stadt. Einige deutsche Schüler:innen summen vorsichtig mit. Die Melodie trägt weiter als die Worte.
Schrift, die Zeit braucht
Am nächsten Morgen riecht es nach Tusche. Auf langen Tischen liegen Papierbögen, daneben Pinsel. «Langsamer», sagt eine Schülerin aus Chengdu und führt die Hand ihrer Partnerin. Der Strich wird ruhiger. Sie schreiben ein Zeichen: 福 (fú) – Glück. «In China hängen wir es oft falsch herum auf», erklärt sie. «Aber das ist richtig so.» Sie lacht, dann erklärt sie das Wortspiel: «Umgedreht» klingt wie «angekommen». Also: Das Glück ist da. Die deutschen Schülerinnen probieren es. Die Linien zittern. Beim dritten Versuch wird der Strich sicherer. «Das ist wie Musik», sagt eine von ihnen. «Man muss erst hören, bevor man es kann.»
In der Schulküche wird es lauter. Teig klebt an Händen, Mehl liegt auf den Tischen. Ein Schüler aus Chengdu zeigt, wie man Teigtaschen faltet. Die erste reißt. Gelächter. Die zweite hält. Die dritte sieht schon fast professionell aus. Später sitzen die Schüler:innen beim gemeinsamen Essen. «Zu trocken», sagt einer der Gäste und legt ein Stück Brot zurück auf den Teller. Stattdessen greift er wieder zum Reis. Ein deutscher Schüler probiert den scharfen Dip, verzieht kurz das Gesicht – und nimmt gleich noch einmal.
Was bleibt
Der Austausch folgt keinem strengen Plan. Und doch hat er eine klare Form: Musik, Kunst, Alltag. Vor allem aber entstehen Momente, die sich nicht planen lassen. «Ich hätte gedacht, dass wir viel mehr erklären müssen», sagt eine deutsche Schülerin. «Aber wir haben einfach gemacht.» Und ein Schüler aus Chengdu sagt beim Abschied: «Ich habe gedacht, Deutschland ist kühl. Aber hier war es warm.» Der Austausch zwischen Schloss Hamborn und Schulen in Chengdu besteht seit mehreren Jahren. Organisiert wird er von Jun Han und Chang Liu, Gründer der ersten Waldorfschule in Chengdu, der seit mehr als 20 Jahren unterrichtet und zentrale Werke von Rudolf Steiner ins Chinesische übersetzt hat.
Im Herbst reisen Schüler:innen aus Hamborn nach China. Dann kehrt sich die Perspektive um. Dann zeigt sich vermutlich einmal mehr: Kunst erklärt nicht. Sie verbindet. Und das genügt.
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