Bild oben: Heutiger Sportunterricht soll von Klasse 1 bis 2 Reigen- und Singspiele, Bewegungsangebote mit Geräten und ohne Geräte sowie Parcours anbieten.
Wie Zwerge im Märchenwald, die fleißig Nüsse für die Tiere sammeln und sie über einen Fluss zu einer Höhle transportieren, so flitzen die Kinder geschickt über den Schulhof – ganz und gar in eine Bewegungsgeschichte eingetaucht. Dabei balancieren sie, voll bepackt mit Nüssen, über einen Baumstamm, der glücklicherweise den Weg über den Fluss ermöglicht. Immer wieder laufen sie hin und her; manchmal müssen sie einander auf dem Baumstamm passieren. Behände klettern sie übereinander.
Dies ist die Beschreibung einer Sport- und Spielstunde einer ersten Klasse in einer Waldorfschule. Üben die Schüler:innen? Haben sie eine Bewegungsaufgabe abstrakt erklärt bekommen? Nein: Das Spiel der Kinder basiert auf einer bildhaften Geschichte, in die sie begeistert und unermüdlich eintauchen.
Ein Blick zurück: «Sinnvolle Spiele» und Spielturnen
Rudolf Steiner wünschte sich vor über 100 Jahren keinen Leibeserziehungsunterricht im damals üblichen Sinne für die Kinder an der ersten Waldorfschule in Stuttgart. Bei der Leibeserziehung standen vor allem physiologisches Training sowie motorisch-technische Fertigkeiten im Vordergrund, die geübt und trainiert wurden. Die Kinder an der Waldorfschule sollten in den ersten beiden Schuljahren «sinnvolle Spiele» treiben – am besten von den Klassenlehrer:innen begleitet, in Reigenform und mit Singspielen. So wurde das «Spielturnen» in den beiden ersten Klassen im Waldorflehrplan angeregt und etabliert. Daraus entwickelte sich eine langjährige Tradition, in der die Klassenlehrer:innen den Unterricht gestalteten. Sie konnten ihre Klasse im Spielturnen unterrichten und ihre Schützlinge beim sozialen Lernen in Bewegung – bei Spielen und Reigen – begleiten.
Heute neu hinschauen
Dieses «Modell» wird bis heute an vielen Waldorfschulen praktiziert, ohne es zu hinterfragen – oftmals ausgebaut bis zur sechsten Klasse, leider oft ohne entsprechende und notwendige Fachlehrer:innenausbildung. Doch scheint es dringend geboten, diese Praxis zu überdenken: Was vor 100 Jahren richtig und pädagogisch sinnvoll gewesen sein mag, kann sich heute als unpassend und pädagogisch veraltet erweisen. Kinder haben sich stark verändert, weil sich Gesellschaften stark verändert haben. Der Anteil an Bewegungszeit im Alltag der Kinder ist aktuell im Vergleich zu vor 100 Jahren nur ein Bruchteil, das zeigt sich in der Sporthalle besonders deutlich.
Mehr Förderbedarf
Heutzutage kommen Schüler:innen mit deutlich weniger Bewegungserfahrung und Bewegungskönnen an die Schulen. Hüpfen auf einem Bein, rückwärts laufen, seilspringen – all das waren früher Selbstverständlichkeiten, die zum täglichen Freizeitrepertoire von Kindern gehörten. Heute haben viele Kinder in diesen Bereichen akuten Nachholbedarf. Doch nach wie vor gilt: Bewegung ist die Grundlage für jedes Lernen. Gibt es Entwicklungsverzögerungen, sind gezielte Förderung, ein zusätzliches Angebot und auch Differenzierung im Unterricht sehr wichtig. Um eine Entwicklungsverzögerung als solche zu erkennen und richtig einordnen zu können, bedarf es einer fachlichen Qualifikation.
Kooperation
Daher plädieren die Dozent:innen für Sport am Lehrerseminar Kassel dringend dafür, dass der Sportunterricht in der ersten und zweiten Klasse von einer ausgebildeten Sportlehrkraft gemeinsam mit der Klassenlehrkraft gegeben wird. Durch diese Kooperation ist die soziale Hülle durch die Klassenlehrkraft gewährleistet und die Sportlehrkraft kann die Inhalte auf die Entwicklungsbedürfnisse der Kinder abstimmen.
Neuer Impuls: «Sport und Spiel» von Klasse 1 bis 13
Die Autor:innen des neuen Rahmenlehrplans für Waldorfschulen haben sich entschieden, dass das Fach für die 1. bis 13. Klasse fortan einen neuen Namen tragen soll: «Sport und Spiel». Inhaltlich kommen für die 1. und 2. Klasse zu den Reigen- und Singspielen viele Bewegungsangebote mit und ohne Handgeräte (Bälle, Reifen, Seile) sowie kleine Parcours (im Freien oder in Bewegungsräumen – je nach räumlichen Möglichkeiten) hinzu. Ausgangspunkt bleiben Bilder und Geschichten: Das Spiel bleibt «sinnvoll», weil es den Kindern erlaubt, in Rollen zu schlüpfen und Teil der Geschichten zu werden. Zugleich wird die spezifische Förderung der Bewegungsentwicklung durch altersgerechte Angebote vielfältiger und differenzierter – ausgewählt und angeleitet von einer fachkompetenten Sportlehrkraft.
Turnen und Sport – eine begriffliche Einordnung
Das Turnen ist ein Teilbereich des Sports. Ursprünglich – zu Kaisers Zeiten – eine Sammelbezeichnung für sämtliche Arten körperlicher Ertüchtigung (einschließlich Schwimmen und Wandern), findet der Ausdruck heute sowohl in der wissenschaftlichen Terminologie als auch in der Alltagssprache nahezu ausschließlich noch für das Geräteturnen und in den Waldorfschulen Verwendung. Der Turnlehrer wurde zum Sportlehrer, die Turnhalle zur Sporthalle, der Turnschuh zum Sportschuh. Für das organisierte gemeinschaftliche Turnen in Deutschland gilt Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) als Begründer.
Der neue Lehrplan bietet vielfältige Anregungen für neue Spiele, neue Ideen und auch in den oberen Klassen ein aktuelles, breites Angebot an Inhalten, die aus dem Waldorfkontext heraus entwickelt wurden.
Weitere Informationen finden sich unter: lehrplan-waldorf.de
Anmerkung: Eine Version dieses Textes mit Quellenangaben können Sie bei der Redaktion erfragen.
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