Anmerkung der Redaktion: Sollten Sie bestimmte Begriffe in diesem Text noch nicht kennen, finden Sie im Anschluss ein Glossar.
Nehmen wir zum Beispiel Fingernägel: natural, French Manicure, coloured oder Stiletto-Nail-Art. Oder nur den kleinen Fingernagel lang, die anderen kurz. Was sagt Nagelpflege über die Identität einer Person aus? Wer von denjenigen, die zu den Boomern, zur Generation X oder den Millennials gehören, hat sich nicht schon dabei ertappt, beim Blick auf künstliche Nägel und Wimpern Rückschlüsse auf den Charakter einer Person zu ziehen?
In der sexuellen Bildung gehen wir heute vom vierdimensionalen Geschlecht aus: Neben der Biologie gibt es Identität, Ausdruck und Orientierung. Früher herrschten, so scheint es, Kongruenz und Eindeutigkeit: Ein Mensch mit Vulva verstand sich als Frau, kleidete und verhielt sich weiblich und begehrte Männer. Heute darf alles infrage gestellt werden, es darf gespielt und irritiert werden. Was für Fingernägel gilt, lässt sich ebenso auf Kleidung, Schmuck und Make-up übertragen. Verhalten und Sprache sind dabei vielleicht bessere Hinweise auf die Identifikation mit einer sogenannten typischen Geschlechterrolle. Doch wie sehr können wir überhaupt noch vom Phänomen auf das Sein eines Menschen schließen? Wie ambivalent kann ein Mensch sein?
Selbstoptimierung und Gegenurteile
Sich über Aussehen, Verhalten und Mode nachfolgender Generationen zu amüsieren oder sich darüber zu echauffieren, ist nicht neu. Das Urteil ist schnell gefällt, und zwar auf beiden Seiten. Als Lehrkraft halte ich die Extreme rollenspezifischer Selbstoptimierung für oberflächlich: Haar-, Wimpern- und Nagel-Extensions, ein Instagram-Filter-Look und der sogenannte Clean-Girl-Style auf der feminin gelesenen Seite, sowie Looksmaxxing, Chad-Facing und Mewing auf der maskulin gelesenen Seite. Schüler:innen wiederum finden es oberflächlich, vom äußeren Erscheinungsbild auf den Charakter zu schließen. Zu Recht. «Mein konservatives Outfit macht mich nicht zu einem Trad.» – «Mein sexy Styling bedeutet nicht, dass ich cis oder hetero bin.» – «Ich bin trotz Kopftuch Feministin.»
Modegeschichte: Von klaren Codes zur Vermischung
Lange Zeit in der Geschichte der Menschheit war Mode, also Farben, Schnitte, Stoffe und Frisuren, ein Abbild des gesellschaftlichen Standes oder zumindest der individuellen Persönlichkeit. Dabei gab es neben geschlechtlicher Binarität durchaus auch Genderfluidität. Die Literatur ist voller Beispiele und das Kunstmuseum Basel zeigt diesen Sommer die Ausstellung The First Homosexuals. Auch ich habe viele Jahre damit verbracht, auszuprobieren, welcher Stil meine Persönlichkeit zum Ausdruck bringt. Es gab Hippies, Ökos, Skinheads, Goths, Hipster, Raver, Indies und Emos. Es gab Grunge und Hip-Hop. Es gab klare visuelle Grenzen, die auf eine politische Haltung, eine soziale und geschlechtliche Identität oder zumindest auf den Musikgeschmack verwiesen.
