Ausgabe 09/26

Die Wandertagung der Waldorfhorte

Antje Koch
Nieselregen und Lagerfeuer in Leipzig. Bildquelle: Thomas Hartung
Konzentrierte Gruppenarbeit bei der Wandertagung der Hortner:innen in Leipzig. Bildquelle: Thomas Hartung

«Herzlich willkommen in Leipzig, Berthastraße!»: Als sich zur diesjährigen Wandertagung der Horte der Waldorfschulen Deutschlands rund 90 erwartungsvolle Menschen in der Aula versammeln, liegt ein besonderes Knistern in der Luft. Für viele Teilnehmende ist es mehr als eine Tagung. Es ist ein Wiedersehen, ein Aufatmen, ein Ankommen in einem Format, das lange gefehlt hat: Zeit für echten Austausch über Hortpraxis, Ganztagsbetreuung und pädagogische Haltung.

Dass Leipzig Gastgeberort wurde, ist Ergebnis einer Entwicklung, die bereits im Sommer 2024 begann. Seitdem treffen sich die Hortteams der drei Leipziger Waldorfschulen regelmäßig zu einer gemeinsamen Konferenz. Eine feste Konferenzleitung und Moderation sorgt für Struktur, für eine Themenliste und für Verbindlichkeit. Im Mittelpunkt stehen dabei der Alltag in den Einrichtungen, Impulse aus Fortbildungen und überregionalen Treffen sowie das gemeinsame Bewegen pädagogischer Fragen. Hospitationen gehören inzwischen ebenfalls dazu – als Praxis der kollegialen Beobachtung und Reflexion.

Aus dieser Zusammenarbeit wuchs der Wunsch, über die Stadt hinaus in Kontakt zu kommen. In der Region Mitte-Ost tagt rund um den Jahreswechsel traditionell eine Regionalkonferenz, die zuvor vor allem auf Lehrer:innen und Geschäftsführer:innen ausgerichtet war. Leipzig brachte den Impuls ein, auch die Horte der Region einzuladen – mit Erfolg: Beim ersten Treffen waren sieben Horte dabei, mittlerweile sind fast immer alle vertreten. 

Auch hier trägt ein klares Konzept: Einstieg mit Berichten aus dem Alltag, anschließend Arbeit an wechselnden Themen. In diese Runde floss schließlich eine Idee ein, die aus Kassel mitgebracht worden war: die Wandertagung. 

Im März 2025 fiel bei einer gemeinsamen Konferenz die Entscheidung, dieses bundesweite Format wiederzubeleben und selbst auszurichten. Vor der Pandemie hatte die Wandertagung jährlich stattgefunden und war – ihrem Namen entsprechend – durch Deutschland gewandert. Dann stagnierte das Projekt. Leipzig wollte sie zurückholen: nicht als klassische Weiterbildung, sondern als Treffen mit viel Raum für Begegnung, Austausch und gemeinsames Nachdenken, ergänzt durch Angebote und einen Impuls.

Vernetzung als Motor
 

Unser Organisationsteam setzte sich früh ein konkretes Ziel: Spätestens zur Fachtagung in Mannheim sollte ein tragfähiger Plan stehen – Termin, Konzept, Handzettel. Dieser Meilenstein gelang. In der anschließenden Feinplanung wurde das Profil geschärft. Zentral war die Erfahrung aus der Region: Nachmittags- und Ferienbetreuung ist in vielen Einrichtungen gelebte Normalität. Angesichts der Initiative zur Ganztagsbetreuung sollten diese Erfahrungen sichtbar werden – und zugleich andere Kolleg:innen ermutigt werden, regionale Vernetzung und kollegiale Reflexion selbst anzustoßen.

