Schüler:innen, Eltern, Lehrkräfte, Vertreter:innen von deutschen und südtiroler Schulbehörden bei der Gründungsfeier des WOM im September 2023.
Ausgelöst durch eine Erzählung eines Bekannten über die Meraner Waldorfschule arrangierte ich vor einigen Jahren während eines Familienurlaubs in den Alpen einen Besuch an der Meraner Schule. Die Schule ist in einer alten, anheimelnden Villa untergebracht – mit einem riesigen Garten, der als Schulhof sowie als Werk- und Gartenbaugelände dient. Unter dem Schutz von alten Bäumen genießt man den Blick über die Stadt, die Ortlergruppe und das Texelgebirge mit über 3.000 Meter hohen Gipfeln. Ich war hin und weg. In meinem Kopf drängten sich sofort Vorstellungen von Schüler:innenaustausch oder einer gemeinsamen Kunstfahrt. Doch leider las ich, dass die Schule nur bis zur achten Klasse ging und ich musste meine Fantasie wieder zügeln.
Gelegentlich warf ich einen Blick auf die Webseite der Schule. 2023 entdeckte ich dann etwas sehr Spannendes: Die Waldorfoberschule Meran (WOM) stand im Begriff der Gründung. Ich schickte sofort eine E-Mail ab. Es folgten viele weitere E-Mails, Telefonate und Videokonferenzen, durch die ich einen Einblick in den Gründungsprozess der WOM bekommen konnte. Ich war in Deutschland schon am Aufbau von zwei Waldorfoberstufen beteiligt. Es ist aufregend, aber im Grunde schließt die Oberstufe organisch an die Mittelstufe an. Die Klassen rücken ein Jahr weiter, es kommen neue Fächer und neue Lehrkräfte dazu, es werden Gewohnheiten angelegt, und es bildet sich eine Form. Doch in Meran stellt sich das alles völlig anders dar.
Eine italienische Chimäre
Zum Ersten ist die alte charmante Villa bereits für die ersten acht Klassen recht eng, weitere Klassen konnten nicht dazukommen. Die Lösung war, die Oberstufenklassen in einem anderen Schulgebäude einige Kilometer weiter unterzubringen. Aber die wesentliche Herausforderung war eine andere: Die Waldorfschule Meran existierte bereits seit 35 Jahren und führte die Kinder bis zum Jugendalter, also bis zur achten Klasse. Dann gingen die Schüler:innen entweder auf Berufsschulen oder auf Gymnasien. Es gibt in ganz Italien zirka 30 Waldorfschulen, von denen nur fünf eine Oberstufe anbieten. Es ist daher ein völlig anderes Konzept, da normalerweise immer nach der achten Klasse der Schulwechsel ansteht und dann eine Ausrichtung auf berufliche Perspektiven erfolgt. Die Waldorfoberstufe mit einem hohen Anteil an praktischen Fächern und dem Fokus auf Allgemeinbildung stellt aus italienischer Sicht eine Chimäre dar. Daraus ergab sich die große Schwierigkeit – etwas, mit dem niemand gerechnet hatte: Die Waldorfschüler:innen der Meraner Schule hatten kein Interesse, die Klassen 9 bis 13 ihrer eigenen Schule zu besuchen.
Das Gründungskonzept sah vor, mit einer neunten und einer zehnten Klasse gleichzeitig zu starten. Um Schüler:innen für diese beiden Klassen zu gewinnen, wurde eine gewaltige Werbekampagne in Bewegung gesetzt. Es gab Tage der offenen Tür, mediale Berichterstattung in Presse und Radio und sehr viele Einzelgespräche. Schließlich setzte sich die erste Doppelklasse der WOM dann im Wesentlichen aus Quereinsteiger:innen zusammen. Nur zwei ehemalige Waldorfschülerinnen waren unter den neun Schüler:innen der Doppelklasse. Ich selbst kam als Epochenlehrerin erst im zweiten Jahr der WOM dazu. Mittlerweile war die Oberstufe auf drei Klassen mit insgesamt 13 Schüler:innen angewachsen. Um den Einsatz von Gastlehrer:innen möglichst gut ausnutzen zu können, wurde der Hauptunterricht in der einen Klasse zeitlich versetzt, sodass ich hintereinander in beiden Klassen unterrichten konnte.
Eine Idee materialisiert sich
Die Schüler:innen traten mir sehr freundlich und mit großem Interesse entgegen. Sie wollten alles Mögliche über mein Leben wissen, wie es mir in Meran gefällt und so weiter. Sie waren auch untereinander viel im Austausch. Es ist innerhalb kurzer Zeit eine tiefe Verbundenheit entstanden, die mich erstaunt hat. Etwas, das mich sehr fasziniert hat, ist die Mehrsprachigkeit. Von Hause aus sprechen fast alle Menschen in Südtirol Dialekt – und das je nach Dorf in unterschiedlichen Variationen. Doch in der Schule wird Hochdeutsch gesprochen. Das heißt, alles Offizielle wie Meldungen im Unterricht oder Äußerungen gegenüber der Lehrperson werden in Hochdeutsch geäußert; nachbarschaftliche Gespräche und Gruppenarbeit finden im Dialekt statt. Dazu kommt, dass einige Lehrkräfte mit den Schüler:innen Italienisch reden. Diese Lehrkräfte verstehen auch Deutsch, sprechen aber viel besser ihre italienische Muttersprache. Und so bewegen sich die jungen Menschen in der Schule genauso wie im Alltag mühelos und elegant zwischen mindestens drei Sprachen. Man stellt sich innerhalb von Sekunden auf die Sprache – und damit auf Temperament und Wesen – der jeweiligen Gesprächspartner:innen ein.
Die Meraner Oberstufe wächst im nächsten Schuljahr um einen Jahrgang weiter und wird dann vier Klassen haben. Auch für das Schuljahr 2025/26 war es noch immer schwierig, Schüler:innen zu gewinnen. Die neue Oberstufe muss sich wohl erst beweisen. Die WOM erscheint mir wie eine kühne Idee, die sich allmählich materialisiert. Diese Idee hat eine unglaubliche Zugkraft entwickelt und schon so viel bewirkt. Doch es sind immer noch viele Schwierigkeiten zu bewältigen. Zurzeit müssen die Schüler:innen jedes Jahr in allen Fächern vor der Behörde eine Prüfung ablegen. Sie werden so behandelt, als wären sie Freilernende, die keine Schule besuchen.
Und natürlich das Lehrpersonal: Es werden immer noch Lehrer:innen gesucht. Ebenso ein oder zwei Menschen, die die Koordination und die Leitung der Oberstufe übernehmen möchten.
Die Schule freut sich über jede Initiativbewerbung:
info@wom.bz.it,
www.waldorf-meran.it
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