Was sich an der Waldorfschule in der kleinen Stadt Haan zeigt, ist ein bundesweites Phänomen über sämtliche Schulformen hinweg. Immer mehr Jugendliche geraten hierzulande in den Sog des Rechtspopulismus, entwickeln rechte Gedanken oder verüben sogar rechtsextremistisch motivierte Straftaten.
Bei der Bundestagswahl 2021 hat die rechtspopulistische und in Teilen rechtsextreme AfD in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen noch sieben Prozent der Stimmen erhalten. 2025 waren es 21 Prozent. Im gleichen Zeitraum hat sich die Anzahl rechtsextremer Straftaten von jungen Menschen bis zu einem Alter von 24 Jahren sogar mehr als verdoppelt. 2020 registrierten Bundesbehörden rund 3200 Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund. 2024 wurden in der gleichen Altersgruppe 7100 Fälle erfasst. In 3400 Fällen waren die jugendlichen Täter:innen zwischen 14 und 17 Jahren alt. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor.
In der Vorbildfunktion herausgefordert
In der Waldorfschule in Haan waren es viele vermeintlich kleine Auffälligkeiten, die sich nach und nach zu einem Bild verdichteten und einen Handlungsbedarf erkennen ließen. Lehrer Felix Hedderich erinnert sich zunächst an diffuse Äußerungen im Ethikunterricht, die eine Nähe zur AfD erahnen ließen. «Die CDU sei viel zu lasch. Wir bräuchten viel mehr Abschiebungen. So in die Richtung ging das», zitiert Hedderich seine Schüler:innen. Hedderich gibt Musik in der Oberstufe, ist Klassenbetreuer in der elften Jahrgangsstufe und gehört dem Vertrauensteam seiner Schule an. Am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, seien Schüler:innen störend bei einer Schulkinovorführung des Films Schindlers Liste aufgefallen. Einem Aktionstag gegen Rassismus, den die Schüler:innenvertretung der Schule organisiert hatte, blieben manche Jugendliche fern – teilweise mit einem Entschuldigungsschreiben ihrer Eltern, die sich über den Aktionstag empörten. Zuletzt tauchten wiederholt Hakenkreuze in der Schule auf – eingeritzt oder aufgeschrieben. Das Kollegium hat angekündigt, weitere Schmierereien zur Anzeige zu bringen.
Zusammen mit Hedderich sitzen auch Mutter Gwendolin Behnke, Schulsozialarbeiterin Andrea Behr-Fischer und Lehrerin Julia Meyer-Krahmer im Vertrauensteam. Sie alle kennen das mulmige Gefühl, das sich breit macht, wenn man sich durch junge Menschen mit rechten Gedanken konfrontiert sieht, die Anzeichen dafür aber nebulös sind und man weiß, dass es jetzt auf einen selbst als Erwachsenen ankommt, der Haltung zeigt. Meyer-Krahmer spricht zum Beispiel von Deutschlandflaggen auf Französischheften und von Reichsadlern im Kunstunterricht, die Schüler:innen gezeichnet haben. «Ich hab mich da sehr herausgefordert gefühlt in meiner Vorbildfunktion als Lehrkraft. Weil wir niemals Schüler:innen bloßstellen sollten. Und auch, weil es schwierig ist, in der Schule mit der eigenen politischen Orientierung aufzutreten», sagt Meyer-Krahmer. Sie gibt Deutsch und Französisch in der Oberstufe. Hedderich ergänzt: «Genau, es gibt den Beutelsbacher Konsens, der die politische Einflussnahme durch Lehrkräfte verbietet. Es gibt aber auch das Toleranz-Paradoxon nach Karl Popper. Die Toleranz schafft sich selbst ab, wenn sie zu tolerant gegenüber intoleranten Kräften ist.»
Verfangende Narrative und subtile Umdeutungen
Das Vertrauensteam, das aus der Erarbeitung eines Schutzkonzeptes hervorgegangen ist, hat sich des Themas angenommen und will die Schulgemeinschaft sensibel und handlungsfähig machen. «Schön war, zu erleben, dass es diesbezüglich eine starke Geschlossenheit im Kollegium gibt. Die Meinungen gehen da nicht sehr weit auseinander. Wir schauen alle in die gleiche Richtung», berichtet Mutter Gwendolin Behnke. Schulsozialarbeiterin Behr-Fischer berichtet, dass das Kollegium mit Hilfe von Profis zunächst einen Überblick übers Thema bekommen sollte. Deshalb hat das Vertrauensteam nach geeigneten Referent:innen und Beratungsstellen in NRW geschaut. «Da hat aber nichts so richtig gepasst. Das Gute lag dann näher als gedacht. Wir haben Frank Steinwachs von der Anlaufstelle für Rassismus, Diskriminierung und Extremismus beim Bund der Freien Waldorfschulen gefunden und eingeladen.» Steinwachs hat über die Vielzahl rechter Strömungen gesprochen; über verfangende Narrative, mit denen sie arbeiten; darüber, wie subtil sie auch die Waldorfpädagogik umdeuten und zu vereinnahmen versuchen. Ein zweites Treffen ist für das kommende Frühjahr geplant. Dann soll es konkreter werden und um Praktisches im Schulalltag gehen.
Politik statt Englisch
Vieles hat sich in Haan aber schon jetzt verändert. In der Oberstufe gibt es schon seit längerer Zeit eine Projektwoche. Die stand zuletzt unter dem Motto Gesellschaft und ich. «Da haben wir zum Beispiel verstärkt Unterkünfte von Geflüchteten besucht. So kommt man ins Gespräch. Denn echte Begegnung hilft fast immer», erzählt Behr-Fischer. Schnell einig war sich das Kollegium in Haan auch darin, dass es mehr politische Bildung in der eigenen Schule braucht. «Das allein in die zehnte Klasse zu packen, reicht bei Weitem nicht aus. Wir brauchen das auch in den Klassen 8 und 9», berichtet Hedderich. Ein Kollege hätte deshalb im vergangenen Schuljahr Englischstunden abgegeben und stattdessen Politik unterrichtet. Außerdem soll die Griechenland-Epoche in Klasse 5 zukünftig auch eine Einheit zur Demokratie enthalten. «Es ist gut, Basics schon in der Mittelstufe zu etablieren und aufzuzeigen, wie ein gewaltfreies Miteinander funktionieren kann», sagt Behr-Fischer. Für die elfte Jahrgangsstufe ist ab sofort eine Fahrt nach Weimar zum ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald geplant. Behnke, die von Beruf Psychologin ist, sieht das größte Potenzial in der Prävention: «Immer, immer dran bleiben an den Kindern und Jugendlichen – auch wenn sie sich entwicklungsbedingt entfremden und entfernen. Echte Gesprächsangebote sind so wichtig. Um Ängste und Nöte zu kennen, die oft Einfallstore für rechte Gruppierungen sind, und auch, um Fake News entkräften zu können.»
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