Ausgabe 12/23

Die Mischung machtʼs

Nadine Mescher

Ich unterrichte aktuell mehr als 30 Kinder in meiner sechsten Klasse, teilweise innerhalb eines größeren Spektrums von Hochsensibilität, Autismus, selektivem Mutismus und Formen von ADS oder ADHS. Von Langsamlernenden zu multitasken Hochbegabten sollen alle ihre Lernfreude pflegen und entwickeln, ihre individuellen Fortschritte machen können. An unserer Schule gibt es keine sonderpädagogischen Förderlehrer:innen und daher wird die Grenze dort gezogen, wo Förderschwerpunkte festgestellt werden. Wir bieten alle staatlichen Abschlüsse an und müssen zwar zielgleich unterrichten, doch die Grenzen sind weit. So bewegt sich mein normaler Unterrichtstag, für den ich allein die pädagogische und unterrichtliche Verantwortung als Klassenlehrerin trage. Eigentlich ist das mein Alltag und fühlt sich dadurch ganz normal und auch gar nicht schwierig an.

Erst, wenn Informationsveranstaltungen oder Tage der offenen Tür stattfinden und die Frage auftaucht: «Wie schafft man so etwas? Wie wird man allen gerecht? Es sind doch über 30?» Dann wird mir meist doch wieder bewusst, was eigentlich tagtäglich zu bewältigen ist.

Das Schöne an der Klassenlehrerzeit ist sicherlich die gewachsene Gemeinschaft und der vertraute Umgang mit jedem einzelnen Kind. Wir kennen uns einfach so gut. Ich sehe meine Klasse über Jahre jeden Tag und weiß um jeden einzelnen Lerntyp, Interessen und natürlich auch die Special Effects. Plane ich einen Unterricht, so läuft gleichzeitig vor meinem geistigen Auge ab, wer wie darauf reagieren wird – und wer was braucht, an Lernzugang, Ermutigung und Herausforderung, um ein Erfolgserlebnis zu haben.

In der ersten Klasse wird der große Grundstein der guten Gewohnheiten angelegt. Gemeinsame Routinen geben allen Sicherheit und helfen auch besonders, autistischen, hochsensiblen oder impulsiven Kindern, zur Ruhe zu finden. Diese Verlässlichkeit ist sehr wichtig, um offen für das Neue sein zu können und schlicht auch in der Kraft zu bleiben. So ein Schultag ist auf vielen Ebenen sehr anstrengend, insbesondere für neurodivergente Kinder. Sie profitieren oft besonders von Routinen, die Bewegung beinhalten. Bewegung setzt den Botenstoff Dopamin frei, der häufig bei Kindern mit ADS oder ADHS in geringerem Maße vorhanden ist, da er schneller abgebaut wird. Dopamin sorgt für bessere Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft. Im Rahmen meiner Weiterbildung zur Gesundheitspädagogin habe ich mich auf das Thema ADHS spezialisiert. Sind in der ersten Schulzeit die gemeinsamen Rituale und Routinen sicher angelegt, lassen sich zunehmend verschiedene Sozialformen kultivieren und dadurch eine Lernkultur aufbauen, in der Fehler, Helfer (eigentlich sind durch einen kleinen Buchstabentausch FeHler HelFer) und Nachfragen spannend und erwünscht sind.

Um Lernfreude zu wecken und zu bewahren, ist es wichtig, die Kinder selbstwirksam arbeiten zu lassen. Es sollte daher immer der Weg des Lernens im Mittelpunkt stehen, anstelle der reinen Ergebnisorientierung. Auf ihrem praktischen Lernweg, der Lebensbezug braucht, sammeln die Kinder wichtige Erfahrungen: Sie fassen selbst erarbeitetes Expert:innenwissen in Tierbüchern oder Reisetagebüchern zusammen, üben das Rechnen erst im Kaufladenspiel, Jahre später in kleinen Schüler:innenfirmen oder sie spielen Theater im geschichtlichen Kontext. Hier lebt der Unterrichtsstoff und genau dies brauchen die Kinder für ihre nächsten Entwicklungsschritte.

Die drei Lehrenden

Ich schaue gern über den pädagogischen Tellerrand und wenn ich auf interessante Methoden stoße, die meinen waldorfpädagogischen Unterrichtsalltag bereichern können, integriere ich gern das eine oder andere. Ich unterrichte insgesamt schülerzentriert. So nutze ich auch das Konzept der drei Lehrenden nach Loris Malaguzzi, einem der Begründer der Reggio-Pädagogik. In meinem Unterricht gibt es die drei Lehrenden nämlich ganz bewusst: Die ersten Lehrenden sind die Kinder selbst, die sich gegenseitig motivieren und unterstützen. Kinder lernen hervorragend von anderen Kindern, von denen sie sich etwas abschauen dürfen oder Erklärungen von Kindermund zu Kindermund bekommen. Ein Zugang zum Lerninhalt, der durch gegenseitige Hilfe kommt, ist stets gern gesehen und bringt letztendlich die ganze Lerngruppe voran. Schließlich sind die Kinder keine Konkurrent:innen, sondern Teamplayer. Sie wissen genau, wen sie was am besten fragen können. So gehören auch Wertschätzung und Anerkennung zum normalen Alltagsgeschehen.

