Ausgabe 12/25

Dialog ermöglichen im Religionsunterricht

Klaus Walther

Altar für die Kultushandlungen des Freien Religionsunterrichtes. Der Altar hat sieben Kerzen und über ihnen an der Altarwand das Antlitz Christi in einer Skizze Leonardo Da Vincis, angefertigt für sein Abendmahlfresko. Die Handlungshaltenden sind die Lehrer:innen des Freien Religionsunterrichtes.

Der Philosoph und Resonanzforscher Hartmut Rosa beschreibt in seinem Buch Demokratie braucht Religion einen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Zusammenhang. Er führt die wachsende Aggressivität in der Politik und in der Gesellschaft auf eine ständig zunehmende Überforderung der Menschen und der Politiker:innen zurück. Die Überforderung führe dazu, den eigenen Standpunkt als den allein richtigen durchsetzen zu wollen. Kritiker:innen, Andersdenkende oder als Gegner empfundene Personen oder Gruppen werden als Feinde und Störelemente der eigenen Intention empfunden. Die Auswirkungen dieses Denkens finden wir gegenwärtig in der Weltpolitik und im öffentlichen Diskurs. Demokratie aber funktioniere im Aggressionsmodus nicht. Um eine nachhaltige Zukunft zu gestalten, bedürfe es nicht nur einer Toleranz dem anders Denkenden oder vermeintlich Gegnerischen gegenüber, sondern der Fähigkeit und Bereitschaft, einander zuzuhören. Ohne das vorurteilsfreie gegenseitige Zuhören sei keine Transformation, keine nachhaltige Entwicklung, keine Resonanz, keine tragfähige Beziehung möglich. Religion bietet nach Hartmut Rosa einen solchen Resonanzraum. Der Religionsunterricht könnte in diesem Sinne, ob konfessionell orientiert oder nicht, eine solche Beziehung zur Welt vorbereiten und fördern.

Wie das kleine Kind von Natur aus das Bedürfnis mitbringt, zu gehen, zu sprechen und zu denken und diese Fähigkeiten in der Phase der Nachahmung ausbildet, stellt sich für die Kinder und Jugendlichen während der Schulzeit, mehr oder weniger bewusst, die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach der individuellen Aufgabe, nach Geburt und Tod. So bietet auch die Religion neben der Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst die Möglichkeit, den Entwicklungsweg des werdenden Menschen mit und ohne konfessioneller Orientierung zu begleiten. Die traditionellen Inhalte können dabei neben dem allgemeinbildenden Charakter Antworten auf Fragen und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen enthalten.

1919: Erneuerung der Religion durch Steiner
 

Der Gretchenfrage, wie er es denn mit der Religion habe, weicht der kritische, nach Erkenntnis strebende Faust in Goethes gleichnamigem Drama aus. Der Dialog der beiden repräsentiert das Dilemma zwischen dem hingebungsvollen Glauben Gretchens und dem kritisch zweifelnden Bewusstsein von Faust. Wird Religion durch Tradition und das kulturelle Umfeld der jeweiligen Gesellschaft geprägt oder drückt sich in der Religion ein geistig-seelisches Bedürfnis des heranwachsenden Menschen aus? Was bedeutet Religion überhaupt in der heutigen Zeit?

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges befand sich Deutschland in einer allumfassenden Umbruchsituation. Die Gründung der Waldorfschule durch Rudolf Steiner im September 1919 in Stuttgart sollte ein Kulturimpuls, ein Beitrag zu einer neuen demokratischen Gesellschaft im Sinne der zeitgleich von Steiner entwickelten Dreigliederung des sozialen Organismus sein. Es war dem Schulgründer sehr wichtig, Religion als Unterrichtsfach einzurichten und den damals vorhandenen Konfessionen durch externe Lehrkräfte die Möglichkeit zu geben, ihren Unterricht in der Schule anzubieten. So sah er in der «Erneuerung der Wissenschaft, Kunst und Religion» eine wesentliche Grund­lage der Waldorfpädagogik, wie er es in einem Vortrag vor dem damaligen Kollegium nachdrücklich betonte.

