Für manche Schüler:innen liegt auf den ersten Blick nichts ferner, als im elften Schuljahr allein auf einer Bühne zu stehen und die eigene Stimme zu erheben. «Was passiert, wenn die anderen lachen? Wenn ich schief singe oder gar keinen Ton herausbekomme? Ich kann und werde nicht singen», sagen die einen. Die anderen hoffen: «Endlich werde ich entdeckt. Endlich kann ich zeigen, was in mir steckt.» Bei zirka 20 Schüler:innen einer elften Jahrgangsstufe können die einzelnen im Durchschnitt höchstens drei Stunden Einzelunterricht nehmen. Das ist nicht viel für eine so große Herausforderung. Die Praxis hat jedoch gezeigt, dass es machbar ist, wenn neben den Musiklehrer:innen auch noch zwei weitere Lehrkräfte aus dem Bereich Musik unterstützen. Idealerweise finden die Einzelproben parallel zum Epochen- oder Fachunterricht statt, sodass man mit einzelnen Schüler:innen arbeiten kann. Dies gelingt jedoch nur, wenn das Projekt von allen Kolleg:innen als wertvoll angesehen wird und die Zusammenarbeit gelingt. Im regulären Musikunterricht wird dann an chorischen Werken gearbeitet, um auch noch einen gemeinsamen Auftritt zu ermöglichen. Die Schüler:innen bekommen am Anfang des Projekts ein Stück gemäß ihrer Tonhöhe zugewiesen. Im ersten Jahr stand das «romantische Kunstlied“ im Mittelpunkt, darauffolgende Jahrgänge hatten andere Schwerpunkte und Genres, zum Beispiel jiddische Musik, Irish-folk, französische Chansons oder deutsche Schlager der 20er Jahre. Die Schüler:innen dürfen auch noch ein zweites Stück aussuchen, das in das Themenfeld passt. Am Ende der Probenzeit steht das Fest der Stimmen für die Schulöffentlichkeit.
Solosingen in der elften Klasse konfrontiert mit eigener Identität, Vorstellungen und Ängsten und stellt Schüler:innen auf die Probe. Gerade dann ist es wertvoll, durch das Nadelöhr zu gehen und zu merken, dass sich inneres Erleben und äußere Form im Gesang in Gleichklang bringen lassen. «Ich habe es geschafft, mich der Welt zu zeigen, mit meiner eigenen Stimme.» Das ist ein Bekenntnis zu sich selbst und zu den anderen in der eigenen Einzigartigkeit. Während die eine Person ihre Angst überwindet und plötzlich mit kräftiger, frei gewordener Stimme singt, entfaltet eine andere musikalische Zartheit und Verletzlichkeit, die man mit dem sonst so selbstbewussten Auftreten nie verbunden hätte. Solosingen kann Schüler:innen aus festgeschriebenen Rollen im Klassengefüge befreien.
Körperarbeit, Bildkraft und Hingabe
Schnell wird klar, dass Solosingen mehr ist, als nur ein Lied darzubieten. Unter der individuellen Zuwendung der Lehrkräfte erfahren die Schüler:innen bei der Arbeit, worauf es ankommt: auf Körper- und Kopfhaltung, auf eine Wachheit in der Mimik und auf ein gelöstes Gesicht. Es gilt zu erforschen: Wo sitzen Verspannungen? Wie fühlt sich eine entspannte Stirn an? Wie stehe ich da? Nach den ersten Tönen zeigt sich meist, woran zu arbeiten ist.
Wesentlich ist die Hingabe an Musik und Stimme: sich selbst vergessen und dabei ganz bei sich sein. Häufig besteht die größte Herausforderung darin, von Vorurteilen, Selbstanalyse und Selbstbewertung abzulenken. Hinter den Kulissen üben manche zuerst einen Wutanfall, um das volle Potenzial von Stimme und Ausdruck zu spüren. Andere müssen sich durchschütteln, um ein wohliges Körpergefühl zu gewinnen. Wie schön klingt die Stimme, wenn ich mit einem bis zum Rand vollen Wasserglas durch den Raum balanciere, und wie leicht komme ich in die Höhe, wenn ich dabei einen Ball werfe oder so tue, als würde ich ein Klavier schieben. Die Stimme entfaltet sich, wenn ich gegen einen Widerstand ansinge oder «Aufzug fahre».
Wieder ganz werden
Ein weiterer Aspekt: Neben dem Körpergefühl lernen Schüler:innen, seelische Komponenten des Gesangs zu entdecken und Emotionen eines Lieds erinnernd zu beleben. In den Proben helfen treffende Bilder: «Streiche mit der Hand über die Oberfläche eines imaginären Sees, über den die ersten Sonnenstrahlen mit dem Nebel spielen, ohne eine Welle zu machen» oder «Erinnere dich an Traurigkeit. Wie fühlt sie sich an? Kannst du dieses Gefühl singen?»
Beim Singen werden wir wieder ganz. Wir entdecken Facetten und Vielfalt, üben Hingabe und wachsen über selbst gesteckte Grenzen hinaus.
Rückblicke aus den Klassen: Viele Schüler:innen kamen zu der Erkenntnis, dass Singen vor anderen «eigentlich nicht peinlich» ist und der Gesang der anderen bewundert wird; manche betonen, wie stolz sie auf sich und die Gruppe sind und dass die Klassengemeinschaft so gut war wie noch nie. Andere berichten, sie wollten weniger Vorurteile haben, nicht negativ gegenüber Unbekanntem sein und sich nicht von außen betrachten. Während des Konzerts, so schildern es einige, würden Eltern und Zuhörer:innen nicht verurteilen, sondern mitfiebern. Viele trauen sich nun mehr zu, fühlen sich selbstbewusster, können ohne Probleme vor der Klasse stehen und Referate halten. Es gab ein Gefühl der Stärke, der Glaube an die eigenen Fähigkeiten ist gewachsen. Häufig waren Rückmeldungen wie diese: «Ich nehme mit, dass ich auch Dinge, die als Hürde erscheinen, problemlos meistern kann.» «Wahrscheinlich bin ich, wobei ich es jetzt noch nicht ganz merke, sehr gewachsen. Auch denke ich jetzt, dass ich alles schaffen kann.»
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