Ausgabe 12/25

Das Hamburger Modell: Religionsunterricht für alle – Rufa

Dagmar von Falkenburg


In Hamburg wurde der konfessionelle Religionsunterricht durch einen «Religionsunterricht für alle» (RUfa) ersetzt. Beim RUfa-Konzept werden die Schüler:innen nicht wie sonst üblich nach ihrer Religion in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Alle haben einen gemeinsamen, überkonfessionellen Religionsunterricht, egal ob sie einen evangelischen, katholischen, muslimischen, jüdischen, alevitischen, buddhistischen, hinduistischen oder keinen religiösen Hintergrund haben.

Das RUfa-Konzept wird von den beteiligten Religionsgemeinschaften in Abstimmung mit der Schulbehörde gemeinsam verantwortet. Die evangelische Nordkirche, das katholische Erzbistum, islamische Verbände, die alevitische Gemeinde und die jüdische Gemeinde arbeiten bei der Unterrichtskonzeption gleichberechtigt zusammen. Beratend sind zudem die hinduistischen und buddhistischen Gemeinden dabei. Die Schulbehörde ist für die schulgesetzlichen Vorgaben zuständig.

Raum für Begegnung

Der Religionsunterricht für alle verfolgt dabei grundsätzlich drei Ziele. Erstens sollen Schüler:innen, die sich mit einer Religion verbunden fühlen, diese kennenlernen und die eigene religiöse Identität entwickeln können. Zweitens geht es um Toleranz: Alle lernen verschiedene Religionen kennen und verstehen, wie Menschen mit anderem Glauben denken und leben. Drittens schafft RUfa Raum für Schüler:innen ohne religiösen Hintergrund oder mit kritischer Haltung gegenüber Religion, indem sie lernen, religiöse Sichtweisen anderer zu verstehen.

Die Fragen der Schüler:innen der jeweiligen Altersstufen sollen Raum bekommen. Die Inhalte der Religionen werden zueinander in Beziehung gesetzt, ohne dass eine Gleichsetzung erfolgt. Je nachdem, welche Religionen in einer Klasse vertreten sind, kann der Unterricht angepasst beziehungsweise flexibel fokussiert werden. RUfa ist jedoch keine neutrale Religionskunde. Die Religionen werden von innen heraus dargestellt, so wie sie von gläubigen Menschen verstanden und gelebt werden. Gleichzeitig werden die Ansichten nichtgläubiger Menschen respektiert und in den Unterricht einbezogen. Der RUfa orientiert sich an didaktischen Grundsätzen, die eine Schüler:innenorientierung mit Bezug zu den lebensweltlichen Erfahrungen der jeweiligen Altersstufe vorsehen.

Didaktischen Prinzipien des RUfa

Das erste didaktische Prinzip ist die Verbindung von Schüler:innenorientierung und Quellenorientierung. Der Unterricht greift die Fragen auf, die Schüler:innen beschäftigen: Tod, Schöpfung, Gerechtigkeit, Wahrheit, Ethik, Gott und vieles mehr. Diese Lebensfragen werden mit den zentralen Quellen der Religionen verbunden. Der Unterricht wird dabei didaktisch und methodisch der Entwicklungsstufe der Schüler:innen angepasst.

Das zweite Prinzip betrifft Authentizität und Wissenschaftlichkeit. Jede Religion wird authentisch aus sich heraus dargestellt. Gleichzeitig werden die Religionen je nach Entwicklungsstand der Klasse reflektiert sowie wissenschaftlich und theologisch vermittelt. Unterschiede zwischen den Religionen werden genauso angesprochen wie Gemeinsamkeiten. Religionstexte werden zeithistorisch eingeordnet und ihre Bedeutung für die heutige Zeit erarbeitet, ohne dabei die Wahrheitsansprüche der Religionen zu relativieren.

Das dritte Prinzip ist die Dialogorientierung und religionsspezifische Orientierung. Der offene Dialog steht im Zentrum des RUfa-Unterrichts. Alle Beteiligten bringen ihre Fragen, Orientierungen und Vorkenntnisse ein, tauschen sich aus und reflektieren gemeinsam das Unterrichtsgeschehen. Dabei ist wichtig, dass die in der Klasse vertretenen Religionen explizit in den Unterricht einbezogen werden – das impliziert auch atheistische Überzeugungen. So kann echtes Verständnis entstehen anstatt eines oberflächlichen «Religions-Hoppings».

Die Rolle der Lehrkräfte

Lehrkräfte sind keine neutralen Wissensvermittler. Vielmehr sollen sie authentisch zeigen, was es bedeutet, von einer Religion geprägt zu sein, und gleichzeitig eine respektvolle Haltung gegenüber anderen Religionen zu haben. In Hamburg soll der RUfa von Lehrkräften mit Religionsausbildung in der jeweiligen Klassenstufe unterrichtet werden. Das bedeutet, dass christliche Lehrkräfte ebenso wie muslimische den RUfa unterrichten können.

Körper, Geist, Seele und Demokratie

Der Unterricht soll, wie Rudolf Steiner sagte, Körper, Geist und Seele zu einem Ganzen formen. Für mich als Religionslehrkraft ist es besonders wichtig, dass der Unterricht, wie Steiner es formulierte, mit dem Leben der Schüler:innen etwas zu tun hat. Diese Forderung passt sehr gut zu dem RUfa-Konzept, denn die Lebenswelt der Schüler:innen ist heute multikulturell. Wenn wir den Religionsunterricht nicht überkonfessionell gestalten, überlassen wir die Deutung der Religion religiösen Extremisten. RUfa kann dazu beitragen, dass Religion Resonanz erzeugt, und kann Teil einer gelebten Demokratiebildung sein, um Hartmut Rosa zu zitieren. RUfa kann in Hamburg bis zur 13. Klasse erteilt und als Prüfungsfach im Abitur angeboten werden. Aus meiner Erfahrung als Religionslehrerin stellt das Fach Religion im Abitur für die Schüler:innen ein attraktives Angebot dar, das sehr gut bis in die oberen Klassen zum Fächerkanon der Waldorfschule passt.

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