Ausgabe 12/25

Das Herz nähren

Dil Maya Adhikari

Bild oben: Kinder führen in farbenfrohen, traditionellen Gewändern ein Theaterstück zu Ehren von Krishnajanmastami auf. Sie bringen damit die Geschichte von Lord Krishna auf die Bühne.
Bild links: Lehrerin Durga schreitet durch die Adventsspirale der Waldorfschule in Kathmandu, um eine Kerze zu entzünden. Das Zelebrieren des Adventsgärtleins soll inneren Frieden, Hoffnung und das Licht von Weihnachten vermitteln.
Bild in der Mitte: Eine Schülerin bekommt ein Tika, ein rotes Segenszeichen auf die Stirn. Es symbolisiert Schutz und die Verbindung zum sogenannten dritten Auge.
Bild rechts: Zum Schuljahresabschluss zeigen die Kinder ein Programm für ihre Eltern – in traditioneller nepalesischer Kleidung, die ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Newari verdeutlicht. Dabei stehen Tradition, Freude und Zusammengehörigkeit im Mittelpunkt.

Nepal ist ein Land von außergewöhnlicher Vielfalt, in dem Menschen vieler Traditionen Seite an Seite leben. Die Schönheit Nepals liegt in der Einheit seiner Vielfalt. Es ist der Geburtsort von Buddha, Heimat des Mount Everest und bekannt als Tapo Bhumi – ein heiliger Ort für Meditation und spirituelle Praxis.

In diesem lebendigen Kontext wurde im Jahr 2000 in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu die Tashi Waldorf School gegründet. Seit ihrer Gründung hat die Schule Kinder aus allen gesellschaftlichen Milieus aufgenommen, unabhängig von ihrer sozialen oder religiösen Herkunft. Heute lernen und entwickeln sich hier Kinder bis zur fünften Klasse.

An der Tashi Waldorfschule glauben wir, dass ein Kind niemals allein zur Schule kommt. Jeden Morgen, wenn ein Kind das Klassenzimmer betritt, bringt es eine ganze Welt mit: seine Familie, seine Gemeinschaft, seine Kultur und die Werte seiner Religion. Die Aufgabe der Lehrer:innen besteht nicht nur darin, Unterricht aus Büchern zu erteilen, sondern diesen lebendigen Hintergrund, den jedes Kind mitbringt, anzunehmen und anzuerkennen. Wir möchten die Kinder dabei unterstützen, sich zu guten und vollumfänglichen Menschen zu entwickeln, der Ehrfurcht vor dem Leben, Respekt für andere und Liebe für die Welt in sich trägt. Auf diese Weise hoffen wir, die Wurzeln jedes Kindes zu stärken, damit es die Menschlichkeit in die Zukunft tragen kann.

Die spirituelle Dimension pflegen


Die meisten unserer Schüler:innen stammen aus hinduistischen Familien, einige sind Buddhist:innen und wenige sind Christ:innen. In Nepal ist Religion nichts Abstraktes oder Verborgenes – sie tritt jeden Tag in Familienritualen, Gemeinschafts­feiern und im Rhythmus des Lebens auf. Wir lehren Religion nicht als Doktrin. Stattdessen bieten wir den Kindern Erfahrungen, die ihr Herz und ihre Gefühle nähren. Durch künstlerische Aktivitäten, rhythmische Routinen, Arbeit in der Natur, Feste und nicht zuletzt durch das Erzählen von Geschichten pflegen wir universelle Werte, die allen Religionen gemeinsam sind: Wahrheit, Liebe, Ehrfurcht, Mitgefühl, Dankbarkeit und Fürsorge füreinander.

Gemeinsam Feste feiern


Feste nehmen in unserem Schuljahr einen besonderen Platz ein. Im Herbst bereiten wir uns mit Liedern, Tänzen und dem Segnen der Stirn mit einem roten Punkt, Tika oder Jamara genannt, auf Dashain vor, das große hinduistische Fest der Erneuerung. Kurz nach Dashain folgt Tihar, das Lichterfest, bei dem die Kinder die Schule mit bunten Mandalas schmücken und sich gegenseitig Lieder vorsingen, um die Bande der Liebe und Freundschaft zu feiern.

