Er belastet gegenwärtig das Urteil über die anthroposophisch inspirierten Institutionen, insbesondere auch über die Waldorfschulen. Ausgegangen wird dabei von der These, dass Steiners Aussagen vor über 100 Jahren noch heute in den Waldorfschulen als Lehrmeinung an die Schüler:innen weitervermittelt würden. Es ist im Rahmen dieser Rezension nicht möglich, sich mit der Berechtigung dieser Annahme gebührend auseinanderzusetzen. Hier geht es um die Untersuchung Albert Schmelzers zu Steiners Aussagen über Völker und Rassen, mit der er einen differenzierenden Beitrag dazu leisten möchte, was Steiner tatsächlich in diversen Kontexten zu diesem Themenfeld hinterließ.
Schmelzer ist nicht der erste, der sich in der anthroposophischen Kultur mit Steiners politischen und kulturellen Aussagen befasste. Als langjähriger Oberstufenlehrer für Geschichte und als Dozent in der Waldorflehrer:innenbildung ist er mit Steiners Gesamtwerk umfassend vertraut, jedoch ohne dabei die Distanz zu verlieren, der es zur Auseinandersetzung mit den oft spirituell begründeten Aussagen bedarf. Als promovierter Historiker zieht er für seine Analyse nicht nur die relevanten und schwierigen Passagen aus dem über 95.000 Seiten umfassenden Werk Steiners heran, sondern er arrangiert sie im Kontext der jeweiligen biografischen Situationen und Phasen. Seine Untersuchung vollzieht sich also entlang der Werkgenese. Darüber hinaus gibt er durch kurze Exkurse immer wieder Einblicke in das kulturelle und politische Zeitgeschehen. Schmelzers Stärke ist dabei, Steiners Aussagen weder zu beschönigen noch zu verteidigen, sondern sie als von ihrem Autor verantwortet stehen zu lassen. Der Frage nachgehend, ob es dabei in dessen Haltungen nicht nur Veränderungen, sondern auch Entwicklungen gegeben habe, konstatiert Schmelzer letztendlich ein inkonsistentes Bild, das neben dem Wandel von Steiners Argumentation auch Brüche und Widersprüchlichkeiten aufzeigt.
Die leser:innenfreundlichen Fazits am Ende jedes Kapitels helfen dabei, der Frage nachzugehen, ob es eine Entwicklung von Steiners Sichtweisen gegeben hat. Die biografisch angelegte Untersuchung mündet in knappen Zusammenfassungen der Ergebnisse hinsichtlich der Frage, wie Steiners Auffassungen sowohl in seine Zeit einzuordnen als auch aus gegenwärtiger Sicht zu betrachten sind. Hier stellt Schmelzer zunächst fest, dass sich die Auffassung vom Menschen, der als geistige Individualität der Höhepunkt einer langen Evolution sei, durch Steiners Gesamtwerk konstant hindurchzieht. Weiter bilanziert er, dass dessen Auffassung zu Volk und Nation durchdrungen sei von einer hohen Wertschätzung für die deutsche Kultur, die gelegentlich in einen Kulturchauvinismus abzugleiten droht, wobei Steiner ab 1917 sich zunehmend von jedem Nationalismus zugunsten einer kosmopolitischen Kulturauffassung distanziere. Komplizierter fällt die Analyse zu Steiners Rasse-Verständnis aus. Während diese Kategorie in Steiners Biografie 40 Jahre lang keine Rolle spielte, übernimmt er dann mit seiner Verantwortung für die deutsche Sektion der theosophischen Gesellschaft zunächst deren Konzept einer Menschheitsentwicklung in einer Folge von sogenannten Wurzelrassen, von dem er sich dann schrittweise terminologisch und konzeptuell zu lösen scheint.
