Im ganzen Haus brennen Kerzen in weizengefüllten Krügen. Die Nachbarinnen weinen um Großmutters Bett und Kerzenwachs tropft auf ihre Röcke. Manche schützen die Röcke mit Zeitungspapier. Großmutter trägt die Kleidung, die sie sich für ihre Beerdigung im Schrank zurechtgelegt hat. Schöne bunte Stoffe, eng bestickt. Auch das Gebiss hat sie im Mund – schließlich sieht sie jetzt Großvater, ihren Mann, wieder und dafür will sie nicht zahnlos sein. Nicht zahnlos ins Jenseits zu gehen – den Wunsch hat sie vorher geäußert. Genauso wie den Wunsch, ein letztes Mal eine Orange zu essen. Und so geht die Ich-Erzählerin und ersteht ein Netz Orangen für die sterbende Großmutter.
Wir erfahren, wie sterben geht in den ukrainischen Karpaten. Die Ich-Erzählerin lernt es und wir mit ihr. Dabei erscheinen uns manche Dinge natürlich und manche eher fremd. Die bunten Bilder sind jedes für sich ein kleines Kunstwerk. Oftmals ist die Perspektive ungewohnt und nicht logisch nachvollziehbar – das Betrachten wird zu einem Wundern, einem nicht verstehen, einem verwundert schauen. Sodass man am Ende selbstverständlich annimmt, dass die Großmutter auf einem Brombeerblatt in die Wolken fliegt und erklärt, für Nachfragen sei sie jederzeit bereit.
In einem Nachwort beschreibt Taras Prochasko die Besonderheit der Beziehung zwischen den Ältesten und den Jüngsten einer Familie. Gerade in größeren, oft ländlichen Familienstrukturen übernimmt die älteste Generation Fürsorgearbeit und verbringt viel Zeit mit den Kindern. Diese sind jung, frisch auf der Welt und lernen von den Älteren, die wiederum ihr Leben gelebt haben und um ihr nahendes Ende wissen. Prochasko erinnert uns, wie wichtig das Erhalten von Traditionen und Bräuchen ist. Das hallt angesichts des Krieges in der Ukraine schmerzhaft, ja bedrohlich, nach.
Kinder und Alte schließen den Kreis des Lebens und das wird in Baba Ana mit Humor und wunderschönen Bildern erzählt.
Yaroslava Black: Baba Anna – Wie meine ukrainische Großmutter auf dem Brombeerblatt flog, illustriert von Ulrike Jänichen, 46 Seiten, Verlag Urachhaus, 2022, 19,90 Euro, empfohlen ab 5 Jahren.
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