Ausgabe 05/26

Die Handlungen im Freien Religionsunterricht

Dorothee Raiser

Handlungsraum mit Altar, Kerzen und dem Bild einer Studie von Leonardo da Vinci für den Kopf Christi im Gemälde Das letzte Abendmahl. 

Zitat: «Es heißt Handlung, weil es eine praktische Tätigkeit ist. Spirituelle Empfindung kann zur Sichtbarkeit kommen als das Äußere des Kultus selbst.»
 

Rudolf Steiner hatte nach der Gründung der ersten Waldorfschule 1919 die Vorstellung von Religionsunterricht als einem von den Konfessionen erteilten und von ihnen verantworteten Unterricht. Es sollte klar sein: Das machen die Kirchen, die evangelische und die katholische. Da sollte von Seiten der Schule nicht reingeredet werden. Heute hätte Steiner wahrscheinlich auch muslimischen Religionsunterricht an die Schulen geholt – aber das nur nebenbei.

Der Freie Religionsunterricht wurde für die sogenannten Dissidentenkinder eingerichtet, Kinder Andersdenkender, Kinder derer, die im Widerspruch zu staatlich Vorgegebenem standen, vornehmlich Kinder von Anthroposoph:innen. Auf deren Wunsch hin gab es den Freien Religionsunterricht. Die anderen Lehrerkolleg:innen sollten nichts damit zu tun haben, um deutlich zu machen: Weltanschauungsfragen gehören nicht in die Schule.

Ausbildung, Zuständigkeiten und Praxis


«Du weißt, du gehst zu der Handlung, die deine Seele erheben soll zu dem Geiste der Welt.» Das sind die Eingangsworte für jedes Kind, das in der Reihe stehend vom Handlungshaltenden mit Handschlag begrüßt und für das die Tür geöffnet wird zu dem Raum, in dem die Erwachsenen schon sitzen. 

Verantwortet wird der Freie Religionsunterricht von einer Lehrkraft. Voraussetzung dafür ist es, Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft zu sein. Früher wurde man angefragt, vorgeschlagen, schließlich berufen, den Unterricht zu erteilen. Es gab ein Zertifikat vom Internationalen Religionslehrergremium, das in der Pädagogischen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft mit Sitz am Goetheanum in Dornach verortet ist. Es gab nicht etwa ein Studienfach an der Hochschule, das zu dem Unterricht befähigt. Das hieß im Umkehrschluss, dass auftretende Probleme im Religionsunterricht mit der Gesellschaft, mit dem jeweiligen Zweig vor Ort geklärt werden müssten. Ein schwieriges Feld, da die Menschen dort oft wenig mit Schule zu tun hatten.

Seit zehn Jahren nun gibt es Ausbildungsseminare, die in Kooperation mit dem Seminar für Waldorfpädagogik der Freien Hochschule Stuttgart mit einem staatlich anerkannten Zertifikat abschließen. Das war nötig geworden, weil manche Bundesländer den Unterricht nicht ohne Nachweis finanzieren. Offenbar erfreut sich dieses berufsbegleitende Weiterbildungsstudium reger Nachfrage und so werden aktuell alle zwei Jahre etwa 30 Religionslehrer:innen qualifiziert.

Die Handlung steht als Zusatz neben dem Religionsunterricht und soll die Empfindung der Kinder ansprechen. Ursprünglich fand sie am Sonntag statt. «Es heißt Handlung, weil es eine praktische Tätigkeit ist. Spirituelle Empfindung kann zur Sichtbarkeit kommen als das Äußere des Kultus selbst. Sichtbar in einer Drehung zum Christusbild, im Aufstehen, im chorischen Sprechen, in Frage und Antwort», so der ehemalige Religionslehrer Frank Hussung, der fast 25 Jahre an der Freien Waldorfschule Engelberg tätig war.

Texte zur Handlung, die Steiner gegeben hatte, waren lange Zeit nicht öffentlich. Es gab sie nur handschriftlich. Die Lehrkräfte mussten die Texte abschreiben, etwa von einem Kollegen, einer Kollegin. Nach dem Tod wurden die Texte zurück nach Dornach an die Anthroposophische Gesellschaft geschickt. 

