Die Leier ermöglicht Kindern in den ersten Schuljahren einen sanften Einstieg ins gemeinsame Musizieren. «Der Klang schwingt nach, beruhigt Atem und Körper, und regt das Gehör auf besondere Weise an», berichten Lehrkräfte. Gerade in einem bewegten Klassenzimmer könnte dieses Instrument an Aktualität gewinnen. Das bewegte Klassenzimmer ist ein Konzept an vielen Waldorfschulen, um den Bewegungsdrang von Kindern in der Unterstufe zu unterstützen, in dem der Raum mit flexiblen Sitzbänken und Kissen möbliert wird. Wenn der Unterricht der ersten Klasse mit dem gemeinsamen Leierspiel beginnt, dann füllen harmonische Saitenklänge das Klassenzimmer und stimmen die Kinder auf den Tag ein. Ein Ankommen, das den Übergang vom Außen in eine gemeinsame Lernatmosphäre begleitet. Hinhören, in sich hineinfühlen, nachklingen lassen. Das Besondere ist die Stimmung der sieben Saiten. Ihre Klänge sind so aufeinander abgestimmt, dass keine Dissonanzen hörbar werden. Jede Tonfolge klingt nach europäischen Hörgewohnheiten harmonisch, was an den reinen Quint-Intervallen
zwischen den Tönen liegt.
«Es gibt auf der Leier keine ‹falschen› Töne», sagt Christian Giersch. «Und genau deshalb eignet sie sich besonders gut für die ersten beiden Klassen.» Giersch war Leier- und Musiklehrer an der Michael Bauer Schule Stuttgart-Vaihingen sowie Dozent für Leier und Kinderharfe an der Freien Hochschule Stuttgart. Inzwischen ist er im Ruhestand. Immer wieder entscheiden sich Lehrkräfte an Waldorfschulen bewusst dafür, die Leier in siebensaitiger Quintenstimmung als erstes Instrument einzuführen, anstelle der üblichen pentatonischen Flöte. Der Zugang zum instrumentalen Musizieren gelingt vielen Kindern damit leichter. Während bei der Flöte Atemführung, Fingerkoordination und Lochabdeckung gleichzeitig bewältigt werden müssen, erlaubt die Leier ein unmittelbares musikalisches Erleben durch Streichen aller Saiten und Belauschen des gemeinsamen Klanges. So entsteht in der Klasse schon sehr bald ein verbindendes Orchester-Erlebnis, unabhängig von individuellen musikalischen Begabungen oder persönlichen Beeinträchtigungen. Durch die Leier als Einstiegsinstrument kann auch die Grundlage für ein späteres Klassenorchester mit traditionellen Instrumenten gelegt werden.
Leier als Einstiegsinstrument
«Das Leierspielen mit den Kindern ist eine tolle Sache», sagt Matthias Kräutle von der Freien Waldorfschule Biberach. Er ist ein Klassenlehrer, der sich für die Leier als Instrument im ersten Schuljahr entschieden hat. Das gemeinsame Musizieren mit den Leiern kann verbinden, nicht nur die Klassengemeinschaft, sondern auch die Eltern. Denn sie haben die Instrumente gemeinsam mit dem Klassenlehrer für ihre Kinder gebaut. «Es ist eine schöne Gelegenheit für die Eltern, sich beim Schnitzen der Leiern am Anfang der Schulzeit kennenzulernen», sagt Kräutle. «Insofern wird auch viel Wert daraufgelegt, dass zum Schnitzen ausreichend Grillzeug und Kuchen mitgebracht wird. Einige Eltern meines vorigen Durchgangs haben mich extra dazu ermuntert, dies mit der neuen ersten Klasse wieder so zu handhaben, da der Zusammenhalt in der Elternschaft dadurch von Anfang an gegeben war.»