Dass eine Veranstaltung dieser Größe gelingt, zeigt sich selten nur im Programm. In Leipzig trugen viele mit: Küchenteam, Hausmeisterei, Eltern – Menschen, die große Tage möglich machen, indem sie im Hintergrund das Fundament legen. Im Dezember gingen Flyer und Plakate dann buchstäblich in alle Winkel Deutschlands. Und auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Mannheim Ende Januar war das Leipziger Team präsent. Ganztagsbetreuung war dort ohnehin ein Hauptthema – und danach füllte sich die Anmeldeliste rasant. 

Am 12. März traf sich das Organisationsteam ein letztes Mal. Eine schlaflose Nacht später war es so weit: 90 Menschen trugen sich in Listen ein, um Angebote zu wählen, die bewusst nicht nach Seminarraum klangen, sondern nach Erfahrung und Gemeinschaft: Zirkusworkshop, Bogen­schießen, Yoga für die Seele, Schnitzen am Lager­feuer, Filzen, Tanz «für Klein und Groß».

Impulse, Musik und Praxisgespräche


Einen ersten inhaltlichen Auftakt setzte Marcus Erb-Szymanski mit einem Impuls zum Hort als Lebensraum. Er sprach über Erfahrungen aus der Schulgründung in Rackwitz und über ein Konzept, in dem Klassenteams übergreifend zusammenarbeiten. Schnell wurde daraus mehr als ein Vortrag: Die Teilnehmenden griffen Gedanken auf, verglichen Modelle, erzählten aus den eigenen Einrichtungen – der Austausch bekam Tempo.

Vor dem Abendessen füllte sich die Aula erneut, diesmal mit Stimmen: Auf Einladung des Musiklehrers Gregor Preatorius aus der Karl Schubert Schule Leipzig begann ein vielstimmiges Singen. Lockerungs- und Stimmübungen lösten Anspannung, und bald war zu hören, wie sich aus vielen Einzelstimmen ein gemeinsamer Klang formte. Der Abend klang danach auf unterschiedliche Weise aus – am Feuer oder bei einem Streifzug durchs Leipziger Nachtleben.

Der Samstagmorgen begann wieder musikalisch – und führte dann in die Fragen der Praxis. Sylvia Ramp, Dozentin der Freien Fachschule Berlin, entfaltete in ihrem Vortrag ein breites Panorama dessen, was Ganztagsbetreuung gelingen lässt: Zusammenarbeit in Klassenteams, Themen der Kinder, Mahlzeiten, Bewegung, freies Spiel, Unterricht, Chancengleichheit, Individualität, Elternkooperation und vieles mehr. Anschließend arbeiteten die Teilnehmenden in Gruppen an drei Leitfragen: Was ist in der Praxis bereits umgesetzt? Wo zeigen sich Grenzen? Und was wäre als Nächstes wünschenswert?

In diesen Gesprächen lag eine spürbare Intensität – so sehr, dass Zeitpläne und selbst das Mittagessen für einen Moment in den Hintergrund rückten. Nach der Pause ging es in die Kurse, und überall waren konzentrierte, begeisterte Gruppen zu sehen. Selbst einsetzender Nieselregen tat der Stimmung keinen Abbruch: Am Lagerfeuer rückten die Schnitzenden enger zusammen, nach dem Bogenschießen half Tee und Kuchen beim Aufwärmen. Das Organisationsteam beobachtete eine Dynamik, die sich nicht planen lässt, aber das Herz solcher Treffen ausmacht: Teilnehmende und Anleiter:innen befruchteten sich gegenseitig, freuten sich über Ergebnisse – und vor allem über Begegnungen.

Am Ende dieses erlebnisreichen Nachmittags kamen alle noch einmal in der Aula zusammen, um Eindrücke zu teilen. Über dem Raum lag eine Frage, die nicht als rhetorische Pointe, sondern als echte Perspektive gemeint war: Dieses Format soll weiterwandern. Wohin die Reise im kommenden Jahr geht, blieb offen – doch der Wunsch nach Fortsetzung war deutlich spürbar. 
 

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