Rollback-Frage im Schulalltag
Diese Zuordnungen haben sich durch die Gleichzeitigkeit und Vermischung aller Genres aufgelöst. Die Komplexität und Vielfalt von Selbstbildern, Zuschreibungen, Moden, Musikrichtungen und Optimierungswerkzeugen ist unüberschaubar. Jede Person kann jederzeit irgendwie aussehen und morgen ganz anders, und das heißt gar nichts. Gibt es dennoch Hinweise auf einen Rollback in ein christlich-konservatives Patriarchat, wie es vielerorts befürchtet wird? Neben dem Kunstunterricht bietet auch die Sexual- und Beziehungskunde Gelegenheit zum Austausch über Rollenverhalten. Im Stuhlkreis mit einer Mittelstufenklasse zeigen sich Männlichkeitsattitüden zum Beispiel durch Manspreading. Die Aufforderung an alle, einmal die gegenteilige Sitzposition einzunehmen, also breitbeinig zu sitzen oder die Beine übereinanderzuschlagen, sorgt für unmittelbare Erkenntnisse über geschlechtstypisches Rollenverhalten. In Workshops werden die Positionen der Mitschüler:innen physisch sichtbar, etwa mithilfe von Gewaltbarometer, Raumskala sowie Übungen zu Einvernehmlichkeit und Distanzzonen. Hier gibt es für die Schüler:innen zum ersten Mal in der Schulzeit Gelegenheit, eigene Normen zu reflektieren: Warum habe ich bestimmte Schönheitsvorstellungen? Ist es wirklich okay, sexistische Witze einfach zu ignorieren? Würde ich einen ethisch vertretbaren, feministischen Pornofilm konsumieren? Während dieser Unterrichtseinheiten beobachten die Schüler:innen untereinander ziemlich genau, wer interessiert zuhört, wer sich schon gut auskennt und wer mit flapsigen Sprüchen Gefühle verdeckt. Und manchmal meldet sich auch einer der stillen Jungen, stellt eine kluge Frage und zeigt dabei Ernsthaftigkeit und Sensibilität.
Dynamik im Kunstraum
Die lockere, bewegte Stimmung des Kunstunterrichts führt zu Dynamiken und Gesprächen, die in anderen Fächern weniger wahrnehmbar sind. Hier kann man geschlechtstypisches, aber auch gendersensibles Verhalten einzelner Schüler:innen erkennen. Manchmal interveniere ich und frage die jungen Frauen: «Sagen Sie mal, finden Sie das okay, dass hier jetzt drei Männer den Ton angeben? Nervt das nicht?» – «Ja schon, aber so waren die schon in der ersten Klasse, da ändert sich nichts mehr.» Dieser Satz lässt sich vielseitig interpretieren. Steckt dahinter eine Haltung der Akzeptanz, wie sie an Waldorfschulen durch die lange gemeinsame Schulzeit angeblich entsteht? Oder hat die Gruppe aufgegeben, bestimmtes Verhalten zu reglementieren, und toleriert das Unveränderbare? Sind Rollen nach zehn Jahren so festgefahren, dass kein Korrektiv mehr wirkt?
Eine andere Antwort lautet: «Ist okay, irgendwer muss ja entscheiden, welche Musik wir beim Arbeiten hören wollen.» Zunächst ist das pragmatisch. Doch liegt dahinter nicht auch die Abgabe von Verantwortung? Zudem darf eine Person sich dann tolerant und unkompliziert nennen. Ist das nicht schon der Anfang eines sogenannten Tradwife-Trends im Stil der Fünfzigerjahre? Manchmal antworte ich: «Lassen Sie sich das nicht gefallen. Sagen Sie Ihre Meinung. Seien Sie nicht so people-pleasing.» Ich gewöhne mir an, das nicht nur den jungen Frauen zu sagen, sondern genauso den jungen Männern, die keine typisch männlichen Verhaltensweisen zeigen und zurückhaltend an ihrem Kunstwerk arbeiten. Denn das ist auch eine Aufgabe von Lehrpersonen: den Schweigenden eine Stimme zu geben, die Friedfertigen zu stärken und dafür zu sorgen, dass nicht immer die Lautesten gehört werden müssen, ganz gleich, ob weiblich, männlich oder nonbinär. Mit meiner feministischen Haltung möchte ich ein Role Model sein, frage mich aber zugleich, ob diese eher kämpferische Haltung heute noch angemessen ist. Schließlich beanspruchen auch Tradwives, Content Creator:innen, OnlyFans-Pornfluencer:innen oder Divine Feminists bestimmte Werte oder Aspekte des Feminismus für sich. Nachdem die ersten drei Wellen des Feminismus einigermaßen klare Ziele hatten, ist die vierte Welle nach #MeToo uneindeutiger und richtungsloser.
Generationsdialog: neue Erwartungen
Als meine Tochter nach dem Abitur ihren ersten Job in der Gastronomie annimmt, beklagt sie sich über einige männliche Mitarbeitende, die sich bei jeder Gelegenheit um Arbeit drücken, während sie am Tresen rotiert. Mit der Intention, sie zu stärken, sage ich, sie solle energisch ihre Meinung äußern und sich nichts gefallen lassen. Ihre Antwort ähnelt denen der Schü-
lerinnen im Kunstunterricht: «Soll ich diese Typen jetzt noch erziehen? Warum liegt es in der Verantwortung der Frau, dem Mann zu sagen, wie blöd er sich verhält? Das ist verschwendete Energie.» Ich kann diese Haltung verstehen. Daraus spricht das tiefe Genervtsein darüber, dass es nach Jahrzehnten der Gleichberechtigung immer noch unachtsame Menschen gibt, die über die Bedürfnisse anderer hinweggehen. Daraus spricht auch Kraftlosigkeit, eine Müdigkeit, noch für etwas kämpfen zu sollen. Vielleicht spricht daraus auch der Unwille junger Frauen, Verantwortung für eine gesellschaftliche Entwicklung zu übernehmen, in der Männer bisher nicht aktiv genug waren.
