Ausgabe 09/23

Denkmal für einen Waldorflehrer

Kolumne Knilli
Bild: Petra Mäussnest

Als sich im Frühjahr 2020 die Coronapandemie ausbreitet, beschließt er auf Rat seiner Ärztin, sich mit Frau und Kindern zu isolieren. Von der Veranda eines Ferienhauses auf der schwedischen Insel Korrö begrüßt er von nun an seine Schüler:innen per Videoschalte: «Guten Mittag, liebe fünfte Klasse.» Neben dem Schulstoff bringt er den Kindern in Berlin-Mitte auch den ländlichen Alltag in Schweden näher. Vor Ort im Klassenzimmer sind eine Leinwand und sein Bruder Micha Feucht als Assistenzlehrer. Bis zu den Sommerferien ist diese Interimslösung für alle eine interessante und wertvolle Erfahrung, schließlich ist die Beziehung zwischen Lehrer und Klasse seit bald fünf Jahren gewachsen. Die Filmemacherin drehte beide Schauplätze parallel mit zwei Teams, eine kluge Entscheidung, die Zuschauer:innen sehen mehr als die Beteiligten.

Es dauert nicht lange, dann sitzen auch die Kinder vorm Rechner: Deutschland hat auf Homeschooling umgestellt. Problematisch wird es, als im Herbst 2020 wieder Präsenzunterricht möglich, die Ansteckungsgefahr für Schüddekopf aber noch zu groß ist. Die Schulführung und einige Eltern stellen den Onlineunterricht in Frage, Schüddekopf aber will seine Klasse nicht aufgeben. Er besteht darauf, der vertraglich vereinbarten Tätigkeit nachzugehen, unabhängig von seiner gesundheitlichen Beeinträchtigung. Von diesem sich zuspitzenden Konflikt berichtet der Film ausführlich, von Schüddekopfs Ringen mit den anderen und mit sich selbst: «Das ist doch das größte Ziel, sich weiterzuentwickeln und möglichst stark und intensiv zu leben. Die Zeit, die man hat, spüren und brennen.» Mäussnest kommt Schüddekopf und seiner Frau Una dabei ungewöhnlich nah, das ist stark.

Leider verzichtet die Regisseurin darauf, die Kritiker:innen des Onlineunterrichtes zu Wort kommen zu lassen. Zudem erzählt sie aus der Insiderperspektive, setzt Kenntnisse der Strukturen an einer selbstverwalteten Waldorfschule voraus, ohne die der Konflikt in all seinen Facetten schwer nachvollziehbar bleibt. Ein weiterer Punkt: Es sind immer wieder Unterrichtsfragmente zu sehen, in denen Schüddekopf zugewandt und künstlerisch inspiriert mit der Klasse arbeitet. Den inhaltlichen Bogen, mit dem er einen Lerninhalt von A bis Z gestaltet, erleben wir nicht. Das fehlt diesem Denkmal für einen Pädagogen.

Aktuell läuft Jonny Island  im Kino.

(Termine: jonny-island.de) sowie am 18. September 2023 um 22:25 Uhr auf 3sat und in der 3sat-Mediathek.

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