Ausgabe 05/26

Der innere Weg zum Frieden

Frank de Vries

Bild oben: Schaukasten mit Friedenstaube von Hansjörg Palm im Eins und Alles in der Welzheimer Laufenmühle
Bild unten: Schaukasten ohne Friedenstaube von Hansjörg Palm im Eins und Alles in der Welzheimer Laufenmühle
Bild rechts: Buch von Frank de Vries: Der lange Weg zum Frieden in der Welt. 95 Seiten, Info3 Verlag, Frankfurt 2025, 14 Euro.

Zitat: »Dreigliederung als Impuls für soziale Erneuerung, die auf individuelle Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen eingeht und eine Grundlage für eine friedliche und gerechte Gesellschaft schafft.«
 

Rudolf Steiner sagt, dass Frieden nicht durch äußere Maßnahmen oder politische Vereinbarungen erreicht werden könne, sondern dass die spirituelle Entwicklung der Einzelnen von zentraler Bedeutung sei. In seinen Vorträgen und Schriften hebt er hervor, dass der Mensch durch Selbstreflexion, Meditation und die Arbeit an seinem Charakter innere Harmonie schaffen könne. Nach seiner Auffassung ist diese innere Harmonie die wichtigste Voraussetzung für einen nachhaltigen äußeren Frieden: «Eine wirkliche Friedensgesellschaft ist eine solche, die nach Geist-Erkenntnis strebt, … weil sie ausgeht auf das, was im Menschen lebt und der Zukunft entgegengeht. Wir müssen das geistige Leben, das Spirituelle pflegen, dann rufen wir in uns die Kraft hervor, die als Kraft der gegenseitigen Hilfeleistung sich über das ganze Menschengeschlecht ausgießt.» 

Steiner hebt außerdem die Bedeutung der Liebe als universelle Kraft hervor. Diese Liebe, verstanden als bewusste Hinwendung zum anderen und zum Geistigen, ist die treibende Kraft hinter der Entwicklung des Friedens. Durch die Praxis der Nächstenliebe und das Streben nach spiritueller Einsicht wird der Mensch zu einem Instrument des Friedens, sowohl in seinem persönlichen Umfeld als auch im religiösen Sinne. So trägt jeder Mensch zur Entwicklung der gesamten Menschheit bei. Eine Brücke zwischen Glauben und Erkenntnis ist nach den Worten von Rudolf Steiner dann gegeben, wenn der Gegensatz zwischen moderner Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft in Zukunft überwunden wir. Denn: «Verkrüppeln müsste der Geist, wenn die Naturwissenschaft ohne Geisteswissenschaft bliebe und die Geisteswissenschaft sich begnügen müsste mit dem Gedanken: Du kannst ja doch die Naturwissenschaft nicht auf das Geistige hinüberbringen.» 

Es sei die wachsende Brücke zwischen Glauben und Erkenntnis, die den Frieden bringen würde. Steiner prophezeite: «So werden sie künftig zusammenwirken und das Weltgebäude wird von zwei Seiten bereichert sein. Es wird eine große, vollkommene Harmonie sein, und das wird im Menschen die innere Harmonie der Seele sein, die das letzte Ziel der Geisteswissenschaft ist.» 

Eine neue gesellschaftliche Ordnung 


Als Antwort auf die Katastrophe des Ersten Weltkrieges legt Steiner mit der Dreigliederung des sozialen Organismus einen zukunftsorientierten Gesellschaftsentwurf für eine neue gesellschaftliche Ordnung und Entwicklung in Europa vor. Die Dreigliederung des sozialen Organismus kann als eine Konzeption zum Frieden betrachtet werden, da sie auf eine friedliche und gerechte Gestaltung der Gesellschaft abzielt. Die Dreigliederung schlägt eine funktionale Unterscheidung zwischen drei Bereichen vor: dem Geistesleben, dem Rechtsleben und dem Wirtschaftsleben. Diese Bereiche sollen nach den Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit organisiert sein und in einem ausgewogenen Verhältnis zueinanderstehen. So umfasst das Geistesleben alle Bereiche, die sich mit der Entwicklung des Menschengeistes beschäftigen. Dazu gehören die Kultur, die Wissenschaft, die Kunst, die Bildung und die Religion. Das Geistesleben ist dem Prinzip der Freiheit verpflichtet. Es ist der Bereich, in dem die Menschen sich frei entfalten und ihre Kreativität ausleben können und der Bereich, in dem neue Ideen und Erkenntnisse entstehen. Das Rechtsleben umfasst alle Bereiche, die sich mit der Wahrung der Rechte und der Gerechtigkeit in der Gesellschaft beschäftigen. Dazu gehören der Staat, das Recht, die Rechtsprechung und die Verwaltung. Es ist der Bereich, in dem die Ordnung und Sicherheit in der Gesellschaft gewährleistet werden. Das Rechtsleben ist dem Prinzip der Gleichheit verpflichtet. Alle Menschen sollen im Rechtsleben gleichberechtigt sein, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht oder ihrem Vermögen. Es ist der Bereich, in dem die Interessen aller Menschen gleichberechtigt vertreten werden. Das Wirtschaftsleben umfasst alle Bereiche, die sich mit der Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen beschäftigen. Dazu gehören die Unternehmen, die Arbeit, das Geld und der Handel. Es ist der Bereich, in dem die Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen und ihre Bedürfnisse befriedigen. Das Wirtschaftsleben ist dem Prinzip der Brüderlichkeit verpflichtet. Es ist der Bereich, in dem die Menschen zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Durch die klare Trennung und gleichzeitige funktionale Verbindung dieser Bereiche entsteht eine neue Form der Gewaltenteilung und wird eine Gesellschaft geschaffen, in der Konflikte vermieden und ein friedliches Miteinander gefördert werden. Steiner sah die Dreigliederung als einen Impuls für eine soziale Erneuerung, die auf die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen eingeht und eine Grundlage für eine friedliche und gerechte Gesellschaft schafft. 

