Ofer Sagie, Waldorflehrer aus Israel, im Gespräch mit Oberstufenschüler:innen der Freien Waldorfschule Balingen.
Die Jugendlichen merken Ofer die Verzweiflung an. Er setzt sich seit 40 Jahren als Friedensaktivist für einen Dialog zwischen Palästina und Israel ein.
Sagie unterstützt die Waldorfbewegung in China, macht Theaterprojekte an vielen Waldorfschulen und wird von Schulen als Friedensaktivist zum Thema Nahost-Konflikt eingeladen. Die Finanzierung seiner Vorträge in Balingen wurde vom Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, in dem die Balinger Schule auch Mitglied ist, übernommen.
Erst einmal umbauen
Bevor Ofer Sagie mit den knapp 30 Jugendlichen aus Klasse 10 ins Gespräch geht, wird ein hebräisches Lied angestimmt: Die ganze Welt ist eine schmale Brücke («Kol Ha`olam Kulo/ Gesher Zar Me`od/ ve`Hajkar/ Lo Lefaced Klal»). Die Bänke sind weggeräumt, die Stühle stehen mehrreihig im Halbkreis. Eine gespannte Stille herrscht an diesem Freitagvormittag im Raum. Ofer, der sich als Waldorfpädagoge im Umkreis der israelischen Waldorfschule Harduf und als Theaterregisseur und Bothmergymnast mit drei jugendlichen Töchtern vorstellt, spricht gut Deutsch. Schließlich kommt sein Großvater aus Görlitz, seine Großmutter aus Wien. Seine eindrucksvolle Körpersprache und sein herzlicher Umgangston sorgen dafür, dass er schnell Zugang zu seinem jugendlichen Publikum bekommt.
Wirkmächtige Narrative
Mit Kreide zeichnet Ofer die Kartengestalt Israels als Mittelmeeranrainer an die Tafel mitsamt dem Fluss Jordan, dem See Genezareth und dem Toten Meer an der Grenze zu Jordanien. Er verortet Jerusalem und zeigt Drucke, auf denen die Klagemauer und die Al-Aqsa-Moschee zu sehen sind – beide nur 500 Meter entfernt vom Hügel Golgatha, wo Jesus gekreuzigt wurde. Ofer holt weit aus, um die Komplexität des Nahost-Konflikts für seine Zuhörer:innen zu beschreiben. Wie laut der Tora Gott 1800 vor Christus das Land Abraham, dem Urvater des jüdischen Volkes, geschenkt hat, lange bevor Jahrhunderte später Moses mit seinem Volk ins ägyptische Exil floh. Dieses Narrativ und der daraus abgeleitete Rechtsanspruch auf das Heilige Land werde bis heute von den orthodoxen Juden, die 15 Prozent der israelischen Gesellschaft und zugleich die Mehrheit der Siedler:innen im besetzten Westjordanland ausmachen, mit aggressivem Geltungsanspruch vorgetragen. «Erst die Römer», so Ofer, «nennen das Gebiet 70 vor Christus Palästina, was Land der Philister bedeutete.»
Krieg statt Gespräch
In einem Gebiet, wo die heiligsten Stätten des Christentums, Judentums und des Islam auf engstem Raum nebeneinander liegen, lebten bis ins späte 19. Jahrhundert hinein vorwiegend Menschen muslimischen, jüdischen und christlichen Glaubens. Mit Beginn der zionistischen Einwanderung 1880 und unter Einfluss von Theodor Herzl, Verfasser der Grundsatzschrift Der Judenstaat um 1897, kauften immer mehr Juden aus aller Welt in Palästina Land auf. Palästina war damals noch Teil des Osmanischen Reiches und nach dem Ersten Weltkrieg unter englischer Kolonialherrschaft. Ofer präsentierte dann die Geschichte des Staates Israel seit 1948 als eine fortlaufende Kette von Kriegen, Vertreibungen und Aufständen und mit einem Blick auf die großen Flüchtlingslager etwa im Westjordanland, in Gaza und im Libanon. Außerdem wurden die Rollen der USA, Chinas und Russlands im Hintergrund skizziert sowie Aspekte aus der Sozialpsychologie. Seit über 75 Jahren herrsche das Gesetz des Krieges mit den arabischen Nachbarstaaten Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon – aber auch mit der islamischen Widerstandsorganisation Hamas in Gaza, mit der Partei Al Fatah im Westjordanland und der islamistisch-schiitischen Partei Hisbollah im Libanon. Israel handle hier schon immer nach der Devise «The winner takes it all». Obwohl Israel, so betonte Ofer, die einzige Demokratie im Vorderen Orient sei, bedauert er: «Jüdische Menschen haben nicht gelernt, das Gespräch mit Palästinenser:innen zu suchen». Der Krieg halte beide Völker in einer äußerst schwierigen Situation. Die aktuelle Regierung von Benjamin Netanjahu trete unter Druck der rechtsnationalistischen Koalitionspartner ebenso extremistisch auf wie die Hamas im Gazastreifen. Beide, so Ofer, würden jeweils die israelische und palästinensische Gesellschaft in Geiselhaft halten.
Die Jugendlichen merken Ofer die Verzweiflung an. Er setzt sich seit 40 Jahren als Friedensaktivist für einen Dialog zwischen Palästinenser:innen und Israelis ein. Auch, aber nicht nur, weil er viele palästinensische Freund:innen aus den Dörfern rund um Harduf und im Westjordanien hat. Er ermuntert die Schüler:innen, das Vorgehen der israelischen Armee im Gaza-Streifen beim Namen zu nennen – «Genozid». Als Ofer die Agentur Reuters zitiert, laut der die Kriegskosten rund 265 Millionen Euro täglich und das seit etwa 400 Tagen betragen sollen, ist das Erstaunen bei den Jugendlichen groß.
Was kann ich tun?
Ofer macht die Jugendlichen darauf aufmerksam, dass jeder Click im Internet, etwa auf Instagram oder TikTok, auf eine jüdische oder palästinensische Fahne den Konflikt anheize. Stattdessen ruft er dazu auf, «neutral zu bleiben, aber aktiv». Er appelliert eindringlich, Kräfte der Menschenliebe zu mobilisieren: «Ihr seid die Hoffnung für unsere Welt. Ihr habt das Gespräch gelernt.» Bevor man etwas tue, müsse man die Komplexität verstehen. Mit einer kleinen Sozialübung im Raum rundet Ofer die besondere Begegnung ab und verabschiedet jede:n der Jugendlichen einzeln an der Tür per Handschlag. Sein Angebot, die Klasse noch einmal zu treffen, stößt beim Rückblick drei Tage später auf offene Ohren. Der Versuch, eine geschichtliche Analyse mit menschlicher Erfahrung zu verbinden und dabei vorschnelle Urteile durch die Einübung eines tastenden Herzdenkens zu ersetzen, ist gelungen.
Anmerkung der Redaktion: Der Besuch Ofer Sagies fand im Frühjahr 2025 statt, als der Begriff «Genozid» noch gerechtfertigt war.
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