Handlung also, ähnlich der konfessionellen Sonntagsschule, als eine Art Kindergottesdienst, ist etwas Praktisches mit Singen und Beten. Rituale gehören wesensmäßig dazu und eine Liturgie von strengem Charakter, sehr dicht und im Aufbau gerafft. Für Jugendliche wurde analog zu Konfirmation oder Firmung die Jugendfeier eingeführt, für die Erwachsenen und Oberstufenschüler:innen eine Opferfeier.

Sprache, Form und Spannungsfelder


Handlung, um das Herz zu pflegen, als praktizierte Spiritualität, um den Kindern noch etwas Anderes mitzugeben? «Die Lehrer:innen machen es aus ihrer Beziehung zu den Kindern, in einer demütigen Haltung und aus dem Glauben heraus, sie treten dabei selbst zurück, stellen alles Persönliche zur Seite, um diesen Dienst vollziehen zu können. Besondere Beachtung gilt der Sprache. Der Duktus ist heilignüchtern. Nichts Suggestives soll Raum bekommen. Es gilt, der Gefahr, wegzudriften, der Gefahr, emotional gepackt zu werden, entgegenzuwirken», so fasst Hussung seine Erfahrungen zusammen.

«Du weißt, du gehst zu der Handlung, die deine Seele erheben soll zu dem Geiste der Welt.» Der Lehrer im schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte. Die Lehrerinnen im schwarzen Kleid. Das waren zu Steiners Zeit wohl einfach festliche Kleidungsstücke. Aber heute? Der Raum in Rot gehalten. Sieben Kerzen auf dem Altar. Das Bild des Christus. Leonardo da Vinci. Das ist meist alles. «Aber das ist viel für eine Schule», meint Hussung.

Der Ablauf ist steif. Streng. Der Kultus eine Liturgie mit festgelegten Elementen. Das könnte Halt bieten und wichtig sein, gerade in einer säkularisierten Gesellschaft. Aber, so die Erfahrung an manchen Schulen, die Kinder halten es nicht mehr aus. Und hielten es schon vor zehn Jahren nicht mehr aus. Egal, ob der Termin von Sonntag auf Samstag und schließlich auf Donnerstag verlegt wurde. Kinder und Eltern kamen nicht mehr. Auch Kolleg:innen nicht. Entsprach es doch schon damals vom strengen Duktus her so gar nicht mehr dem Empfinden einer Zusammenkunft rituellen Feierns.

Modernisierung? Öffnung? Ist und war nicht so einfach möglich. Der eine Kollege bemühte sich um Warmherzigkeit und flocht ein Lächeln in die Strenge, berichtet der ehemalige Lehrer. Trotzdem fanden auch seine eigenen Kinder ihn schrecklich, hatten Riesenrespekt und benannten die Handlung im Nachhinein als das Allerschlimmste an der Schule.

«Steiner habe gesagt, am Kultus kann man nichts ändern, er sei aus dem Übersinnlichen genommen.» Solche Sätze kursierten. Kursieren vielleicht noch? Dass Steiner vielleicht auch gesagt haben soll: «Es ist ein Vorschlag. Religiosität wird sich verändern», wägt der Kollege ab und hebt die Schultern. Nicht belegt. Überlegungen, das Ganze mit Eurythmie zu verlebendigen und damit aufzupeppen, soll Steiner mit der Begründung, die sei eine weltliche Kunst und habe mit dem Kultus nichts zu tun, abgelehnt haben. Für manche bleibt die Handlung etwas sehr Wünschenswertes in einer Welt, die ist, wie sie ist, und in der auch die großen Kirchen an Bedeutung verlieren, weil diese Angebote so weit weg sind von dem, wie wir inzwischen in der Welt stehen. Am Ende war man an der einen Schule in den Handlungen nur noch zu dritt. Der Entschluss aufzuhören – schmerzhaft. Auch, weil klar war, dass ein Wiederanknüpfen wohl nicht möglich sein wird. Auch wenn es andere Beispiele gibt, Schulen, an denen die Tradition Handlungen zu halten, ungebrochen ist. Schulen sogar, an denen nach Jahren eine Wiedereinführung möglich ist, weil sich jemand dafür einsetzt, auch den Eltern gegenüber. Es kann ein Element gegen den Säkularismus sein. Nicht verordnet. Es sollte ein Bedürfnis befriedigen. So wie ursprünglich gedacht. 

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