Die zweite Lehrende bin ich, die den Unterricht organisiert, auf den Lebensbezug achtet und dabei viele Lernwege möglich macht. Im Ple-num wiederholen wir zunächst das Vorwissen, klären Fragen und die weitere Vorgehensweise, besprechen die Arbeit des Tages. Anschließend folgt dann eine Arbeitsphase, bei der die Kinder selbst entscheiden, ob sie allein, zu zweit oder in einer Kleingruppe arbeiten möchten. Alle Projekte und Aufgaben sind dann auf Selbstlernen ausgerichtet. So ist es mir möglich, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz zu tingeln und mich auch einmal längere Zeit Einzelnen zuzuwenden, die etwas mehr 1:1-Betreuung benötigen. Anschließend gibt es Zeit für die Ergebnissicherung.

Der dritte Lehrende ist der Klassenraum, der in liebevollem und altersgerechtem Ambiente gleichermaßen Rückzugs- wie Beratungsmöglichkeiten bietet. Ich habe im Laufe der Zeit, insbesondere seit dem Wegfall der Coronabeschränkungen, viele Dinge bewusst neu eingeführt oder geändert. So sind die Tische nicht mehr frontal ausgerichtet, sondern es gibt Plätze, an denen die Kinder sogar mit dem Rücken zum Raum sitzen. Unter diesen Plätzen befinden sich besondere Ruheplätze, die durch eine große Pflanze abgetrennt sind. Leicht ablenkbare wie auch rückzugsliebende autistische Kinder wissen dies zu schätzen. Gerade diese Kinder sind übrigens besonders gute Selbstlernende.

Wir haben weiterhin einen Klassensatz Stapelhocker, mit denen wir schnell zu einem Sitzkreis zusammenkommen können. Es gibt ein Körbchen mit verschiedenen Fidget-Toys wie Knetbälle und -ringe und ein Körbchen mit Ruhewürfeln, über die man mir auch ein Zeichen geben kann, wenn es Fragen oder Anmerkungen gibt. Die Würfel sind guter Zugang, um sich ohne Handzeichen zu melden und eignen sich sehr gut für autistische, schüchterne oder sprachgehemmte Kinder. Bei uns darf im Plenum, egal ob Erzählteil oder Klassengespräch, nebenbei ein wenig gemalt oder mit Radierknete geknetet werden. Ich habe bisher nicht die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Nebentätigkeiten im Unterricht ablenken. Eher können sie helfen, bei der Sache zu bleiben.

Zu unserer Raumausstattung gehören auch mobile Trennwände für die Einrichtung von Einzelarbeitsplätzen, auf die die Kinder selbst zurückgreifen dürfen. Es gibt auch Yogamatten für Kinder, die zwischendurch gern auf dem Boden arbeiten, gekniet oder im Sitzen. Nicht jedes Kind kann stundenlang auf harten Stühlen oder Hockern verbringen. Man darf übrigens auch ein eigenes, bequemes Kissen für den Stuhl mitbringen und in der Klasse lagern.

Last but not least gibt es einen Gong in der Klasse. Wenn dieser erklingt, wird die Arbeitslautstärke reduziert – nicht ich entscheide also allein, ob es zu laut ist. Jedes Kind, dem es gerade zu laut ist, darf dort hingehen und den Gong anschlagen. Das Zeichen gilt immer. Jedes Lautstärkeempfinden darf sein und wird akzeptiert.

Ich hoffe, man merkt, dass Binnendifferenzierung so viel mehr ist als die Menge oder der Schweregrad von Aufgaben. Und wenn man sie aufmerksam und mit vielen kleinen Stellschräubchen betreibt, braucht es kaum einen Mehraufwand für Kinder mit besonderen Bedürfnissen.

Der Vollständigkeit halber: Ich habe durch diese Arbeitsweise sehr viele Möglichkeiten – und doch kann ich manchmal nicht alles allein schaffen. Für ein neurodivergentes Kind in meiner Klasse gibt es eine Helferin.

Mein Lehrerinnenblick erfasst an jedem einzelnen Tag viele Dinge, zeigt aber auch Grenzen auf. Wenn die innerschulische Förderung nicht allein das ist, was die Kinder brauchen oder nicht im ausreichenden Rahmen zur Verfügung steht, kann zwischenzeitlich externe Hilfe nötig sein. Dies erfordert dann eine offene Gesprächskultur mit den Eltern. Die bei uns bestehenden Grenzen sind auch den Eltern bewusst, was es nicht immer einfach macht, Gespräche darüber zu führen. Das Bewusstsein für diese Grenzen bei aller Liebe und Beziehung zu bewahren und die gute Zusammensetzung der Lerngruppe insgesamt im Blick zu haben, ist eine große Verantwortung und Zukunftsaufgabe.

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