Bild oben: Singen im rhythmischen Teil im Hauptunterricht in der Unterstufe. Bild unten: Singen in der Oberstufe einer Waldorfschule.
Die Stimme ist unser ureigenes, unverwechselbares Instrument. Wir bringen es mit, wenn wir mit dem ersten Schrei auf die Welt kommen, und wir geben es ab, wenn wir uns mit einem letzten Seufzer wieder von ihr verabschieden. Dabei verändert sie sich stetig, ebenso wie wir uns verändern. An der Stimme lässt sich ablesen, wie alt wir sind, wo wir herkommen und in welcher Verfassung wir uns gerade befinden. Die Stimme ist unsere hörbare Visitenkarte – wir präsentieren sie täglich bei jedem Laut, den wir sprechen und bei jedem Ton, den wir singen.
Beim Singen und Sprechen wirken Körper, Seele und Geist eng zusammen. Der Körper bildet die Basis, das Instrument. Vor allem mit der Singstimme können wir die gesamte Palette seelischer Empfindungen – von Freude und Liebe bis zu Trauer, Furcht und Wut – differenziert ausdrücken. Mithilfe der Sprache vermitteln wir inhaltliche Aussagen und geistige Botschaften. So ist die Stimme das stärkste Ausdrucksmittel unserer Persönlichkeit, zugleich ein wirkmächtiges Werkzeug unserer Selbstvergewisserung. Ich singe, also bin ich! Singen macht Mut – und Singen macht glücklich.
Ein feines Zusammenwirken
Bereits die Sprechstimme hat einen unverwechselbaren Klang, an dem wir einen Menschen sogleich wiedererkennen. Vier Faktoren tragen dazu bei. Da ist zunächst die Vererbung; sie bestimmt über die körperliche Anlage der Stimmorgane – daher können zum Beispiel Töchter und Mütter am Telefon verwechselt werden. Außerdem prägt die Sozialisation in Familie und Umfeld; sie führt dazu, dass Kinder bestimmte Sprechgewohnheiten ihrer Bezugspersonen übernehmen. Bedeutsam ist ebenso die Kultur im weiteren Sinn, die sich im lokalen Akzent, in Dialekten und Soziolekten ausprägt und zum Beispiel bereits auch in der Tonlage zeigen kann – so sprechen Frauen in stärker emanzipierten Ländern nachweisbar tiefer. Nicht zuletzt nimmt auch die persönliche Biografie Einfluss; einschneidende Lebenserfahrungen können subtile Spuren in der Sprechstimme hinterlassen. Diese vier Faktoren wirken sich auch auf die Singstimme aus.
Gesangspädagogische Tradition und neuere Stimmforschung betrachten die Stimme als ein ganzkörperliches Instrument, das aus drei Teilen besteht: aus dem Atemorganismus im Rumpf, aus dem stimmerzeugenden Teil im Kehlkopf und aus dem klangformenden Teil im Mund- und Rachenraum. Wir sprechen von drei Funktionsbereichen der Stimme, die je für Haltung und Atmung, Tonhöhe und Lautstärke, Artikulation und Resonanz verantwortlich sind. Erst das Zusammenwirken dieser Faktoren ergibt die Gesamtwirkung der Sprech- und Singstimme. Professionelle Stimmausbildung ist ein gedulderfordernder Schulungsweg, der ausgewogenes Timbre, sichere Intonation, ausgeglichenes Vibrato, hohe Beweglichkeit und dichtes Legato zum Ziel hat. Diese Qualitäten können bereits beim Singen mit Kindern und Jugendlichen angelegt werden, auch in der chorischen Stimmbildung.
Jeder Mensch kann singen! Denn jeder Mensch hat die körperliche Anlage zum Singen mitgebracht, sozusagen den grundlegenden «Bausatz» des Instruments Stimme. Zum Singen braucht man keine besondere Begabung. Wohl ist jede Stimme anders – und manche Menschen bringen eine als besonders schön empfundene Stimme mit. Aber überall auf der Welt wird gesungen. Und jeder Mensch ist dazu eingeladen, in den großen Chor der Menschheit einzustimmen.