Zeitgleich verschiebt sich das Alter, in dem junge Menschen das erste Mal Sex haben, weiter nach hinten. Aktuell liegt es im Durchschnitt bei neunzehn Jahren. Ist das ein Zeichen dafür, dass «das erste Mal» kein Gütesiegel mehr für Attraktivität ist? Dass es nicht mehr um den klassischen Geschlechtsakt geht, sondern um körperliche und seelische Nähe, jenseits von Geschlechterrollen? Sind alle entspannter geworden oder stecken dahinter Beziehungsunfähigkeit und Bindungsangst?
Ich frage meinen siebzehnjährigen Sohn, wie das grundsätzlich mit der Paarbildung unter seinen binären und nonbinären Friends läuft, und gebe zu, dass ich die Verhältnisse nicht so recht durchschaue. Seine Antwort: «Solange man über seine Bedürfnisse spricht und einvernehmlich handelt, ist eigentlich alles okay.» Was für ein einfacher, leichter Umgang mit Beziehung. Können wir das nicht auf die ganze Gesellschaft übertragen?
Ausblick: Befähigung statt Zuschreibung
Vielleicht liegt eine Lösung für ein respektvolles, wertschätzendes Miteinander zwischen allen Geschlechtern: Wenn Kinder und Jugendliche befähigt werden, unangemessenes Verhalten zu sehen und anzusprechen, wenn sie Wahrnehmungen und Gefühle so ausdrücken, dass niemand bloßgestellt wird, dann entwickeln sie sich aneinander und miteinander, selbstbestimmt, weltoffen, wertschätzend und freilassend. Voraussetzung dafür ist jedoch ein Bewusstsein unter Lehrer:innen, insbesondere unter cis Männern, die Vorbild sein dürfen, indem sie zum Beispiel das Klassenzimmer liebevoll pflegen und sich dabei selbst reflektieren, als Privatperson und als Lehrperson. Feminismus und die Auflösung patriarchaler Strukturen sind keine Angelegenheit für die eine Hälfte der Menschheit, sondern für alle. Die Auswirkungen werden gesellschaftsprägend und politisch sein. Und vielleicht brauchen wir dann keine Labels mehr, weil wir Menschen sind: einzigartig, vielleicht sogar göttlich, egal, was wir tragen, wie wir uns stylen und mit welcher Rolle wir uns identifizieren.
Glossar:
Boysober: TikTok-Trend: freiwillige Abstinenz von Frauen: kein Dating, Sex, Flirts.
Chad-Facing: Internet-Stereotyp: sehr attraktiver, selbstbewusster, sozial dominanter Mann.
Cisgender: Geschlechtsidentität entspricht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht.
Clean-Girl-Style: Minimalistischer Beauty-Trend: natürlich, gepflegte Haut, schlichte Eleganz.
Content Creator:innen: Menschen, die Inhalte für digitale Plattformen kreativ produzieren.
Divine Feminine: Spirituelles Konzept weiblicher Qualitäten – Fürsorge, Intuition, Verbindung.
Grooming: Erwachsene bauen Vertrauen auf, um Minderjährige sexuell zu missbrauchen.
Looksmaxxing: Aussehen «optimieren», teils mit extremen Methoden und Routinen.
Manspreading: Breitbeinig sitzen und dadurch auf Sitzplätzen übermäßig Raum beanspruchen.
Mewing: Zunge am Gaumen; soll Kieferlinie und Gesichtsform beeinflussen.
OnlyFans-Pornfluencer:innen: Amateurporno-Darsteller:innen, die Inhalte selbst vermarkten wie Influencer:innen.
People-pleasing: Eigene Bedürfnisse zurückstellen, um zu gefallen und Konflikte vermeiden.
Trad/Tradwife: Rückkehr zu 1950er Rollen: Mann Ernährer, Frau Haushalt.
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