Dem Nationalsozialismus entgegenwirken 


Schon 1918 hatte Steiner ein Memorandum an die österreichische und deutsche Regierung gerichtet, in dem er auf die Soziale Dreigliederung als eine wirksame Alternative zu dem nach seiner Meinung verhängnisvollen 14-Punkte-Programm des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson verwies. Am 8. Januar 1918 hatte Wilson dem US-Kongress in Washington ein 14-Punkte-Programm vorgelegt, das später als Grundlage für die Friedensverhandlungen in Paris diente und einen für alle Parteien annehmbaren Friedensschluss vorsah. Dazu gehörten die Forderungen nach Räumung der besetzten Gebiete und die generelle Neuordnung Europas nach dem Prinzip des Selbstbestimmungsrechtes der Völker. In den Wilsonschen Thesen zum Selbstbestimmungsrecht der Völker sah Steiner eine illusionäre Idee, die im Gegensatz zu ihrer vordergründigen Plausibilität eine Epoche des Nationalismus und Rassismus einleiten würde. Dieser zerstörerischen Idee in einer immer mehr von vielfältigen kulturellen und ethnischen Zugehörigkeiten geprägten gesellschaftlichen Wirklichkeit stellte er das «Selbstbestimmungsrecht des Individuums» entgegen. Die Dreigliederung sollte in der Unsicherheit nach dem Ersten Weltkrieg den Strömungen des Nationalismus und des Kommunismus entgegenwirken und den Kapitalismus abschaffen. Sie hätte vielleicht dazu beitragen können, den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland und einen neuen Weltkrieg zu verhindern. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte Steiner mit dem Unternehmer Emil Molt einige Jahre lang im Rahmen des Bundes für Dreigliederung Mitstreiter zu finden, um diese Idee in Deutschland zu verwirklichen, konkret zunächst 1919 in Württemberg. Im Zuge dieser Bemühungen kam es zur Begründung der ersten Waldorfschule in Stuttgart, die Emil Molt als Geschäftsführer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik auch als Schule für die Kinder seiner Arbeiter eingerichtet hat. In den nachfolgenden Jahren gab es weitere Versuche, öffentlich für die Konzeption der Sozialen Dreigliederung zu wirken. Als Steiner aber sah, dass er in der damaligen Nachkriegssituation in Mitteleuropa die Soziale Dreigliederung nicht realisieren konnte, beendete er seine diesbezüglichen Aktivitäten und beschränkte sich darauf, die Ideen der Dreigliederung in Vorträgen und Seminaren weiterzuentwickeln. 

Namhafte Vertreter:innen heute 


Erst im Zuge der 1968er-Bewegung gab es in Deutschland eine Renaissance der Dreigliederungsbewegung. Der Wirtschaftswissenschaftler Folkert Wilken und der Ingenieur Hans-Georg Schweppenhäuser entwickelten in dieser Zeit grundlegende Ansätze zur Sozialen Dreigliederung und untersuchten, wie die Kapitalneutralisierung und die Zähmung des Geldwesens zu bewerkstelligen sei. In verschiedenen außerparlamentarischen Gesprächskreisen, Gruppierungen und Einrichtungen Westdeutschlands, der Schweiz, Österreichs, der Niederlande und Skandinaviens wurde die Ideen der Sozialen Dreigliederung heftig diskutiert. In diesem Zusammenhang wurde 1971 in Achberg am Bodensee das Internationale Kulturzentrum INKA begründet. Als Ideengeber gehörte insbesondere der Physiker und Sozialwissenschaftler Wilhelm Schmundt dazu. Ihm zur Seite trat der Künstler Joseph Beuys, der Schmundt als «unseren großen Lehrer» bezeichnete. Seitdem hat vor allem Beuys dazu beigetragen, dass die Soziale Dreigliederung immer wieder in die Öffentlichkeit getragen wurde. Er hat den Grundgedanken der Dreigliederung im Rahmen seines «erweiterten Kunstbegriffs» in seine Idee der «Sozialen Plastik» integriert. Beuys war der Überzeugung, die notwendigen Fähigkeiten zur Verwirklichung der Sozialen Plastik – Spiritualität, Offenheit, Kreativität und Phantasie – seien in jedem Menschen bereits vorhanden. Sie müssten nur erkannt, ausgebildet und gefördert werden. So heißt es nach seinen Worten auch: «Jeder Mensch ist ein Künstler, ein Mitgestalter am sozialen Ganzen.» Heutzutage gibt es mehrere Initiativen, die die Ideen der Sozialen Dreigliederung propagieren und umzusetzen versuchen: 2003 erhielten mit Nicanor Perlas, Vertreter der philippinischen Zivilgesellschaft, und Ibrahim Abouleish, Begründer der Sekem-Farm in Ägypten, zwei Menschen beziehungsweise Organisationen den Alternativen Nobelpreis, die das Leitbild der Sozialen Dreigliederung teilen und propagieren.

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