Damit die Kinder jedoch die richtigen Töne spielen können, müssen alle Leiern vor der Stunde gestimmt werden – ein großer Zeitaufwand für die Lehrkraft. Das stellt im Schulalltag eine erhebliche organisatorische Herausforderung dar und ist sicherlich einer der Gründe dafür, warum sich die Leier in den ersten Klassen an Waldorfschulen bis heute nicht durchgesetzt hat. Für viele Schulen ist der Mehraufwand schlicht nicht zu stemmen. «Wenn da niemand hilft, ist das vielleicht schon ein K.-o.-Kriterium für das Leierspielen», sagt Kräutle.
Leierklang als Angebot
Die Leier als zeitgenössisches Instrument geht auf eine Entwicklung aus dem Jahr 1926 zurück. Am Goetheanum in Dornach gestalteten der Musiker Edmund Pracht und der Künstler Lothar Gärtner die Leier in ihrer heutigen Form.
Den Anstoß zur Entwicklung des Instruments gab Prachts Arbeit mit Kindern mit Behinderungen, insbesondere als musikalischer Begleiter für die Eurythmie. Auf seiner Suche nach einer Alternative zum Klang des Klaviers entwarfen Pracht und Gärtner eine Idee, und setzten diese schließlich auch in die Praxis um: Im Verzicht auf Mechanik und Außenverkleidung und durch radikale Verkleinerung aber unter Beibehaltung der chromatischen Stahlsaiten in hoher Spannung entstand ein neues Musikinstrument, die Leier, die gleich nach ihrer Entwicklung in der heilpädagogischen Arbeit eingesetzt wurde.
1968 entwickelte dann der Musiker und Heilpädagoge Julius Knierim in Zusammenarbeit mit Instrumentenbauern die vereinfachte Leier als siebensaitige Kinderharfe. «Der Leierklang ist für das Gehör immer ein Angebot, kein Übergriff», sagt Giersch. Der Ton der Leier klingt nach, auch nachdem die Finger die Saite längst verlassen haben. Im Klassenzimmer führt das oft dazu, dass Kinder still noch einen Moment nachhorchen, bevor sie selbst wieder spielen. So wird das Hören angeregt, der Atem kommt zur Ruhe, der Körper entspannt sich. «Manche Kinder sind so entspannt, dass ihnen sogar das Instrument aus der Hand fällt», berichtet Giersch. «Es kann eine ganz besondere Stimmung im Raum entstehen, wenn die Instrumente einfach eine Zeit lang klingen dürfen – vor allem, wenn die Lehrkraft selbst es schafft, in dieser Zeit nicht zu sprechen, sondern den Klang wirklich zulässt.»
Bewegungsfreiheit als pädagogischer Wert
Aber das Musizieren mit der Leier hat noch einen anderen, beinahe konträren Aspekt, der den Kindern in dieser Entwicklungsphase gerecht wird: die Bewegungsfreiheit. Das Instrument erlaubt große, fließende Bewegungen. Es kann im Stehen, im Gehen oder in wechselnden Haltungen gespielt werden. «Die Kinder können beinahe tanzen mit der Leier im Arm», weiß Giersch aus seiner Erfahrung als Musiklehrer. So verbindet sich Klangproduktion mit Körpererfahrung auf unmittelbare Weise.
Gerade in den ersten Schuljahren, in denen Lernen stark über Bewegung, Rhythmus und Nachahmung geschieht, eröffnet dies einen besonderen Zugang zur Musik. Insofern fügt sich die Leier gut in eine Unterrichtsgestaltung ein, die Bewegung nicht als Störung, sondern als Teil des Lernprozesses versteht. Während des Leierspiels kann gleichzeitig gesungen werden, dazu steht für den Unterricht inzwischen ein ganzer Liederschatz in Quintenstimmung zur Verfügung. Gleichzeitig bleibt der Einsatz der Leier im Schulalltag mit einem organisatorischen Aufwand verbunden, der mit darüber entscheidet, wie oft sie tatsächlich verwendet wird. ‹›
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