Empfänglich für Laute und Töne – von Anfang an
Am besten ist es, so früh wie möglich mit dem Singen zu beginnen. Da sich das Ohr als erstes Sinnesorgan im Mutterleib ausprägt, ist der werdende Mensch bereits früh für Laute und Töne empfänglich. Im Alter von drei bis vier Jahren wird beim kleinen Kind die Verbindung von Kehlkopf und Ohr gestärkt, es kann dann Tonhöhen und Melodiefolgen nachsingen. Versäumt die kindliche Singstimme diese prägende Phase, so können manche Kinder später nur auf Sprechtonhöhe «mitbrummen». Dies kann mit gezielten Mitteln behoben werden, am besten frühzeitig. Doch selbst bei Erwachsenen kann eine «verschüttete» Singstimme mit Geduld noch geborgen und gefördert werden.
Beim Singen mit Kindern ist es für Erwachsene unbedingt erforderlich, in der höheren, kindgemäßen Lage vor- und mitzusingen, um den kindlichen Stimmorganismus nicht zu schädigen und den Zugang zum Kopfregister zu erhalten. Auch Jugendliche sollten nicht nur Songs tiefer stimmlicher Vorbilder covern, sondern ihren gesamten Stimmumfang nutzen, um Registerbrüchen vorzubeugen. Denn wenn ein schweres Register zu weit nach oben «geschoben» wird, so kommt die Stimme an ihre Grenze. Irgendwann «bricht sie», das heißt, die folgenden höheren Töne sind dünn, verhaucht und kernlos. Stimmbildung strebt den bruchlosen Übergang von einem Register ins nächste an. Dazu ist ein frühzeitiges Beimischen des leichteren Registers nötig. Die Sprechstimme funktioniert im Prinzip genau wie die Singstimme, denn sie nutzt ja denselben Körper als Instrument. Allerdings unterscheidet sich die Sprechstimme in Tonumfang, Tonhöhe, Atemdauer und Artikulation von der Singstimme: Sie hat einen deutlich kleineren Tonumfang und bewegt sich im unteren Bereich der Singstimme. Beim Sprechen sind die Töne in gleitender Bewegung, beim Singen werden sie gehalten. Beim Singen sind die Atemphrasen wesentlich länger als beim alltäglichen Sprechen, und die Vokale – als die eigentlichen Klangträger – werden deutlich verlängert. Man könnte vereinfacht sagen: Singen ist ein gedehntes Tönen – und eher auf Klang, Melodie und Emotion ausgerichtet; Sprechen ist ein reduziertes Tönen – und stärker auf Worte, Information und Rhythmus ausgerichtet.
Wir unterscheiden zwischen einer «natürlichen», ungeschulten Singstimme und einer geschulten Singstimme. Ebenso unterscheiden wir auch zwischen einer «alltäglichen» Sprechstimme und einer geschulten, tragfähigen Sprechstimme. Letztere kommt in Sprechberufen – wie auch dem Lehrberuf – täglich zum Einsatz. Die Kultur der geschulten Sprechstimme hat sich in den letzten 100 Jahren erkennbar verändert. Während sie früher näher am Singen angesiedelt war, ist sie heute deutlich nüchterner geworden. In der Vokalmusik sind stilistische Formen mit unterschiedlicher Gewichtung von Klang und Sprache entstanden, die gleichwertig und kontrastreich nebeneinander existieren. Sie reichen von der melodiegetragenen Arie über Zwischenformen des Sprechgesangs bis hin zum sprachbetonten Rezitativ, von der textlosen Singübung nur mit Vokalen, der Vokalise, bis zum rhythmisch-konsonantischen Rap.
Beim Sprechen nutzen Männer und Frauen vorwiegend ihr Brustregister. Da Männer auch weitgehend im Brustregister singen, ist für sie der Wechsel zwischen Singen und Sprechen relativ problemlos. Frauen singen jedoch in einer höheren Lage, nämlich im Mittel- und Kopfregister, daher stellt für sie der häufige Wechsel zwischen Sprechen und Singen eine große Herausforderung dar. Dies kann besonders im Musikunterricht zu Problemen führen: Hier sind Kenntnisse und Strategien erforderlich. Der Lehrberuf ist einer der am stärksten fordernden Sprechberufe und die Stimme das kostbarste Werkzeug. Daher sollten Lehrer:innen hilfreiche Kenntnisse über die Stimme besitzen, eine solide stimmliche Ausbildung erfahren haben und ihre Stimme im Berufsleben stetig weiter pflegen, bei Bedarf mit rechtzeitiger stimmtherapeutischer oder logopädischer Unterstützung.
