Ausgabe 10/25

Ein Hoch auf die Fehlbarkeit

Nele Auschra


Sie müssen ihre eigene Fehlbarkeit erkennen und Mechanismen der Selbstkorrektur etablieren, wenn sie ihren Fortbestand durch stetige Entwicklung sichern wollen. Je stärker eine Einrichtung auf ihre Unfehlbarkeit pocht, desto häufiger werden Fehler und Fehltritte zu Irrungen Einzelner erklärt – und desto mehr sinkt die Entwicklungsfähigkeit. Hier bringt Harari den Vergleich mit den Kirchen ins Spiel. Wo hingegen eine Institution ihre eigene Fehlbarkeit prinzipiell akzeptiert – etwa im Wissenschaftsbetrieb oder in einer funktionierenden Demokratie – führen Selbstkorrekturmechanismen zu Entwicklung: Thesen dürfen widerlegt, politische Fehler eingestanden, Macht durch Gewaltenteilung begrenzt werden.

Dass Waldorfschulen und mit ihnen der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) seit knapp 80 Jahren ununterbrochen existieren und die Waldorfpädagogik bis heute weltweit attraktiv ist, zeigt mir, dass auch wir über funktionierende, generationenüberdauernde Mechanismen verfügen. Lange Zeit hatten wir den Eindruck, ohne klare Verfahren auszukommen, haben unseren Kanon davon weitgehend ausgenommen und allzu oft angenommen, dass Missstände auf fehlbare Einzelpersonen zurückzuführen seien. Das ändert sich. In den letzten Jahren ist vieles geschehen: Der BdFWS hat Werkzeuge wie Anlaufstellen und geregelte Verfahrenswege entwickelt und entsprechende Satzungsgrundlagen geschaffen. In den laufenden Projekten der Pädagogischen Forschungsstelle werden Curricula überarbeitet und an wissenschaftliche wie gesellschaftliche Entwicklungen angepasst. Wollen wir jedoch langfristig lebendig bleiben, müssen wir die «Unfehlbarkeitsfalle» bewusst meiden und uns als lernende Organisationen begreifen. Das Überdenken und Weiterentwickeln unserer lange als gesetzt geltenden Grundlagen sollten wir uns ebenso gestatten wie die Anerkennung möglicher Fehlbarkeiten und Irrtümer des vor 100 Jahren gestorbenen Begründers der Waldorfpädagogik, Rudolf Steiner. Hinsichtlich der Fragen zu rassistisch-diskriminierenden Äußerungen und eines heute überholten linearen Kultur- und Entwicklungsbegriffs geschieht dies bereits. Das ist nur der erste Schritt – institutionelle Fehler zu korrigieren, indem beispielsweise auf einem teils überholten Geschichtsverständnis aufbauende Lehrwerke dekolonisiert werden, ist der nächste.

Ich wünsche uns, dass wir sorgsam, aber konsequent weitere Schritte unternehmen, auch wenn sie schmerzhaft sein mögen, weil sie Gewohntes und Sicheres infrage stellen. Aber nur so bleiben wir entwicklungsfähig und können jungen Menschen auch in Zukunft Zugang zu Schulen mit einer lebendigen, modernen Waldorfpädagogik ermöglichen. 

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