Ausgabe 06/26

Die Nein-Zauberei

Susanne Bregenzer

Zitat: «Wenn ich einfach nur «Ja» zu allem sage, dann stolpere ich durch mein Leben wie ein Spielball.«
 

Stille im Raum. Ausweichende Blicke. Verlegenes Lächeln. Sogar kurzes Kichern. Dann wieder Schweigen. Das Geräusch verhaltenen Atems. Jemand hustet. Und nichts. Wie bekommt man einen ganzen Raum voller Eltern in einer Sekunde zum Schweigen? Mit einer einfachen Frage: «Wer übernimmt die Basar-Organisation?» Irgendwann wird jemand einknicken, ganz sicher. Wird sich opfern und die Hand heben und «Ja» sagen. Ein gequältes Ja, weil sich sonst keiner meldet. 

Wir haben unendliche Möglichkeiten
 

Schon mit Sechzehn fand ich es anstrengend, das zu hören: «Ihr seid ja die Generation, die alles werden und alles sein kann.» Ernsthaft? Gibt es keine Grenzen? Nicht mal die geringste? Wie soll ich mich dann jemals für eine Sache entscheiden? Kann ich auch alles auf einmal sein und werden? Vom amerikanischen Botschafter bis zur Eiskunstlaufkönigin? Popstar und Mondraketeningeneurin? Mehrfach-Mutter? Top-Managerin? Politikerin und Klavier-Virtuosin? Echt? Wir Mütter lernen zudem, dass wir Beruf und Kinder heute problemlos vereinbaren können. Du kannst alles haben. Du musst nur einfach zwei, drei Leben führen, kein Problem. Das, was Mütter früher geleistet haben – fünf Kinder großgezogen, die Waldorfschule mit aufgebaut, Klassenausflüge begleitet und mit Märchenwolle ganze Universen gebastelt, Hausaufgaben betreut und immer frisch gekocht –, schaffen wir heute nebenher, weil wir nämlich gleichzeitig noch Architektinnen, Ingenieurinnen und Anwältinnen sind. Und alles lächelnd. Logisch. 

Wir zerfleddern
 

Wenn man alles sein und alles werden kann – überall mithelfen, jedes Angebot annehmen, jedes Problem lösen will, jedes Konzert besuchen, jeden Vortrag hören, jeden Klassenausflug mitbegleiten – schafft man dann eigentlich noch irgendwas? 
«Ich kriege nichts hin!» Dieses Gefühl kennen die meisten von uns, oder? Die Zeit ist rar, die Kraft reicht oft nicht und dann schleppt man sich halb schlafend zum Elternabend, zum Bastelnachmittag und zum Gartentag, erledigt hinterher noch seine Arbeit im Homeoffice, wäscht Wäsche bis zwölf Uhr nachts und wacht um drei Uhr morgens schweißgebadet auf, weil man noch keine gluten-laktose-zucker-eier-fett-freien Muffins gebacken hat.Irgendwann zieht der Körper eine Grenze und wird krank und wir ärgern uns über die vierte Grippe in diesem Halbjahr und das Gefühl, eigentlich überhaupt nicht mehr richtig gesund zu werden. Zuviel «Alles». Wir können nicht mehr. 

Halten wir auf die Anfrage hin: «Gehst du heute auch zu diesem tollen Vortrag in der Schule?» kurz inne und denken darüber nach, was das bedeutet. Ich würde also zu diesem Vortrag gehen, der beginnt um 17 Uhr. Das bedeutet, ich kann nicht frisch kochen. Ich kann vermutlich meinem Jüngsten nicht das Buch weiter vorlesen und nicht Geige üben. Alle diese Dinge tue ich aber gerne. Der Vortrag wäre auch spannend. Ich muss mich entscheiden. Ich habe nicht alle Optionen. Und wenn ich einfach nur «Ja» zu allem sage, dann stolpere ich durch mein Leben wie ein Spielball der Anfragen und Anforderungen und werde vermutlich nie zufrieden sein oder ankommen. 

«Nein, zu diesem Vortrag gehe ich nicht.» Das ist ein Nein. Und ein Ja zu mir selbst. Ich freue mich plötzlich. Ich kann in Ruhe kochen, meinem Jüngsten vorlesen und Geige üben. Ich verpasse den Vortrag, ja, das ist schade. Und es ist eine Entscheidung. Denn je mehr Dinge ich nicht tue – desto mehr kann ich tun. Die Zeit wird größer, weiter. Plötzlich sagen Leute zu mir: «Wie schaffst du das, Bücher zu schreiben und Geige zu üben?» Und ich werde ganz verlegen und beginne zu rechtfertigen: «Naja, das ist gar nicht so toll, das geht nebenher, war gar nicht so viel Arbeit ...» Aber die ehrliche Antwort wäre: «Ich schaffe das, weil ich andere Dinge nicht tue.» Und das sind eine ganze Menge. Mehrere Leben voller Dinge, die ich nicht tue. Universen voller Dinge, die ich nicht habe. Galaxien voller Dinge, die ich nicht bin. Einen Vortrag abzulehnen ist ja noch leicht. Aber was ist mit den Dingen, hinter denen viel mehr Druck steht? Was ist zum Beispiel mit der Basar-Organisation? Die Stille zieht sich. Was, wenn keiner sich meldet, um die Basar-Organisation zu übernehmen, was dann? Der Druck im Raum steigt. Er wird immens. Wie in einem Dampfkochtopf jetzt. Gleich geht er in die Luft!

Unperfekt glücklich sein
 

Vielleicht sagen wir Ja zu Dingen, die wir gar nicht wollen, um anerkannt zu werden, um geliebt zu werden. Ja, natürlich kümmere ich mich um die Kuchen fürs Buffet, ja natürlich passe ich auf dein Kind auf und natürlich helfe ich hinterher noch aufräumen. 
Doch ist es wirklich Liebe, die wir durch ein solches Ja ernten? Ist es nicht eher eine Art mieser Kuhhandel? Ich hab mir vorgestellt, die Eltern würden einfach weiter schweigen, in der Szene auf dem Elternabend. Was würde dann passieren? Was würde passieren, wenn sich einfach niemand von dem Druck erdrücken ließe und keiner sich melden würde?

«Dann würde es eben kein Basar-Angebot geben», sagt mein Mann. Das wäre radikal. Und es würde ja auch etwas fehlen, vermutlich. Vielleicht müssen wir hier mit der Möglichkeit Freundschaft schließen, dass die fünfte Klasse in diesem Jahr keinen Märchenwald hat. Vielleicht reicht auch die Hälfte von «Alles», vielleicht können wir auch unperfekt glücklich sein. Oder gerade dann? 

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