Ab 1917 distanziert er sich von Rassen-, Volks- und Blutsidealen als Niedergangselementen menschlicher Kultur. Dann stellt Schmelzer Steiners Rückgriff auf rassistische Theoriefragmente in den sogenannten Arbeitervorträgen von 1922 und 1923 fest, verzichtet aber auf eine Deutung dieses Widerspruchs in Steiners Argumentation und lässt auch das niedrige gedankliche Niveau dieser Aussagen unkommentiert.
Gesondert weist Schmelzer auf Steiners ambivalente Haltung zum Antisemitismus hin, den dieser einerseits politisch ablehnt, andererseits aber die Assimilation der jüdischen Kultur in die Mehrheitsgesellschaft vertritt und selbst stereotype Charakterisierungen für das Judentum verwendet.
Ihren besonderen Reiz bezieht die Darstellung Schmelzers aus dem schon im Titel angekündigten Spannungsfeld zwischen Steiners Würdigung des Individuums und seiner Kulturtheorie. Damit folgt er der Struktur des gegenwärtigen Diskurses um die Diskrepanz der Freiheitsphilosophie des deutschen Idealismus und den Rassenideen einiger seiner maßgeblichen Autoren. Schmelzer verzichtet aber für Steiner auf das in vielen Untersuchungen zu vergangenen Denkern anklingende Argument der Zeitbedingtheit ihrer stereotypisierenden rassistischen Urteile, sondern stellt vielmehr klar, dass es zu Steiners Lebzeiten in den Diskursen durchaus einen sprach- und kulturbewussteren Umgang mit rassistischen Denkgewohnheiten gab, als er in seinem Werk aufzufinden ist.
Und er misst Steiner an dessen eigenen ideellen Ansprüchen. Dabei zeigt Schmelzer die Problematik von Steiners Äußerungen vor dem Hintergrund heutiger liberaler Ansprüche auf, verzichtet aber erfreulicherweise auf jede investigative Selbstgerechtigkeit. Schmelzer urteilt vorsichtig, gelegentlich hat man beim Lesen den Eindruck, dass die von ihm erstrebte Klarheit auch Produkt eines schmerzvollen Prozesses ist, in dem er die Decke apologetischer Relativierungen von Steiners Werk zieht und Äußerungen eben so dastehen lässt, wie sie gemacht wurden.
Die inklusive der Anmerkungen 330 Seiten umfassende Untersuchung endet mit dem wichtigen Hinweis auf drei Desiderate. Schmelzer mahnt hierbei erstens eine Untersuchung zu Steiners Darstellung der Kulturepochen an, die auch den Kontext der Geschichtswissenschaft seiner Zeit einschließt. Zweitens empfiehlt er die Untersuchung von Steiners Aussagen zu den Weltreligionen, die auch die Frage berücksichtigt, inwiefern der Vorwurf, Steiner habe eurozentristisch die christliche Weltanschauung priorisiert, Gültigkeit hat. Drittens erachtet er eine Untersuchung von Steiners Charakterisierungen indigener Kulturen als notwendig, die in ihrer Typologisierung heute als diskriminierend wahrgenommen werden können, aber in ihrer Charakterisierung auch Züge aufweisen, die mit den heutigen Selbstaussagen übereinstimmen.
Den Geist, aus dem Schmelzer die Untersuchung vorangetrieben hat, kann man seinen letzten Zeilen entnehmen: Er sieht im Zentrum von Steiners Anthroposophie die Idee der Selbsterfassung des Menschen als geistiges Wesen. So verstanden, besteht Anthroposophie weniger im Bestand von Steiners Aussagen als vielmehr im ideellen Selbstvorhaben der Individuation, welches sich in Diversität ausformt. Schmelzers lesenswerte Analyse eignet sich sowohl für Personen, die sich mit dem Werk Steiners vertraut wähnen, als auch für Menschen, die sich ihm fragend annähern. Sie klärt auf, differenziert, statt zu polarisieren und ist so eine wesentliche Hilfe, sich zu Steiners anthroposophischem Werk in ein bewussteres Verhältnis zu setzen.
Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.