Im Mai feiern wir Buddhas Geburtstag und erinnern uns anhand von Geschichten, Blumenopfern, Kerzenlicht und stillen Momenten der Besinnung an das Leben und die Lehren Buddhas. Im Dezember versammeln wir uns zu Weihnachten, erzählen die Weihnachtsgeschichte, bereiten die Adventsspirale vor und gehen ihren gewundenen Weg entlang. Dies symbolisiert den Abstieg in die Dunkelheit des Winters und die innere Reise zur Entdeckung des eigenen Lichts und der Hoffnung in unserem Innern. Das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern hilft den Kindern, die Wärme dieser Tradition auch hier in Nepal zu spüren. Wir feiern auch freudig Holi, das Fest der Farben, Krishna Janmastami, den Geburtstag von Lord Krishna, und Lhosar, das tibetische Neujahrsfest. An der Tashi Waldorfschule glauben wir, dass jedes Fest Kinder und Familien dazu inspiriert, mit Freude, Freundlichkeit und Harmonie zu leben.

Jedes Fest wird auf einfache Weise vorbereitet, damit alle Kinder in den Geist des Festes eintauchen können – unabhängig davon, ob dieses Fest aus dem religiösen Umfeld der Familien stammt oder nicht. Die Festtage bringen auch die Freude mit sich, besondere Speisen zu teilen, die für jeden Anlass zubereitet werden, und manchmal auch farbenfrohe, kulturell geprägte Kleidung zu tragen, die den Tag verschönert. 
Traditionelle Spiele und Musik erfüllen die Luft mit Lachen und Rhythmus, sodass die Kinder durch Essen, Lieder und Spiele den lebendigen Geist jedes Festes erleben können.

Geschichten, die das Herz prägen


Geschichten stehen im Mittelpunkt unseres Unterrichts. Für kleine Kinder sind sie nicht nur Unterhaltung, sondern Nahrung für die Seele, die Wahrheit, Schönheit und Güte vermitteln.

Aus hinduistischen Epen wie Ramayana und Mahabharata lernen Kinder etwas über Mut, Wahrheit und Hingabe. Aus buddhistischen Traditionen erfahren sie etwas über Achtsamkeit, Mitgefühl und den Weg zum Frieden. Aus dem Christentum erzählen wir Gleichnisse, Heiligenlegenden und saisonale Geschichten. Volksmärchen aus Nepal lassen die Weisheit des Landes lebendig werden. Wir erzählen auch Weltmythen, kulturelle Epen, historische Legenden, Biografien, Heldengeschichten, Märchen und saisonale Geschichten. Im Kindergarten werden Puppen eingesetzt, da Kinder unter sieben Jahren Geschichten anhand von Bildern leichter verstehen können. Jede Geschichte wird nicht als Teil einer bestimmten Religion erzählt, sondern als Teil des Schatzes der Menschheit, der Kindern universelle Werte vermittelt, die sie fühlen, verstehen und schätzen lernen können.

Alltägliche Momente des Staunens und Respekts


Auch im Alltag pflegen wir Ehrfurcht. Vor den Mahlzeiten sagen wir Dank. Im Garten kümmern wir uns um die Erde und die Pflanzen. Das Anzünden einer Kerze im Klassenzimmer schafft einen stillen Moment der Andacht. Durch diese kleinen, aber bedeutungsvollen Praktiken lernen die Kinder, dass das Leben heilig ist und dass sie selbst Würde besitzen. Religion ist an unserer Schule kein Unterrichtsfach im Stundenplan, sondern lebendiger Alltag. Sie ist spürbar in den Festen, in den Geschichten, in der Ehrfurcht vor dem täglichen Leben und in der Art und Weise, wie wir uns bemühen, jedem Kind als ganzem Menschen zu begegnen. Wir hoffen, dass die Kinder durch die Stärkung ihrer Wurzeln durch Kultur, Spiritualität und Menschlichkeit zu freien, kreativen und mitfühlenden Menschen heranwachsen, die tief mit ihrer eigenen Tradition verbunden und zugleich auch offen für die Vielfalt der Welt sind. Durch die Integration der Feste, Geschichten und Bräuche verschiedener Traditionen in unseren Schulalltag helfen wir den Kindern, mit einem Gefühl innerer Freiheit aufzuwachsen, das in ihrem eigenen Hintergrund verwurzelt und dennoch offen für andere ist.

Kommentare

Dorit Battermann, Bochum,

Ich kenne Dil Maya und die Schule persönlich, da die GLS Zukunftsstiftung Entwicklung die Tashi Waldorf School seit ihrer Gründung begleitet und unterstützt.
Was Dil Maya in ihrem Artikel beschreibt, wird an der Schule tagtäglich mit großen Engagement des gesamten Teams gelebt. Doch die Schule hat immer wieder Schwierigkeiten, die laufenden Kosten für die Gehälter der Lehrer:innen, Ausstattung, Miete und Verpflegung der Kinder zu stemmen. Sie braucht zusätzliche Unterstützung, um ihre gute Arbeit fortsetzen zu können. Jede Spende hilft und wird von der GLS Zukunftsstiftung Entwicklung direkt an die Tashi Waldorf School weitergeleitet.

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