Was heißt in diesem Zusammenhang «Erneuerung der Religion»? Wie schlug sich das religiöse Element in der neu gegründeten Schule nieder? Nach wie vor spielen die Jahresfeste, die Weihnachtsspiele sowie die Johanni- und Michaeli­feiern eine große Rolle für die Schulgemeinschaft einer Waldorfschule.  Die nach und nach ange­botenen Religionsunterrichte sollten die Unterrichtsinhalte vertiefen. Zunächst haben die katholische und evangelische Kirche den jeweiligen Unterricht mit entsprechenden Lehrkräften verantwortet, später kam noch die von Rudolf Steiner eingerichtete Christengemeinschaft sowie der nicht konfessionell gebundene, freie Religionsunterricht hinzu, der von der anthroposophischen Gesellschaft verantwortet wurde. Damit hatten auch die Kinder der konfessionslosen Eltern eine religiöse Orientierung. Warum war diese Vielfalt des Religionsunterrichts für Steiner so wichtig? Alle Religionen mitsamt ihren Konfessionen umfassen Narrative, Rituale, Kultusformen, Feste, Feiertage und lebensbegleitende Wertvorstellungen. Das alles wurde bisher traditionell von außen an die Kinder und Jugendlichen herangetragen und – je nach Elternhaus – mehr oder weniger aufgenommen. Das bringen auch Gretchens Frage und Fausts kritische Haltung zum Ausdruck. Damit ist aber die Bedeutung der Religion für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen noch nicht erschöpft. Religion ist nicht nur eine gemeinschaftsbildende, systemstabilisierende Kraft, sondern spielt auch für die individuelle Entwicklung eine große Rolle.

Dialog ermöglichen
 

Nun ist Religion in der Geschichte der Menschheit oft durch Kriege, Dogmatismus und Legitimation von Machtverhältnissen und Herrschaftsansprüchen missbraucht worden. Religiös motivierte Kriege, destruktive, menschenverachtende Handlungen und Attentate waren und sind bis heute die Folge. Dabei bedeutet Religion nach Steiner zunächst nichts anderes als eine Verbindung der physischen mit der geistigen Welt. Religion muss deshalb neu gedacht werden. 
Das bedeutet, dass Religion, historisch gewachsen, von Traditionen ausgeht, sich andererseits aber im Dialog ständig neu entwickeln muss. Dieser Dialog kann im Unterricht, aber auch zwischen den Konfessionen, den Weltreligionen und zwischen den Generationen stattfinden. Die Aufgabe der Religionslehrer:innen ist es dabei, zu diesem Dialog einzuladen, ihn zu ermöglichen. Das kann nicht nach einem Rezept erfolgen, sondern muss sich aus einem geistesgegenwärtigen Prozess aller Beteiligten heraus entwickeln. Erziehung ist Beziehung, und das gilt besonders für den Religionsunterricht.

Die in den einzelnen Waldorfschulen angebotenen Religionsunterrichte differieren von Bundesland zu Bundesland und hängen ab von der jeweiligen kollegialen Kapazität. Insgesamt ist festzustellen, dass die einzelnen Konfessionen nicht mehr durchweg in der Lage sind, Lehrkräfte zu stellen, sodass in vielen Fällen ein konfessionsübergreifender Unterricht stattfindet. Ein wesentliches Ziel des Unterrichts ist es, ausgehend von den menschenkundlich begründeten Erzählungen, Bildern und Motiven, mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, Lebensfragen zu erörtern, ohne dabei auf ein abprüfbares Ergebnis hinarbeiten zu müssen. Die Methoden variieren dabei je nach Altersstufe.

Mit Philosophie und Ethik verwandt
 

Außerdem begleitet der Religionsunterricht mitunter die Vorbereitung auf die Firmung im Zusammenhang mit der katholischen Konfession, der Konfirmation im Rahmen der evangelischen Kirche und der Christengemeinschaft. Er ersetzt jedoch nicht den Unterricht für Konfirmand:innen. Für die Kinder des freien Religionsunterrichtes besteht zum Ende der achten Klasse die Möglichkeit, an der Jugendfeier teilzunehmen. Sie findet etwa zur selben Zeit statt wie die Firmung und die Konfirmation, ist aber kein Sakrament, sondern symbolisiert den Übergang von der Kindheit zur Jugend, ohne an eine Gemeinde oder an ein Glaubensbekenntnis gebunden zu sein.

In einigen Oberstufen werden alternativ oder ausschließlich auch Philosophie und Ethik als Teilaspekte der Religion unterrichtet. Dabei geht es um eine gedankliche Auseinandersetzung mit Fragen der Moral und des toleranten Zusammenlebens. Die Unterrichtsinhalte überschneiden sich vielfach. Das ist besonders in der zehnten Klasse der Fall, wo Themen wie Sterbehilfe, pränatale Diagnostik und Organspende aus verschiedenen Perspektiven behandelt werden.

An der Freien Waldorfschule Hannover-Bothfeld, an der ich seit 30 Jahren freien Religionsunterricht in allen Klassenstufen erteile, stehen die Religionslehrer:innen aller Konfessionen in ständigem Austausch über den aktuellen Unterricht in den verschiedenen Klassenstufen. Unser Anliegen ist es, den Kindern und Jugendlichen verschiedene Möglichkeiten zu bieten, sich individuell zu entwickeln und lebenswichtige Fragen zu vertiefen, die von den anderen Unterrichtsfächern nur angerissen werden können. 

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