Erziehungskunst | Frau Hornbogen, erzählen Sie uns bitte etwas zu Ihrem Hintergrund.
Franziska Hornbogen | Ich bin 1975 in Berlin geboren und in der DDR zur Schule gegangen. Nach der Wende habe ich Abitur gemacht. Studiert habe ich Afrikawissenschaften, neuere Geschichte und Geographie – eine Kombination, die mich schon früh für globale Zusammenhänge sensibilisiert hat. Während des Studiums war ich viel in Afrika unterwegs: Forschungsreisen, Praktika, Begegnungen mit unterschiedlichen Kulturen. Das hat mich geprägt. Danach habe ich fünf Jahre in der deutschen Botschaft in Namibia gearbeitet, unter anderem als Referentin für Kulturpolitik, später auch als Journalistin. Meine erste Unterrichtserfahrung kam dann in Äthiopien – eine sehr prägende Zeit, weil ich dort gesehen habe, was Bildung für ein Land bedeutet, das sich im Aufbau befindet. Schließlich habe ich in Kassel die Ausbildung zur Oberstufenlehrerin gemacht und arbeite nun seit über zehn Jahren an der Annie Heuser Schule in Berlin und unterrichte die Fächer Politik und Geschichte.
EK | Wie prägen diese internationalen Erfahrungen Ihren Unterricht?
FH | Sie geben mir die Möglichkeit, Dinge aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Ich habe erlebt, wie Menschen in unterschiedlichen politischen Systemen leben, und das versuche ich meinen Schüler:innen zu vermitteln. Geschichte oder Politik sind nicht trockene Fakten – sie betreffen Menschen, deren Alltag, ihre Chancen und ihre Freiheit. Ich erzähle im Unterricht oft von Begegnungen oder Situationen, die ich in Afrika erlebt habe. Das macht Themen wie Demokratie, Menschenrechte oder globale Gerechtigkeit für die Schüler greifbarer.
EK | Wie vermitteln Sie das Thema Demokratie im Unterricht?
FH | Demokratie ist für mich keine abstrakte Theorie, sondern eine Haltung, die im Alltag gelebt werden muss. Um sie zu verstehen, muss man ihre Geschichte kennen, ihre Strukturen und ihre Schwächen. Wir fangen in der Mittelstufe mit Ethik an – über Werte, Verantwortung, Empathie. In der Oberstufe bauen wir darauf auf und gehen in die politische Struktur: Gewaltenteilung, Parteien, Wahlen, aber auch kritische Fragen wie Lobbyismus oder internationale Politik. Politik ist für mich überall – auch im Sport oder in der Kunst, und diese Bezüge versuche ich immer wieder herzustellen.
EK | Manche sehen Parallelen zwischen der heutigen Zeit und der Situation vor 1933. Teilen Sie diese Einschätzung?
FH | Es gibt gewisse Parallelen, zum Beispiel in der Polarisierung oder in der Zunahme populistischer Strömungen. Aber man darf nicht vergessen: Die Demokratie der Weimarer Republik war sehr jung und unerfahren. Heute haben wir Mechanismen, um unsere Demokratie wehrhaft zu machen. Trotzdem ist es wichtig, jungen Menschen bewusst zu machen, dass Freiheit, Pressevielfalt und Meinungsfreiheit keine Selbstverständlichkeiten sind. Sie wurden erkämpft, und man muss sie aktiv verteidigen.
EK | Was heißt «wehrhafte Demokratie» für Sie konkret?
FH | Sie bedeutet, Ursachen zu verstehen, im Dialog zu bleiben, zuzuhören, Argumente auszutauschen – auch mit Menschen, die andere Ansichten vertreten. Ich will Ohnmacht durch Wissen ersetzen. Deshalb mache ich im Unterricht gern Rollenspiele oder Planspiele, etwa eine nachgestellte Potsdamer Konferenz. So wird erlebbar, wie schwierig politische Entscheidungen sind, wie man Kompromisse aushandelt und welche Dynamiken entstehen.
EK | Wie sprechen Sie mit Schüler:innen über staatliche Repressionen, Extremismus oder gesellschaftliche Spannungen?
FH | Wir analysieren gemeinsam, woher solche Entwicklungen kommen – wirtschaftliche Faktoren, Angst vor Veränderung, Identitätsfragen. Wir sprechen über historischen und aktuellen Extremismus, vergleichen Situationen und überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, demokratisch gegenzusteuern. Wichtig ist dabei, die Balance zu wahren: die eigene Freiheit zu leben, ohne die Freiheit anderer einzuschränken.
EK | Welche Rolle spielen Medienkompetenz und Fake News in Ihrem Unterricht?
FH | Eine enorme. Wir vergleichen historische Propaganda mit aktuellen Wahlplakaten, schauen uns Verschwörungstheorien an und prüfen gemeinsam, wie man Fakten verifiziert. Die Schüler:innen sollen ein Gespür entwickeln, wie Manipulation funktioniert. In Projekten produzieren sie Podcasts oder Interviews, um selbst die Mechanismen journalistischer Arbeit kennenzulernen. Das stärkt nicht nur ihre Urteilsfähigkeit, sondern auch ihr Selbstbewusstsein.
EK | Wie kann man Jugendliche motivieren, sich politisch zu beteiligen?
FH | Indem man ihnen zeigt, dass ihre Stimme zählt. Wir haben Schüler:innenparlamente, Mitbestimmungsprojekte im Schulalltag, organisieren Juniorwahlen und laden Politiker:innen ein – auch solche, mit denen nicht alle einverstanden sind. Es geht darum, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch argumentativ vertreten zu können.
EK | Gibt es bei Ihnen an der Schule aktuell auch antidemokratische Tendenzen?
FH | Nein, aber es gibt unterschiedliche politische Haltungen. Das ist normal und gehört zur Demokratie. Wichtig ist, im Gespräch zu bleiben, Fakten zu prüfen und klar zu benennen, wenn demokratische Grundwerte verletzt werden. Es geht nicht darum, alle auf eine Linie zu bringen, sondern um den respektvollen Diskurs.
EK | Was ist Ihre wichtigste Botschaft an junge Menschen?
FH | Demokratie lebt vom Mitmachen. Man muss sie üben – in kleinen Entscheidungen genauso wie in großen gesellschaftlichen Fragen. Mein Antrieb: Ich möchte dazu beitragen, junge Menschen zu selbstbewussten, informierten und engagierten Bürger:innen zu machen.
EK | Vielen Dank!
Das Gespräch führte Heidi Käfer.
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