Der Atem als Schlüssel
Belastbarkeit, Gesundheit und Tragfähigkeit einer Stimme hängen wesentlich von der Atmung ab. Viele stimmliche Probleme haben ihre eigentliche Ursache in der Atmung. Leider kann die ergonomisch wirksame Tiefatmung heute bereits bei kleinen Kindern nicht mehr vorausgesetzt werden. Daher darf sie auf spielerische Weise beim Sprechen und Singen auch in Kindergarten und Grundschule angeleitet werden. Bei Erwachsenen gehört die Atemschulung in jedem Fall zur Ausbildung der Sprech- und Singstimme hinzu. Zum einen, da Lehrende mit ihrem Vorbild nachweisbar prägend auf die Atmungs- und Stimmorgane ihrer Schüler:innen einwirken, zum anderen zum Schutz für ihre eigene, vielbelastete Stimme. Sprechen und Singen sind gesund – und können gesund machen.
Dies wird beim Singen zum einen spürbar bewirkt durch das Zusammenwirken der verschiedenen Körperorgane, zum anderen durch die gleichzeitige Beteiligung von Körper, Seele und Geist. Der Atem als Vermittler spielt dabei eine zentrale Rolle. Wie oben bereits erwähnt, wird beim Singen die Ausatmungsphase verlängert, dabei nimmt die Körperspannung zu. Dies mag einer der Gründe dafür sein, dass Menschen, deren Redefluss gestört ist, die also zum Beispiel beim Sprechen stottern, dies beim Singen nicht tun. Auch bei fortschreitender Demenzerkrankung kann das Singen eine heilsame Wirkung entfalten. Liedtexte, die in der Jugend gelernt wurden, also im Langzeitgedächtnis abgespeichert sind, können beim Singen noch vollständig erinnert werden, selbst wenn sich beim Sprechen bereits erhebliche Wortfindungslücken aufgetan haben. Unterschiede zwischen Sprechen und Singen sowie die positive Wirkung des Singens können heute aufgrund neurowissenschaftlicher Erkenntnisse detailliert erklärt werden.
Klassische Stimmbildung ist Balance-Training
Im Musikunterricht an Schulen wird derzeit verstärkt die Frage nach der Stilrichtung gestellt, in der gesungen werden kann. Jugendliche lassen sich heute offenbar besser mit Pop und Jazz abholen. Aber sollte man deshalb ganz auf das klassische Gesangsrepertoire verzichten? Das Wesentliche der sogenannten klassischen Gesangstechnik besteht darin, in jeder Stimme Balance herzustellen: durch das Singen mit ausgewogener Atemführung, in unterschiedlichen Lautstärkegraden, im gesamten Tonumfang, in der stufenlosen Verbindung der Register, im Ausgleich zwischen Konsonanten und Vokalen, durch die Nutzung verschiedener Resonanzräume. Nachdem die unverstärkte Stimme auf diese Weise ihre Mitte und Balance gefunden hat, kann sie uneingeschränkt in allen Stilrichtungen eingesetzt werden. Auch für die Sprechstimme wird eine solche Balance angestrebt, an der sich auch jede logopädische Arbeit orientiert. Daher haben klassische Stimmbildung und klassisches Repertoire für die Singstimme nach wie vor einen unersetzlichen Wert.
Auf diese Weise kann die Pflege der Sing- und Sprechstimme, die im Lehrplan der Waldorfschulen fest verankert ist und traditionell zu deren besonderen Qualitätsmerkmalen gehört, auch unter den heutigen Bedingungen gewährleistet werden – mit den verfügbaren Kenntnissen und im kreativen Umgang mit den vielseitigen Möglichkeiten, die die Stimme bietet.
Unsere unverwechselbare, unglaublich wandlungsfähige Stimme ist ein wertvolles Geschenk, das unter kenntnisreicher, fantasievoller Zuwendung auch weiterhin dankbar aufblühen wird.
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